Wenn sie dann in ihren Zelten liegen und vor lauter Sorgen und Zweifeln nicht schlafen können, sagen sie sich: ›Morgen, und erst morgen, mache ich den nächsten Schritt. Denn inzwischen kenne ich den Weg und kann jederzeit umkehren. Ein Schritt mehr ist noch nicht die Welt.‹
Bis die Hindernisse weniger werden, mit denen der Weg den Reisenden auf die Probe stellt. Worauf seine Sorgen verfliegen und er sich an der Landschaft und den Herausforderungen, die sie an ihn stellt, zu erfreuen beginnt.
Und während er bisher gedankenlos immer weiter gegangen ist, so macht er jetzt jeden Schritt ganz bewusst. Und statt Sicherheit und Bequemlichkeit vorzugaukeln, lehrt ihn der Weg, Herausforderungen freudig anzunehmen.
Unterwegs ist ihm nie langweilig, doch irgendwann wird er müde. Dann macht er Rast, genießt die Landschaft und macht sich danach gestärkt wieder auf den Weg.
Und während er früher die Wege schlechtmachte, die er zu gehen fürchtete, beginnt er, sie jetzt zu lieben.
Selbst wenn er nicht weiß, wohin ihn diese letztlich führen. Sogar auf die Gefahr hin, manchmal eine falsche Entscheidung zu treffen. Gott, der seinen Mut sieht, wird ihm die Lösung eingeben, wie er seine Entscheidung korrigieren kann.
Was ihn jetzt noch beunruhigt, sind nicht die Ereignisse, sondern die Angst, nicht zu wissen, wie er damit umgehen soll. Hat er sich erst unwiderruflich für einen Weg entschieden, wächst in ihm auch der Wille, ihn durchzusetzen.
›Schwierigkeiten‹: Sie zeigen uns, wer wir wirklich sind.
Die religiösen Traditionen lehren, dass wir uns Gott nur durch den Glauben und durch Verwandlung nähern können.
Der Glaube zeigt uns, dass wir in keinem Augenblick allein sind.
Die Verwandlung lässt uns das Unbekannte und das Mysterium lieben.
Und wenn alles düster aussieht und wir uns hilflos fühlen, dann lasst uns nicht furchtsam zurückblicken und die Verwandlungen betrachten, die unsere Seele durchlaufen hat, sondern im Gegenteil beherzt nach vorn schauen.
Lasst uns nicht fürchten, was morgen geschieht, denn gestern hat auch jemand über unsere Schritte gewacht.
Und dieser Jemand wird stets an unserer Seite sein.
Seine Gegenwart wird uns vor Leid bewahren.
Oder uns die Kraft geben, uns diesem würdig zu stellen.
Und so schreiten wir immer weiter voran, viel weiter als ursprünglich geplant, immer auf der Suche nach dem Ort, an dem der Morgenstern aufgeht. Und wir stellen überrascht fest, dass er viel leichter zu erreichen ist, als wir gedacht hatten.
Der Todesengel kommt ebenso zu denen, die sich nicht verändern, wie zu denen, die sich verändern. Aber Letztere können sich wenigstens sagen: ›Ich habe ein interessantes Leben geführt und meine Segnungen nicht unnütz vertan.‹
Und jenen, die das Abenteuer scheuen, weil es Risiken birgt, sage ich: ›Versucht es einmal mit der Routine, sie ist garantiert tödlich.‹«
Und jemand bat:
»Wenn alles finster aussieht,
braucht es etwas, das uns neuen
Lebensmut verleiht. Also erzähle
uns etwas über die Schönheit.«
Und der Kopte sagte:
»Wir hören immer wieder den Satz: ›Nicht die äußere Schönheit ist wichtig, sondern die innere.‹ Aber das stimmt nicht.
Wäre es so, warum geben sich die Blumen dann so viel Mühe, um die Aufmerksamkeit der Bienen zu erlangen? Und warum sonst würden sich die Regentropfen in einen Regenbogen verwandeln, wenn die Sonne auf sie trifft?
Weil die Natur nach Schönheit strebt und erst dann zufrieden ist, wenn sie sie erreicht hat.
In der äußeren Schönheit wird die innere Schönheit sichtbar. Und sie zeigt sich im Leuchten in den Augen eines jeden Menschen. Egal, ob jemand schlecht gekleidet ist oder nicht dem entspricht, was gemeinhin als elegant gilt, oder sich auch einfach nicht die Mühe macht, andere zu beeindrucken. Die Augen sind der Spiegel der Seele, und sie spiegeln nicht nur Verborgenes wider, sondern sind auch ein Spiegel für diejenigen, die in sie blicken.
Daher wird jemand mit einer schwarzen Seele im Auge des anderen immer die eigene Hässlichkeit erblicken.
Schönheit ist in allem, was die göttliche Kraft geschaffen hat. Aber da wir Menschen uns oft von dieser Kraft gelöst haben, lassen wir uns vom Urteil anderer leiten.
Weil die anderen sie nicht erkennen können oder wollen, sehen wir unsere eigene Schönheit nicht. Und anstatt uns als die anzunehmen, die wir sind, ahmen wir andere nach.
Wir versuchen, dem zu entsprechen, was andere für schön halten. Und ganz allmählich verkümmert unsere Seele, unsere Willenskraft lässt nach und damit auch unser Talent, die Welt zu verschönern.
Wir vergessen, dass die Welt immer nur der Vorstellung entspricht, die wir von ihr haben.
Wir sind nicht mehr der Mondschein, sondern nur noch die Pfütze, in der er sich spiegelt und die ein sonniger Tag zum Verdunsten bringen kann.
Und all das nur, weil irgendwann jemand gesagt hat: ›Du bist hässlich.‹ Oder jemand anderes: ›Die andere dort ist hübsch.‹ Nur drei Worte haben uns um unser ganzes Selbstvertrauen gebracht.
Und das macht uns hässlich. Und bitter.
In solchen Augenblicken finden wir Trost in der sogenannten Vernunft, die aus einem Bündel von Vorstellungen besteht, das Menschen geschnürt haben, denen es darum geht, die Welt zu bestimmen und einzugrenzen, anstatt das Mysterium des Lebens zu achten. Im Namen der Vernunft werden dann die überflüssigen Regeln, Vorschriften und Maßnahmen eines Verhaltenskodexes festgelegt.
Und uns wird gesagt: ›Kümmere dich nicht um die Schönheit, denn sie ist oberflächlich und vergänglich.‹
Das stimmt nicht. Alles von Gott Geschaffene, von den Vögeln bis hin zu den Bergen, von den Blumen bis hin zu den Flüssen, spiegelt das Wunder der Schöpfung wider.
Wenn wir der Versuchung widerstehen, andere bestimmen zu lassen, wer wir sind, werden wir nach und nach die Sonne zum Strahlen bringen, die in unserer Seele wohnt.
Und wenn dann die Liebe vorbeikommt und fragt: ›Warum bist mir nicht früher aufgefallen?‹, dann antwortet unsere Seele: ›Schau aufmerksamer hin, denn hier bin ich. Ein Windstoß musste erst einmal den Staub aus deinen Augen pusten, aber jetzt, wo du mich erkannt hast, verlasse mich nicht wieder, denn alle sehnen sich nach Schönheit.‹
Die Schönheit liegt nicht in der Gleichheit, sondern im Unterschied. Wir können uns keine Giraffe ohne einen langen Hals und keinen Kaktus ohne Stacheln vorstellen. Erst die Unregelmäßigkeit der Berggipfel, die uns umringen, macht sie eindrucksvoll. Würde Menschenhand allen die gleiche Form geben, würden sie kaum noch achtungsgebietend sein. Gerade das Unvollkommene erstaunt uns und zieht uns an.
Wenn wir eine Zeder anschauen, denken wir nicht: ›Die Zweige sollten alle gleich lang sein.‹ Wir denken: ›Sie ist stark.‹
Wenn wir eine Schlange sehen, denken wir nicht: ›Sie kriecht auf dem Boden, während ich aufrecht gehe.‹ Sondern: ›Sie ist zwar klein, aber dafür bunt, und ihre Bewegungen sind elegant, und sie ist stärker als ich.‹
Wenn ein Kamel uns quer durch die Wüste ans Ziel trägt, sagen wir auch nicht: ›Was hat es für hässliche Höcker und Zähne!‹, sondern: ›Es hat mich getreulich durch die Wüste getragen und verdient meine Anerkennung. Ohne es könnte ich die Welt nicht kennenlernen.‹
Der Sonnenuntergang ist immer schöner, wenn der Himmel von unregelmäßigen Wolken durchzogen ist, denn nur so kann er die vielen Farben widerspiegeln, aus denen die Träume und die Verse der Dichter gemacht sind.
Bedauernswert sind jene, die denken: ›Ich bin hässlich, und deshalb klopft die Liebe nicht an meine Tür.‹ Dabei hat die Liebe durchaus angeklopft, nur waren sie nicht bereit, sie hereinzulassen.
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