Eine Serpentine reihte sich nun an die nächste und die Kurven wurden immer enger. Obwohl Petra Matteo kaum mehr als ein paar Stunden kannte und erst wenige Kilometer mit ihm gefahren war, vertraute sie seinen Fahrkünsten voll und ganz. Er fuhr sehr umsichtig und trotz des tollen Flitzers nicht unbedingt sportlich.
Vielleicht war er doch kein Gigolo, wie sie heute Morgen noch gedacht hatte. Zu gerne hätte Petra mehr über diesen Mann an ihrer Seite erfahren. Denn je länger sie neben ihm saß, desto geheimnisvoller erschien er ihr. Er redete nicht viel, doch wenn er etwas sagte, dann sehr bedacht und stets freundlich. Und wenn er seine Sonnenbrille abnahm, dann waren es immer wieder seine Augen, die Petra nicht losließen. So wie jetzt, als er ganz unvermittelt nach einer leichten Linkskurve vor einer kleinen Grotte anhielt.
„Wir sind da“, sagte er, stieg aus, sprang um seinen Wagen herum und öffnete Petra galant die Autotür. Beim Aussteigen reichte er ihr die Hand und nun fühlte sich die junge Frau erst recht wie eine echte Diva. Petra konnte sich gar nicht erinnern, ob ein Mann ihr je die Autotür aufgehalten hatte – Frank hatte das, da war sie sich ganz sicher, auf jeden Fall nie getan.
Unterdessen nahm Matteo aus seiner Hosentasche einen Geldschein und steckte ihn in einen kleinen Schlitz am Eingang der Grotte.
„Ich zünde jedes Mal, wenn ich an diesem Ort vorbeikomme, eine Kerze für meine Lieben an, die bereits von mir gegangen sind“, erklärte Matteo und nahm aus dem Fach unterhalb der Kerzenhalter eine lange weiße Kerze hervor. „Hast du auch jemanden, an den du hier gerne erinnern möchtest?“, fragte er Petra.
Die war zwar schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, fühlte sich aber an diesem offensichtlich heiligen Ort mit seiner großen Madonna mitten in dieser scheinbaren Einöde plötzlich sehr bewegt.
„Oh ja“, antwortete sie deshalb. „Es gibt tatsächlich jemanden, an den ich mich hier an diesem Ort gerne erinnern möchte. An meine liebe Oma Lotta, die leider schon so viele Jahre tot ist. Ja, ich sollte für sie hier eine Kerze entzünden.“
Sogleich reichte Matteo Petra eine Opferkerze, doch als diese ihre Geldbörse für den Opferstock zücken wollte, ergriff er ihre Hand. „Was ich eingeworfen habe, reicht für uns beide.“
Dann entzündeten die beiden Besucher in dieser winzigen Grotte am Straßenrand ihre Kerzen und hielten für einen Moment inne.
„Komm, wir setzen uns einen Augenblick hierhin“, sagte Matteo und zeigte auf die Bank direkt am Eingang. „Ich will dir etwas über diese Grotte erzählen. Siehst du dort die Tafel neben dem steinernen Altar? Auf der steht geschrieben ...“ Matteo hielt inne. „Sprichst du eigentlich Italienisch?“, fragte er sodann.
Petra schüttelte den Kopf. „Nein, leider nicht.“
„Gut, dann will ich dir übersetzen, was dort steht. Es heißt: In Erinnerung an das Ehepaar Zerboni Giovanni und Sala Angiolina, geboren in Erno und wohnhaft in Montevideo, die diese Grotte mit ihrem Opfer und ihren Gaben in eine der Jungfrau von Lourdes geweihte Kapelle verwandelt haben. Ich weiß nicht viel über diese Eheleute, aber die beiden haben wohl nach einem großen Unglück, wie man sagt, mit Gottes Hilfe wieder einen guten gemeinsamen Weg gehen können. Aus Dank haben sie diese Kapelle ausgestattet. Mein Vater ist um drei Ecken mit der Familie Sala aus Erno verwandt. Der Ort liegt hinter dem Hügel dort.“ Matteo deutete die Lage des Ortes mit seiner Hand an. „Ist ein kleines Örtchen mit ein paar Häusern. Hier an der Grotte halten oft Menschen an, die beispielsweise durch einen schweren Unfall einen geliebten Menschen verloren haben. Deshalb liegen dort oben auf dem Sims immer wieder auch Fotos von zerstörten Autos oder Motorrädern.“
„Ja, das habe ich auch schon gesehen“, warf Petra leise ein. „Es ist schön, wenn es einen Ort gibt, an dem man Hoffnung und Trost finden kann.“
„Da stimme ich dir zu“, sagte Matteo. „Und ich denke, dass hier viele Menschen Trost suchen, denn eigentlich habe ich noch nie gesehen, dass hier keine Kerze für eine verstorbene Seele brennt. Und das ist gut zu wissen.“
Petra war in diesem Moment sehr bewegt. Ob Matteo auch jemanden verloren hatte, an dessen Seele er hier gerne erinnern wollte? Doch sie kannte den Mann an ihrer Seite zu wenig, um ihm diese Frage stellen zu können. Nein, das wäre unpassend, überlegte sie, sie kannte ihn ja eigentlich gar nicht. Und diese Frage wäre ihr dann doch deutlich zu persönlich gewesen.
Aber so unglaublich es auch schien, wieder einmal machte es den Eindruck, als habe Matteo Petras Gedanken lesen können. So sagte er ganz unvermittelt: „Du fragst dich vielleicht, an wen ich mich hier erinnern möchte, oder? Daraus muss ich kein Geheimnis machen. Es ist meine Frau, derer ich hier gedenke. Sie ist vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Auf der Autobahn Richtung Mailand hat ein betrunkener Fahrer bei viel zu hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und ist in den Wagen meiner Frau gedonnert. Sie wurde in die Leitplanken gedrückt ... und schwer verletzt. Man hat sie dann ins Krankenhaus nach Milano geflogen. Wie durch ein Wunder ist unserem ungeborenen Kind bei dem Unfall nichts passiert. Aurora, meine Frau, hat unsere Tochter noch per Kaiserschnitt zur Welt bringen können. Doch ihre inneren Verletzungen waren so schwer, dass sie fünf Tage später für immer eingeschlafen ist. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun.“
Während Matteo dies erzählte, waren Petra Tränen in die Augen getreten. Was war ihre blöde Trennung von Frank doch läppisch gegen das Schicksal dieses Mannes! Einen geliebten Menschen für immer auf solch tragische Weise zu verlieren, das war unvorstellbar.
Sie schluckte, bevor sie sich getraute zu fragen: „Dein Kind, ist es ...“ Petra fand nicht gleich die richtigen Worte.
„Meine kleine Giulia? Sie ist das Wundervollste, was mir je in meinem Leben begegnet ist. Sie wächst zwar ohne ihre Mutter auf. Doch hat sie in meiner Mutter, ihrer Oma, einen einzigartigen Menschen gefunden, der ihr all die Liebe gibt, die solch ein kleines Wesen braucht. Giulia und ich leben im Hause meiner Eltern. Obwohl, das stimmt nicht so ganz. Wir haben schon unser eigenes Haus, es befindet sich aber auf dem großen Grundstück meiner Eltern, sodass die Kleine, wenn ich arbeite, immer bei ihren Großeltern sein kann.“ Matteo blickte Petra an. „Ich habe lange um meine Frau getrauert“, fuhr er fort. „Und ich habe an diesem Ort immer wieder Kraft tanken können. Manchmal habe ich hier eine Stunde und mehr gesessen. Vor allen Dingen dann, wenn der Schmerz zu groß wurde. Irgendwann aber habe ich erkannt, dass ich weiterleben muss. Schon alleine für meinen kleinen Engel. Du müsstest sie kennen, um zu wissen, was ich meine ...“ Matteo lächelte. „Ich habe heute Morgen, als ich dich am Hotel abgeholt habe, gesehen, dass du dir nicht ganz sicher warst, ob du in mein Auto steigen sollst oder nicht. Deshalb wollte ich dir zuerst meinen Lieblingsort am See zeigen. Damit du weißt, mit wem du es zu tun hast. Und weil ich mir gut vorstellen kann, wie ich“, er ergriff Petras Hand, „mit meinem roten Alfa auf eine junge, schöne Frau aus Deutschland wirken könnte, wollte ich, dass du von Anfang an weißt, mit wem du es zu tun hast. Und nein, ich bin kein Gigolo und kein Draufgänger und kein Frauenheld. Und wenn ich noch ehrlicher sein will: Du bist seit dem Tod meiner Frau die Erste, mit der ich überhaupt einen solchen Ausflug mache.“
Matteo drückte Petras Hand noch ein wenig fester. „Ich wollte nur, dass du all das weißt. Und ich kann dir nicht mal sagen, warum ich wollte, dass du das weißt ...“
Inzwischen hatte Petra einen dicken Kloß im Hals. „Man soll eben nie nach Äußerlichkeiten gehen“, sagte sie sich in Gedanken und war insgeheim froh, dass Matteo ihr so viel über sich erzählt hatte. Sie hatte urplötzlich das Gefühl, diesen Mann schon seit Jahren zu kennen. Es hatte sich von einem auf den anderen Moment eine Vertrautheit eingestellt, die Petra so noch nie bei einem Fremden empfunden hatte.
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