Wenngleich Franz nicht nur Solidarität, sondern auch Mitgefühl mit den verhafteten, verwundeten und getöteten Genossen empfand, bestätigte die Niederschlagung des Aufstandes seine innere Überzeugung, derzufolge man sich gegen eine herrschende Ordnung schlichtweg nicht erfolgreich auflehnen konnte. Der Bauer blieb immer ein Untertan, der Arbeiter immer ein Ausgebeuteter. Da war es gleich, ob man Kopf und Knie vor dem Grafen, dem Bankier oder dem Fabrikanten beugen musste: Die Summe der Demütigungen blieb konstant. Und wollte man sich und die Seinen halbwegs unbeschadet durchs Leben bringen, konnte dies nur dank pünktlicher Pflichterfüllung, verantwortungsvoller Tüchtigkeit und unermüdlichem Fleiß geschehen. Ablenkungen jeder Art, sei es Trunksucht, sei es Kartenspiel oder Revolution, standen der Erreichung eines solchen, wenngleich auch bescheidenen Lebensziels entgegen. Eine fest gefügte Ordnung war das halbe Leben, anspruchslose Anständigkeit war der Rest. Den Ruf Wacht auf, Verdammte dieser Erde! hatte Franz nie auf sich bezogen.
Auch in Heidenreichstein hatte es an diesem Tag einen Zwischenfall gegeben, berichteten die zur Schicht antretenden Kollegen. Die Hahnenschwanzler wollten gegen Mittag ihre Waffen aus dem Kellerdepot in der Schule holen, um für allenfalls aufflammende Kämpfe mit den Schutzbündlern gerüstet zu sein. Zwar waren den Arbeitern in den letzten Wochen die meisten Gewehre bereits abgenommen worden und zu einem Aufstand der Sozis war es bislang auch nicht gekommen, aber man konnte ja nie wissen. Womit die Heimwehr-Leute allerdings nicht gerechnet hatten, war, dass sowohl der Schulwart Hans Bachlechner als auch die Männer der Freiwilligen Feuerwehr als gestandene Sozialisten die Öffnung des Waffendepots zu verhindern wussten. Bachlechner erklärte, er hätte den Schlüssel zur Kellertür „verloren“. Daher musste ein Schlosser aufgetrieben werden. In der Zwischenzeit begann die Feuerwehr, Wasser in den Keller zu pumpen, sodass dieser bei der Rückkehr der Heimwehr mit dem Schlosser bereits unter Wasser stand und die Waffen daher unbrauchbar waren. Bei dem Gedanken an die dummen Gesichter der Hahnenschwanzler musste Franz lachen.
Auf dem Heimweg begegnete er seinem ehemaligen Schulkollegen Ferdi Hofmann. Dieser steckte in einer viel zu weit geschnittenen Heimwehr-Uniform und hatte ein Gewehr geschultert. Franz hielt ihn an und erkundigte sich, wohin er denn in diesem Aufzug unterwegs sei. Ferdi antwortete, dass er zu einer Patrouille durch den Ort abkommandiert worden sei. Da aber die Karabiner aus dem Depot nicht einsatzfähig seien, habe er sich die Jagdflinte seines Vaters ausgeliehen, um sich nötigenfalls gegen aufständische Arbeiter verteidigen zu können. Als Franz das hörte, verabreichte er dem jüngeren Freund ohne jede Vorwarnung ein paar jener Ohrfeigen, mit deren Hilfe er die gewohnte Ordnung, die er neben der Ruhe zu den grundlegenden Bürgerpflichten zählte, wiederherzustellen pflegte. Dann nahm er dem völlig Verdutzten das Gewehr ab und schickte ihn mit den Worten nach Hause: Sei nicht so deppert, Ferdi. Es gibt keinen Aufstand. Der ist niedergeschlagen worden. Die einzige Gefahr hier besteht darin, dass du dich oder andere mit deinem Schießprügel verletzt. Geh lieber heim!
Das Gewehr warf Franz ins Teichtl neben der Straße.
2.III.45
Meine Lieben .
In meinen jetzigen Schreiben seit Ihr recht herzlich gegrüßt und bin noch immer gesund. was den Brif vom 1.III.45 anbelangt gib ich euch rezente aufklerung. am Abent wurden wir verlesen. 45 Mann zusammengestellt und den nechsten Tag bekamen wir Marschgepeck. kahltes Essen. In disen Betrieb kommen und gehen immer über nacht. immer wider woanders hin, auch mit den Koffer hatte ich recht eine lustige sache, da man nichts hineinbringt und den grosen (gelben) habe ich zuhause. die Sachen schicke ich nach hause: 1 Mantel, Hose, Rock, 2 Stutzen, 1 Hemt, Leibchen glatt … Badehose, Schuhe. und wegen den Schreiben müst ihr noch warden bis ich eine bestimmte Adrese habe. auch kann ich nicht alles schreiben da ich nicht viel Zeit habe. sonst wird ja einstweilen nichts geschehn sein. auch aus Eisgarn ist ein bekannter bei mir. und noch was: seit alle zwei recht vorsichtig bei Alarm, den ein wiedersehn erst bei Krigsende .
Mit villen Grüßen und Küßen euer Vatter
In den folgenden Jahren kam es nicht allzu häufig vor, dass Franz und Mizzi zur gleichen Zeit zu Hause waren. Da der Zins für die neue Wohnung in der Feldgasse, die das Paar seit zwei Jahren vom Fleischermeister Flicker gemietet hatte, fast den ganzen Lohn verschlang, mussten die beiden zahlreiche Überstunden leisten. An einem der seltenen gemeinsamen freien Tage sagte Mizzi beim Abendessen zu ihrem Mann, dass sie sich einen Radioapparat wünsche. Fast alle ihrer Arbeitskolleginnen besäßen einen, und es wäre doch eine feine Sache, abends vor dem Zubettgehen ein paar Schlager hören zu können. Franz, der sich über Dinge, die zur Bestreitung des täglichen Lebens nicht unabdingbar waren, selten Gedanken machte, blickte Mizzi ein wenig verständnislos an:
Ich weiß nicht recht, Mizzi.
Sicherlich gefällt dem Buben die Musik auch, antwortete sie.
Wo sollen wir denn so ein Kastl hinstellen? Wir haben ja gar keinen Platz dafür.
Das lass nur meine Sorge sein, Franz. Ich finde bestimmt einen geeigneten Ort.
Ein solcher Apparat kostet wahrscheinlich ein Vermögen.
So schlimm ist es nicht, ich habe mich erkundigt. Jedenfalls ist ein Radio billiger als ein Motorrad.
Das saß. Voriges Jahr hatte ihr Mann sein Rennrad verkauft, seine Ersparnisse zusammengekratzt und sich eine Puch 200 geleistet. Die Maschine war sein ganzer Stolz. Dies umso mehr, als er sie sich gegen den Willen seines Vaters zugelegt hatte, der alles ablehnte, was zur Bestreitung des täglichen Lebens nicht unabdingbar war.
Im Übrigen hab ich auch ein bissl was gespart. Außerdem bin ich mir sicher, dass wir den Apparat beim Kollmann auf Raten nehmen können.
Du willst also, dass ich bei einem Israeliten in der Kreide stehe?
Mein Gott, Franz, jetzt stell dich doch nicht immer so an! Immerhin ist er ein ehemaliger Kollege von dir. Außerdem sind wir jung und verdienen nicht schlecht. Was soll schon groß passieren? Alle Welt macht heutzutage Schulden.
Was alle Welt macht, ist mir herzlich egal, das weißt du. Schau dir doch nur an, was jeden Tag in der Zeitung steht.
Ja, ja, ich weiß. Aber bei den Deutschen geht es seit ein paar Jahren bergauf. Die haben fast keine Arbeitslosen mehr. Die Schornsteine rauchen, die Fabriken produzieren Tag und Nacht. Überall werden Brücken und Straßen gebaut. Sogar ein Auto für alle soll es demnächst geben. Du wirst sehen, bald wird es uns hier auch so gut gehen.
Aber nur, wenn der Hitler die 1000-Mark-Sperre aufhebt. Und was glaubst du wohl, warum bei den Nazis alle eine Arbeit haben? Ich will es dir sagen: Weil die längst den nächsten Krieg vorbereiten. So schaut’s aus, Mizzi!
Das glaub ich nicht! Der Hitler war ja selbst im Weltkrieg eingerückt. Der weiß, was das heißt. Der zettelt sicher nicht noch einmal so ein Gemetzel an.
Dass du dich da nur ja nicht irrst.
Jetzt hör endlich auf mit dem Schwarzsehen. Ich will ja nur ein Radio …
Und dann redete Mizzi ihrem Franz so lange ein Loch in den Bauch, bis er endlich nachgab. Anderntags marschierte er in das Geschäft von Egon Kollmann und kaufte einen Radioapparat – auf Raten. Was deren Rückzahlung betraf, einigte man sich darauf, dass Mizzi jeweils am Ende der Woche, wenn sie von der Fabrik zu ihren Eltern ging, von ihrem Lohn zehn Schilling bei Kollmann abliefern sollte.
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