Cabera ritt an Julius’ Seite, und die beiden wechselten immer dann die Pferde, wenn Pompeius es tat, alle zwölf Meilen an den Zwischenstationen. Pompeius wusste nicht mehr genau, was er von dem jungen Tribun halten sollte. Seit sie auf dem großen Forum zugesehen hatten, wie Cato gestorben war, hatte er nur wenige Worte an ihn gerichtet, trotzdem kam er ihm wie ein völlig anderer Mensch vor. Das innere Feuer, das Pompeius erschreckt hatte, als Julius das Kommando über die neue Zehnte Legion übernommen hatte, schien ihn verlassen zu haben. Es war nicht derselbe Mann, der jetzt auf der Straße dahinritt, ohne auf den Weg zu achten, so dass sein Pferd wegen der mangelnden Führung durch seinen Reiter nervös mit den Augen rollte. Pompeius beobachtete ihn jeden Tag sorgfältig. Er hatte schon mehr als einmal erlebt, dass Männer nach einer persönlichen Tragödie zerbrochen waren, und falls Julius nicht mehr in der Lage sein sollte, sein Kommando zu führen, würde er nicht zögern, ihn seines Postens zu entheben. Marcus Brutus konnte die Aufgabe ebenso gut erfüllen, und insgeheim gestand sich Pompeius ein, dass Brutus ihm niemals so gefährlich werden würde wie dieser Cäsar. Die Art und Weise, wie der junge Julius das Kommando über die Primigenia übernommen und trotzdem die Freundschaft mit Brutus bewahrt hatte, sagte eine Menge über seine Tüchtigkeit aus. Vielleicht war es besser, ihn zu ersetzen, bevor er völlig über den Mord an seiner Frau hinweggekommen war, solange er noch schwach war.
Pompeius blickte auf die breite Straße, die sich vor ihnen erstreckte. Crassus hatte nicht den Mumm, die Sklavenarmee zum Kampf zu stellen, das hatte er von dem Augenblick an gewusst, als er gehört hatte, auf wen die Wahl des Senats gefallen war. Der Sieg würde ihm allein gehören, und weniger würde auch nicht genügen, um die Fraktionen im Senat zu vereinen und sich selbst in Rom an die Macht zu bringen. Irgendwo vor ihm blockierte die Galeerenflotte das Meer, und damit war die Rebellion der Sklaven zu Ende, auch wenn sie es noch nicht wussten.
Spartacus sah von den Klippen aufs Wasser hinaus und beobachtete, wie ein weiteres Schiff von den Galeeren aufgebracht und in Brand gesteckt wurde. Das Meer wimmelte vor Schiffen, die vor der römischen Flotte flohen, in verzweifelter Hast die Ruder in die unruhige See tauchten und versuchten, ohne Zusammenstöße um einander herumzumanövrieren. Die Galeeren der römischen Flotte hatten zu viele Jahre mit vergeblichen Verfolgungen verbracht, um die Zerstörung jetzt nicht genüsslich auszukosten. Einige Schiffe wurden geentert, die meisten jedoch in Brand geschossen. Jeweils zwei Galeeren steuerten längsseits und ließen Feuer auf das feindliche Deck regnen, bis die Piraten in den Flammen umkamen oder schreiend ins Meer sprangen. Wer entkommen konnte, segelte so rasch wie möglich von der Küste fort und nahm die letzte Aussicht auf Freiheit mit sich.
Die Klippen waren von seinen Leuten gesäumt. Alle schauten hinaus, die frische Seeluft auf den Gesichtern. Die Felsen waren mit frischem, grünem Frühlingsgras bewachsen, ein leichter Nieselregen färbte ihre schmutzigen Gesichter unbemerkt dunkler.
Spartacus sah sie an, seine zerlumpte Armee. Alle waren hungrig und müde, wie betäubt von dem Wissen, dass ihre gewaltige Flucht quer durch das ganze Land endlich vorbei war. Trotzdem war er stolz auf sie alle.
Krixos gesellte sich zu ihm. Auch ihm war die Erschöpfung anzusehen. »Jetzt gibt es keinen Ausweg mehr, oder?«
»Nein. Ich glaube nicht. Ohne die Schiffe sind wir erledigt«, antwortete Spartacus.
Krixos ließ den Blick über die Männer rings um sie herum schweifen, die ohne Hoffnung auf dem Boden saßen oder im feinen Regen standen. »Es tut mir Leid. Wir hätten übers Gebirge ziehen sollen«, sagte er leise.
Spartacus zuckte die Achseln und lachte auf. »Aber wir haben sie ganz schön gescheucht, was?«, sagte er. »Bei den Göttern, wir haben ihnen eine Mordsangst gemacht.«
Dann schwiegen sie lange. Draußen auf dem Meer wurden die letzten Piratenschiffe verfolgt oder geentert, die Galeeren glitten unter dem Schlag ihrer langen Ruder hin und her. Der Rauch von den brennenden Decks stieg in den Regen empor, heiß und wild wie die Rache.
»Antonidus ist weg«, sagte Krixos plötzlich.
»Ich weiß. Er kam gestern Abend zu mir und wollte etwas von dem Gold.«
»Hast du es ihm gegeben?«
Spartacus zuckte die Achseln. »Warum nicht? Wenn es ihm gelingt, zu entkommen, dann viel Glück. Hier gibt es für uns nichts mehr zu gewinnen. Du solltest auch verschwinden. Vielleicht kommen ein paar von uns auf eigene Faust durch.«
»Er kommt nicht an den Legionen vorbei. Dieser verdammte Wall, den sie aufgeworfen haben, schneidet uns alle ab.«
Spartacus erhob sich.
»Dann müssen wir ihn eben durchbrechen und uns anschließend zerstreuen. Ich warte nicht darauf, bis wir hier wie die Lämmer abgeschlachtet werden. Ruf die Männer zusammen, Krix. Wir verteilen das Gold, damit jeder wenigstens ein oder zwei Stücke bekommt, und dann fliehen wir noch einmal.«
»Sie werden uns zur Strecke bringen«, meinte Krixos.
»Sie können uns nicht alle erwischen. Dazu ist das Land zu groß.«
Spartacus streckte die Hand aus, und Krixos schlug ein.
»Bis wir uns wiedersehen, Krix.«
»Bis dann.«
Es stand kein Mond am Himmel, der sich den Soldaten auf der großen Narbe, die sich von Küste zu Küste erstreckte, hätte zeigen können. Beim Anblick des Bauwerks hatte Spartacus in stummer Ungläubigkeit den Kopf darüber geschüttelt, dass ein römischer Feldherr die Dummheit begehen sollte, die Sklaven zwischen sich und dem Meer einzukesseln. In gewisser Hinsicht war es ein Anzeichen von Respekt gegenüber seinen Anhängern, dass die Legionen es nicht wagten, sie weiter zu verfolgen, sondern sich damit zufrieden gaben, dazusitzen und über ihre Gräben hinweg in die Dunkelheit zu spähen.
Spartacus lag im struppigen Gras auf dem Bauch, das Gesicht mit Erde geschwärzt. Krixos lag neben ihm, und hinter ihm war eine lange Schlange von Männern versteckt, die auf den Ruf zum Angriff warteten. Niemand hatte seinem letzten Vorschlag widersprochen. Sie alle hatten die Schiffe brennen sehen, und ihre Verzweiflung war in verbitterte Schicksalsergebenheit umgeschlagen. Der große Traum war ausgeträumt. Wie Flugsamen würden sie vom Wind verweht werden, und die Römer würden nicht einmal die Hälfte von ihnen erwischen.
»Der Graben ist so lang, dass die Linien nur sehr schwach besetzt sein können«, hatte Spartacus ihnen bei Sonnenuntergang gesagt. »Wir bohren uns wie ein Pfeil durch ihre Haut, und bevor sie sich sammeln können, sind die meisten von uns durch und in Sicherheit.«
Niemand hatte gejubelt, aber die Nachricht war ohne große Aufregung weitergegeben worden; dann hatten sich die Männer hingehockt, die Klingen geschärft und gewartet. Nachdem die Sonne untergegangen war, erhob sich Spartacus, und sie folgten ihm, trotteten geduckt durch die Dunkelheit.
Der Wall hinter dem Graben zeichnete sich als dunkle Linie im blassen Licht der Sterne am klaren Himmel ab. Krixos spähte hinüber und kniff dann die Augen zusammen, um die Züge seines Freundes auszumachen.
»Mindestens zehn Fuß hoch, und er sieht ziemlich stabil aus.« Er spürte Spartacus’ Nicken mehr als dass er es sah und ließ seinen verspannten Hals knacken. Die beiden Männer erhoben sich langsam, und Spartacus stieß einen leisen Pfiff aus, der die erste Gruppe zum Wall rief. Wie Schatten versammelten sie sich um ihn, die Stärksten unter ihnen bewaffnet mit schweren Hämmern und Äxten.
»Geht jetzt. Was sie errichtet haben, kann auch wieder niedergerissen werden«, flüsterte Spartacus, und sie machten sich mit langen, federnden Schritten auf den Weg, die Waffen zum ersten Schlag bereit. Dann erhoben sich die Männer hinter ihnen und rannten auf den römischen Wall zu.
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