In der Natur offenbart sich die Liebe Gottes. Was wir auch tun, er wird uns weiterlieben. Also lasst uns achten und begreifen, was die Natur uns lehrt.
Wir lieben, weil uns die Liebe befreit. Sie bringt uns dazu, Worte auszusprechen, die wir nicht einmal uns selber zu sagen wagten.
Sie bringt uns dazu, Entscheidungen zu treffen, die wir immer aufgeschoben hatten.
Sie lehrt uns, nein zu sagen, ohne das Wort zu verteufeln.
Sie lehrt uns, ja zu sagen, ohne Angst vor den Folgen zu haben.
Sie lässt uns alles vergessen, was man uns über die Liebe beigebracht hat, denn jede Begegnung ist anders und bringt ihr eigenes Maß an Qualen und Verzückungen mit sich.
Wir singen lauter, wenn der geliebte Mensch in weiter Ferne, und flüstern Gedichte, wenn er in der Nähe ist. Auch wenn er es nicht hört oder unserem Rufen und Flüstern keine Beachtung schenkt.
Wir verschließen nicht unsere Augen angesichts des Universums, nur um dann zu klagen, ›wie dunkel es doch ist‹. Wir halten die Augen offen im Wissen, dass das Licht uns dazu bringen kann, unerhörte Dinge zu tun. Das gehört mit zur Liebe.
Unser Herz ist offen für die Liebe, und wir geben es furchtlos hin, weil wir nichts mehr zu verlieren haben.
Doch dann entdecken wir beim Nachhausekommen, dass uns dort bereits jemand erwartet, der genau das sucht, was wir auch suchen, und mit uns die gleichen Ängste und Sehnsüchte teilt.
Denn die Liebe ist wie Wasser, das als Wolke in den Himmel steigt und von dort aus herunterschaut – im Bewusstsein, eines Tages wieder auf die Erde zurückzukehren.
Denn die Liebe ist wie die Wolke, die zu Regen wird und als solcher auf die Erde fällt und die Felder fruchtbar macht.
Liebe ist nur ein Wort, bis wir zulassen, dass sie mit voller Kraft von uns Besitz ergreift.
Liebe ist nur ein Wort, bis jemand kommt, der es mit Sinn erfüllt.
Gib nicht auf. Gemeinhin öffnet erst der letzte Schlüssel im Schlüsselbund die Tür.«
Doch ein junger Mann hielt dem
entgegen:
»Deine Worte in Ehren, doch letztlich
haben wir keine Wahl.
Unser Schicksal wird von unseren
Lebensumständen bestimmt.«
Und ein alter Mann fügte hinzu:
»Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen
und die verpassten Gelegenheiten
nachholen.«
Und der Kopte entgegnete:
»Was ich nun sagen werde, mag am Vorabend der Erstürmung unserer Stadt wenig nützlich erscheinen. Dennoch notiert euch meine Worte, und bewahrt sie in eurem Herzen, damit eines Tages alle erfahren, wie wir in Jerusalem gelebt haben.«
Der Kopte schwieg kurz und fuhr dann nachdenklich fort:
»Niemand kann die Zeit zurückdrehen, aber alle können voranschreiten.
Und morgen, wenn die Sonne aufgeht, braucht sich jeder nur immer wieder zu sagen:
›Ich werde diesen Tag so leben, als wäre er der erste meines Lebens.‹
Ich werde die Menschen um mich herum überrascht und staunend ansehen und froh darüber sein, dass sie an meiner Seite sind und etwas mit mir teilen, von dem alle reden, das aber nur selten jemand versteht – Liebe.
Ich werde die erste Karawane, die am Horizont auftaucht, bitten, mich ihr anschließen zu dürfen, ohne nach ihrem Ziel zu fragen. Und ich werde aufhören, ihr zu folgen, wenn etwas Interessanteres meinen Weg kreuzt.
Vielleicht komme ich unterwegs an einem Bettler vorbei, der mich um ein Almosen bittet. Vielleicht gebe ich ihm etwas, vielleicht gehe ich auch einfach weiter, weil ich nicht will, dass er sich mit dem Geld besäuft; ich höre ihn fluchen, mache mir aber nichts daraus.
Vielleicht komme ich aber auch an jemandem vorbei, der gerade versucht, eine Brücke niederzubrennen. Vielleicht greife ich ein, vielleicht aber auch nicht, denn vielleicht tut er es nur, weil ihn auf der anderen Seite niemand erwartet und er auf diese Weise seine eigene Einsamkeit zu vertreiben versucht.
Ich werde alles und alle so ansehen, als wäre es das erste Mal – vor allem die kleinen Dinge, diejenigen, an die ich mich gewöhnt und deren Magie ich vergessen habe. Die Sandkörner in der Wüste beispielsweise, die sich wie von einer unsichtbaren Kraft angetrieben bewegen.
Auf das Stück Papyrus, das ich immer mit mir führe, werde ich zur Abwechslung ein Gedicht schreiben, statt mir Dinge zu notieren, die ich nicht vergessen darf. Auch wenn ich dies nie zuvor getan habe und es vielleicht nie wieder tun werde, so habe ich jetzt doch einmal den Mut, meine Gefühle in Worte zu kleiden.
Wenn ich in ein Dorf komme, das ich bereits kenne, werde ich es auf einem anderen Weg betreten als sonst. Ich werde lächeln, doch die Dorfbewohner werden untereinander sagen: ›Er ist verrückt. Warum kommt er hierher? Krieg und die Zerstörung haben unser Ackerland unfruchtbar gemacht.‹
Aber ich werde weiterlächeln, denn mir gefällt der Gedanke, dass die anderen mich für verrückt halten. Das Lächeln ist meine Art zu sagen: ›Ihr könnt meinen Körper zerstören, aber nicht meine Seele.‹
Heute Abend werde ich, bevor ich aufbreche, meinen Stapel Papyri ordnen, wozu ich bisher keine Lust hatte. Und dabei werde ich auf Teile meiner Geschichte stoßen. Doch wer weiß, vielleicht ist unter den Briefen und Notizen etwas Interessantes, etwas, das mir Vergangenes erzählt oder auf Zukünftiges hinweist. Denn ich bin so weit gereist und so oft irgendwo angekommen und wieder fortgegangen.
Ich werde mein Lieblingshemd anziehen und zum ersten Mal darauf achten, wie es genäht ist, und werde mir die Hände dessen vorstellen, der den Stoff gewebt hat, und den Fluss, an dem die Baumwolle gewachsen ist. Ich werde begreifen, dass all diese unsichtbaren Dinge einen Teil der Geschichte meines Hemdes ausmachen.
Sogar meine Sandalen, die nach so vielem Tragen mit meinen Füßen fast wie verwachsen sind, werden darauf brennen, sich auf die Suche nach einem Geheimnis zu machen, das zu entdecken sich lohnt. Ich gehe in die Zukunft, und die Schrammen auf meinen Sandalen werden mir unterwegs gute Dienste leisten, indem sie mich an all die Male erinnern, in denen ich bereits gestrauchelt bin.
Möge alles, was meine Hand berührt, was meine Augen sehen, mein Mund kostet, sich jetzt anders anfühlen, anders aussehen, anders schmecken, obwohl es sich nicht verändert hat. So werden die Dinge keine tote Materie mehr sein und mir das Geheimnis verraten, weshalb sie schon so lange bei mir sind. Und sie werden mir zugleich das Wunder der Wiederbegegnung mit Gefühlen verschaffen, die von der Routine bereits verbraucht waren.
Ich werde einen Tee kosten, den ich noch nie getrunken habe und von dem alle sagen, er schmecke überhaupt nicht. Und ich werde durch eine Straße gehen, die alle uninteressant finden, und selbst herausfinden, ob ich dorthin zurückkehren möchte.
Falls morgen die Sonne scheint, möchte ich zu ihr hochschauen, als sähe ich sie zum ersten Mal.
Falls der Himmel bewölkt ist, möchte ich den Weg der Wolken verfolgen. Gewöhnlich fehlt mir dazu die Zeit, oder ich bin einfach nicht achtsam genug. Doch morgen werde ich mich auf die Sonnenstrahlen konzentrieren, auf die am Himmel dahinziehenden Wolken und die Schatten, die sie werfen.
Ich werde den Himmel betrachten, für dessen Existenz die Menschheit aufgrund jahrtausendelanger Beobachtung bereits eine ganze Reihe vernünftiger Erklärungen gefunden hat.
Doch ich will alles, was ich über die Sterne gelernt habe, wieder vergessen, damit sie in meiner Vorstellung wieder zu Engeln oder zu Kindern oder zu all dem werden können, was ich dann glauben möchte.
Die Zeit und das Leben haben alles vollkommen erklärbar gemacht – ich aber brauche das Mysterium, den Donner, der die Stimme eines zornigen Gottes ist, obwohl dies viele hier für gotteslästerlich halten.
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