Die Hüte für meine Mutter macht eine tschechische Modistin, die Frau Kabelka, die ein paar Gassen weiter ihre Werkstatt hat.
Im vergangenen Winter bin ich übrigens bei einem Elternabend im Deutschen Haus erfolgreich in einem Theaterstück aufgetreten. Ich habe einen Rauchfangkehrer gespielt, der eine Bäckerin trifft, und wie ich der Bäckerin mit dem Ofenruß, den ich vorher auf meine Hände gestrichen hatte, die weiße Schürze schwarz gemacht habe, haben alle Leute im Saal, vor allem meine Verwandten, sehr gelacht. Ich habe kurze Zeit daran gedacht, daß ich vielleicht Schauspielerin werden und zum Theater gehen könnte, dann aber ist mir die Idee mit dem Zirkus doch lustiger vorgekommen.
Weil Rauchfangkehrer früher angeblich Zylinder getragen haben, hat mir mein Großvater zu diesem Anlaß seinen geliehen und hat ihn mir vor Begeisterung über meinen Theatererfolg sogar schenken wollen. Es ist ein zusammenlegbarer Zylinder, er läßt sich zu einer Scheibe zusammenschieben und man kann ihn, wenn man ihn nicht auf dem Kopf tragen will, in die Tasche stecken. Einen Schapoklack, sagt er, nennt man das, das ist ein französisches Wort, denn die Franzosen haben diese praktische Kopfbedeckung erfunden. Weil mir der Schapoklack zu groß gewesen ist, hat man an der Innenseite einen zusammengerollten Papierstreifen eingelegt, damit ist es dann ganz gut gegangen.
Ich habe dieses Geschenk meines Großvaters nicht annehmen wollen, weil ich nicht weiß, was ich, wenn ich nicht gerade Theater spiele, damit anfangen soll. Darüber ist mein Großvater zornig geworden und hat den Zylinder über das Geländer der Brücke, über die wir gerade gegangen sind, in den Bach werfen wollen, da habe ich ihm den Schapoklack rasch aus der Hand genommen und mich herzlich dafür bedankt.
Mein Großvater kann auch bei anderen Gelegenheiten sehr zornig werden, gleich darauf aber ist er wieder ganz sanft und gut. Das hat er, sagt meine Großmutter, von seinem eigenen Großvater geerbt, von meinem eigenen Ururgroßvater also, der soll, heißt es, leicht in Zorn geraten sein, wenn ihn etwas geärgert hat. Er war Gastwirt in dem Dorf Niemtschitz, oder wie die Tschechen sagen Njemtschice, das liegt in der Nähe der mährischen Hauptstadt Brünn.
Vielleicht ist mein Ururgroßvater ein Tscheche gewesen, weil in Niemtschitz viele Tschechen wohnen, das aber wissen wir nicht und denken auch nicht darüber nach. Über die Ururgroßväter macht man sich bei uns wirklich keine besonderen Gedanken, es ist uns ziemlich egal, ob sie deutsch oder tschechisch gewesen sind. Warum soll das auch wichtig sein? Mein Onkel Franz und seine Frau, die Tante Frieda zum Beispiel, die schräg gegenüber wohnen, sind deutsch, obwohl in ihrem Familiennamen über das r am Schluß ein Hatschek gesetzt werden muß, wie das sonst nur im Tschechischen üblich ist. Vielleicht haben sie diesen Hatschek auch von einem Ururgroßvater geerbt, der dann irgendwann einmal zum Deutschen geworden ist.
Dafür interessiert sich niemand, und es geht ja auch niemanden etwas an. Manchmal, sagt mein Vater, hat sich ein Pfarrer bei der Eintragung eines neu geborenen Kindes einfach geirrt und den Namen des Täuflings falsch geschrieben, und weil man die mit Tinte geschriebenen Eintragungen in den Taufbüchern nicht ausradieren kann, ist es dann einfach bei der falschen Schreibweise geblieben.
Manchmal soll diese falsche Schreibweise allerdings auch absichtlich geschehen sein, damit es in unserer Gegend mehr Tschechen und weniger Deutsche gibt, das behaupten neuerdings manche Leute. Jedenfalls haben manche Deutsche auf diese Weise angeblich über einem Konsonanten in ihrem Namen einen Hatschek bekommen.
In letzter Zeit lassen allerdings manche Leute, die einen Hatschek in ihrem Namen haben, diesen beim Schreiben absichtlich weg. Mein Onkel Franz und die Tante Frieda haben den ihren jedoch bisher behalten, weil man nur so ihren Namen richtig aussprechen kann.
Namen bedeuten aber ohnedies beinahe gar nichts in unserer kleinen Stadt. Die Tschechen haben nicht selten deutsche Namen wie Müller oder Schmid und die Deutschen heißen Wessely, wie unser Herr Oberlehrer, Ostrtschil oder Nevadla oder Pelinka. Mir ist es gleichgültig, ob einer einen Hatschek in seinem Namen hat oder nicht, wenn ich nach Amerika gehe, muß ich mich ohnedies vollständig umstellen und die Indianersprache erlernen, vor allem die der Apachen, die mir besonders sympathisch sind, und dazu vielleicht auch die der Sioux, damit ich die ewigen Streitereien, die sie mit den Apachen haben, schlichten kann. Vielleicht haben die Indianer auch Hatscheks in ihren Namen oder vielleicht andere schwierige Zeichen, im »Schatz im Silbersee« habe ich nichts darüber gelesen.
In unserer Stadt kann jeder Deutsche etwas Tschechisch, jedenfalls so viel, daß er sich verständigen kann, und beinahe jeder Tscheche kann auch ganz gut Deutsch. Es kommt vor, daß ein Deutscher eine Tschechin heiratet oder umgekehrt, und selbstverständlich spielen die deutschen und die tschechischen Kinder zusammen, vor allem, wenn sie in derselben Gasse wohnen. Genauso ist es, wenn die Buben einer bestimmten Gasse mit den Buben einer anderen Gasse raufen, was erwähnt werden muß, weil es oft vorkommt. Die Gasse, in der ein Bub wohnt, ist viel wichtiger als die Sprache, da helfen alle zusammen, es ist dabei ganz egal, ob einer deutsch oder tschechisch ist.
Natürlich gibt es auch unter den Erwachsenen Streitereien, aber die haben auch meistens nichts mit der Sprache zu tun und so etwas kommt ja auch in anderen Gegenden vor, in denen nur eine einzige Sprache gesprochen wird.
In unserer Stadt ist es also anders als in den Dörfern, in denen nur Deutsche oder nur Tschechen wohnen, und ähnlich soll es zum Beispiel in Pohrlitz sein, das bei den Tschechen Pohorschelice heißt. Das sagt jedenfalls die Marschenka. In Pohorschelice, sagt sie, sind aber nicht wie bei uns mehr Deutsche als Tschechen, sondern mehr Tschechen als Deutsche. Sie weiß das, denn sie hat dort Verwandte.
Schräg gegenüber in unserer Gasse ist das Lebensmittelgeschäft der kleinen Frau Hirsch, wo unsere Josefka, bis zum Zeitpunkt ihrer Verheiratung jedenfalls, neben anderen für die Küche notwendigen Sachen täglich auch fünf Deka frisch vom Bein geschnittenen Schinken gekauft hat, weil ihn mein Vater zum Gabelfrühstück gerne ißt. Ehe die Josefka uns wegen ihrer Verheiratung verlassen hat, hat sie der Marschenka, die seither bei uns angestellt ist, eingeschärft, diese Gewohnheit beizubehalten. Der Schinken, den man bei der Frau Hirsch bekommt, hat sie gesagt, ist der beste Schinken in der Stadt und mein Vater muß schließlich schwer arbeiten und verdient es, zum Gabelfrühstück den besten Schinken zu bekommen.
Die Marschenka befolgt diese Anweisung gewissenhaft, sie geht mit dem in Butterpapier eingewickelten Schinken dann auch noch hinüber zum Bäcker Plicha, bei dem sie eine frisch gebackene Semmel kauft.
Der Herr Plicha ist ein Deutscher, auch die kleine Frau Hirsch ist eine Deutsche, wenn sie auch Jüdin ist.
Auch meine andere beste Freundin ist jüdisch, sie geht aber in die neue Schule, die für die tschechischen Kinder gebaut worden ist, obwohl ihre Eltern eigentlich Deutsche sind. Ihr Vater will, daß sie ordentlich Tschechisch lernt, Deutsch, sagt er, lernt sie daheim sowieso.
Mit der Lilli verstehe ich mich genauso gut wie mit der Alenka. Leider darf sie Verschiedenes nicht, was die Alenka darf, weil ihre Eltern sehr auf sie aufpassen, aber ich darf ja auch nicht alles. Zum Beispiel soll ich zu Ostern nur bei den nahen Verwandten um Eier bitten und nicht wie andere Kinder von Haus zu Haus gehen, und die Lilli soll es schon gar nicht, weil das nicht in ihre Religion paßt. Heuer hat sie aber etwas mehr Freiheit gehabt, weil ihr Kinderfräulein, die Sletschno, über die Feiertage Urlaub genommen hat.
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