Alexandre Dumas der Ältere - Der Frauenkrieg

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Nonen war von Agen. Der Herr Herzog von Epernon, der Sohn des unzertrennlichen Freundes von Heinrich IV., desjenigen, welcher mit ihm im Wagen saß, in dem Augenblicke, wo ihn das Messer von Ravillac traf, und über welchen der Verdacht schwebte, der bis auf Catharina von Medicis zurückging, der Herzog von Epernon hatte, zum Gouverneur der Guienne ernannt, wo ihn sein hochmüthiges Wesen, seine Anmerkungen und seine Erpressungen allgemein verhaßt machten, dieses kleine Bürgermädchen, die Tochter eines einfachen Advokaten, ausgezeichnet. Er machte ihr den Hof und legte mit großer Mühe und nach einer Vertheidigung, welche mit der Geschicklichkeit eines großen Taktikers ausgehalten wurde, der seinen Sieger den Preis den Sieges fühlen lassen will. Aber als Lösegeld für ihren nun verlorenen Ruf beraubte Nanon den Herzog seiner Macht und seiner Freiheit. Nach Verlauf einer Verbindung von sechs Monaten mit dem Gouverneur von Guienne wer es wirklich sie, welche die schöne Provinz regierte, und sie gab mit Wucher allen denen, welche sie einst verletzt oder gedemüthigt hatten, die empfangenen Beleidigungen zurück. Königin aus Zufall, wurde sie Tyrannin aus Berechnung. Bei ihrem feinen Geiste hatte sie das Vorgefühl, daß man die wahrscheinliche Kürze der Herrschaft durch den Mißbrauch ersetzen müßte.

Sie bemächtigte sich demzufolge Alles dessen, was in ihr Bereich kam, riß Schätze, Einfluß, Ehrenstellen an Sich. Sie wurde reich, sie ernannte zu Aemtern, und empfing die Besuche von Mazarin und den ersten Herren des Hofes. Mit wunderbarer Geschicklichkeit die verschiedenen Elemente, über welche sie zu verfügen hatte, zusammenfassend, machte sie sich daraus ein ihrem Ansehen nützliches, ihrem Vermögen vortheilhaftes Amalgam. Jeder Dienst, den Nanon leistete, hatte seinen bestimmten Preis. Ein Grad im Heere, eine Stelle in der bürgerlichen Verwaltung, Alles war in einen Tarif gebracht. Nanon bewilligte einen solchen Grad oder eine solche Stelle, aber man mußte ihr dafür in schönem, gutem Gelde oder durch ein königlichen Geschenk Zahlung leisten. Wenn sie sich so einen Bruchstückes von Gewalt zum Vortheile irgend einen Menschen entäußerte so nahm sie dieses Bruchstück unter einer andern Form wieder ein. Sie gab die Gewalt, behielt aber das Geld, das der Nerv davon ist.«

Dies erklärt die Dauer ihrer Herrschaft: denn die Menschen zögern in ihren Hasse, einen Feind zu stürzen, dem noch ein Trost bleibt. Die Rache will eine völlige Niederlage, ein gänzliches Zugrunderichten. Die Völker jagen ungerne einen Tyrannen fort, der ihr Gold mit sich nehmen und lachend weggehen würde. Nanon von Lartigues besaß zwei Millionen.

Sie lebte auch mit einer Art von Sicherheit auf dem Vulkan, der beständig um sie herum bebte. Sie hatte gefühlt, wie der Volkshaß der Fluth ähnlich stieg, immer größer wurde und mit seinen Wellen die Gewalt von Herrn von Epernon peitschte, der an einem Tage des Zorns von Bordeaux vertrieben, Nanon mit sich zog, wie die Barke dem Schiffe folgt. Nanon beugte sich unter dem Sturme, bereit sich wieder zu erheben, sobald der Sturm vorübergegangen wäre. Sie nahm Herrn von Mazarin zum Muster und trieb, eine demüthige Schülerin, von ferne die Politik des gewandten, geschmeidigen Italieners. Der Cardinal bemerkte diese Frau, welche durch dieselben Mittel, die aus ihm einen ersten Minister und den Besitzer von fünfzig Millionen gemacht hatten, sich vergrößerte und bereicherte. Er bewunderte die kleine Gascognerin; er that noch mehr, er ließ sie gewähren. Man wird vielleicht später erfahren, warum.

Dessen ungeachtet und obgleich Einige, die sich sehr gut unterrichtet nannten, die Behauptung aussprachen, sie stehe in unmittelbarem Briefwechsel mit Herrn von Mazarin, sprach man doch wenig von den politischen Intriguen der schönen Nanon. Canolles selbst, der übrigens hübsch, jung und reich, nicht begriff, das man Intrigant zu sein nöthig haben könnte, wußte nicht, woran er sich in dieser Beziehung zu halten hatte.

Was ihre Liebesintriguen betrifft, mag es nun sein, daß Nanon, mit ernsteren Sorgen beschäftigt, diese auf spätere Zeiten verschob, mag der Lärm, den die Liebe von Herrn von Epernon für sie machte, den Lärm gleichsam verschlungen haben, den Liebschaften zweiten Ranges hätten machen können, jedenfalls waren selbst ihre Feinde nicht verschwenderisch an Scandal gegen sie gewesen, und in seiner persönlichen und nationalen Eitelkeit, konnte Canolles mit einem gewissen Rechte glauben, Nanon habe sich vor seiner Ankunft unüberwindlich gezeigt. Wurde Canolles wirklich der erste Liebeserguß diesen bis dahin nur dem Ehrgeize zugänglichen Herzens zu Theil, oder hatte die Klugheit seinen Vorgängern eine unbegrenzte Discretion gerathen, Nanon mußte als Geliebte ein reizendes Weib, Nanon mußte beleidigt eine furchtbare Feindin sein.

Die Bekanntschaft von Nanon und Canolles hatte sich auf die natürlichste Weise gebildet; Canolles, Lieutenant im Regimente Navailles, wollte Kapitän werden. Er mußte zu diesen Behufe an Herrn von Epernon, den commandirenden General der Infanterie, schreiben. Nanon las den Brief, sie antwortete wie gewöhnlich, im Glauben, sie behandle eine Geschäftsache, und bewilligte Canolles eine Zusammenkunft in diesem Sinne. Canolles wählte unter seinen Familienjuwelen einen prachtvollen Ring, der wenigstens fünfhundert Pistolen werth war. Es war dies immer noch minder theuer, als sich eine Compagnie zu kaufen, und begab sich sodann zu dem Rendezvous. Aber der Sieger Canolles, dem sein prunkables Geleite von gutem Glück voranging, brachte diesmal die Berechnungen und das Besteuerwesen des Fräulein von Lartigues in Verwirrung. Es war das erste Mal, daß er Nanon sah, es war das erste Mal, daß Nanon ihn sah. Sie waren beide jung, schön und geistreich. Die Zusammenkunft ging in gegenseitigen Artigkeiten hin, von dem Geschäfte war nicht mit einer Sylbe die Rede, und dennoch wurde das Geschäft abgemacht. Am andern Morgen erhielt Canolles sein Kapitänspatent, und als der kostbare Ring von seinem Finger, an den von Nanon überging, war es nicht mehr der Preis des befriedigten Ehrgeizes, sondern das Pfand glücklicher Liebe.

Zu Erklärung den Aufenthaltes von Nanon in der Nähe des Dorfes Matifou wird die Geschichte genügen. Der Herzog von Epernon hatte sich, wie wir erwähnten, in Guienne verhaßt gemacht. Nanon, der man die Ehre erwies, sie in einen bösen Genius zu verwandeln, hatte sich verwünscht gemacht. Ein Aufstand verjagte Beide von Bordeaux und trieb sie nach Agen. In Agen aber begann der Aufruhr abermals. Eines Tage warf man auf einer Brücke den vergoldeten Wagen um, in welchem Nonen den Herzog einholen sollte. Nanon befand sich, ohne daß man wußte wie, im Flusse, und Canolles zog sie heraus. In einer Nacht brach in dem Hause von Nanon Feuer aus. Canolles drang bis in ihr Schlafzimmer und rettete sie aus den Flammen. Nanon dachte, ein dritter Versuch könnte den Bewohnern von Agen wohl gelingen. – Obgleich Canolles sich so wenig als möglich von ihr entfernte, so hätte er doch nur durch ein Wunder stets im bestimmten Augenblicke bei ihr sein können, um sie der Gefahr zu entziehen. Sie benutzte einen Abgang den Herzogs, der eine Runde in seinem Gouvernement versuchen wollte, und eine Eskorte von zwölfhundert Mann, von welcher ein Theil zu dem Regiment Navailles gehörte, um sich aus der Stadt zu gleicher Zeit mit Canolles zu entfernen, wobei sie aus dem Schlage, ihrer Carrosse den Pöbel verhöhnte, der gern den Wagen in Stücke geschlagen hätte, aber nicht den Muth dazu besaß.

Dann wählten der Herzog und Nanon, oder Canolles hatte vielmehr insgeheim das kleine Landhaus gewählt, wo Nanon wohnen sollte, bis man ihr ein Haus in Libourne eingerichtet haben würde. Canolles erhielt einen Urlaub, scheinbar um einige Familienangelegenheiten in der Heimath abzumachen, in Wirklichkeit aber, um das Recht zu haben, sein Regiment zu verlassen, das nach Agen zurückgekehrt war, und um sich nicht zu weit von Matifou zu entfernen, wo seine beschützende Gegenwart nothwendiger wurde, als je. Die Ereignisse begannen wirklich einen beunruhigenden Ernst anzunehmen. Die Prinzen von Condé, von Conti und Longueville boten, am vorhergehenden 17. Januar verhaftet und in Vincennes eingesperrt, den vier oder fünf Parteien, welche Frankreich zu dieser Zeit theilten, ernten vortrefflichen Vorwand zum Bürgerkriege. Der Widerwille des Volkes gegen den Herzog von Epernon, von dem man wußte, daß er ganz und gar dem Hofe angehörte, Wuchs immer mehr, obgleich man vernünftiger Weise hätte hoffen sollen, er könnte nicht mehr zunehmen. Eine von allen Parteien, welche in der seltsamen Lage, in der sich Frankreich befand, nicht mehr wußten, woran sie waren, gewünschte Katastrophe stand nahe bevor. Nanon verschwand wie die Vögel, welche den Sturm kommen sehen, vom Horizont und kehrte in ihr Blätternest zurück, um dunkel und unbekannt das Ereigniß abzuwarten.

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