Erzählt mir, wie es gewesen ist, sage ich zu den Leuten, die mir in Waldkraiburg begegnen. Sie berichten, woran sie sich erinnern, wie es war, als die ersten von ihnen durch die Wälder gegangen sind. Der erste Kaufmann berichtet, wie er mit dem Fahrrad bis nach München gefahren ist und die Lebensmittel geholt hat, die zugeteilt worden sind. Wie er mit dem Schubkarren nach Kraiburg gefahren ist oder nach Mühldorf um Mehl oder Brot.
Zweiundzwanzig Kilometer weit nach Altötting, siebzehn Kilometer nach Mühldorf, dort habe er mit dem Rucksack die Wurst geholt. Als es zum erstenmal Rübensirup ohne Marken zu kaufen gab, fuhr er mit dem Fahrrad dreißig Kilometer weit, ebensoweit wieder zurück in den Wald, rechts und links je einen Eimer mit Sirup an die Lenkstange gehängt, weil die Eimer bald leer waren, legte er die gleiche Wegstrecke gleich noch einmal zurück. UNTERWEGS IST MIR DANN NOCH DIE GABEL GEBROCHEN. DIE STRASSEN WAREN JA NOCH VOLLER LÖCHER, NICHTS WAR ASPHALTIERT.
Von der Frau erzählen sie, welche die Kinder einsammelte und in einer Baracke den ersten Schulunterricht gab. Nein, nichts mit Behörden und so, das sei erst später gewesen.
Auch der erste Gottesdienst wurde in einer Baracke gehalten. Ein Leintuch als Altardecke, jeder brachte einen Sessel mit. Ein Brautschleier zu Ostern für das Heilige Grab. Dieser Brautschleier sei auch zu Hochzeiten oft verliehen worden.
(Auch Anni ist, etwa zur gleichen Zeit, in geliehenem Brautkleid, mit geliehenem Schleier, über den Teppich der Churhauskapelle nächst Sankt Stephan in Wien gegangen.)
Eine Barackenschule, eine Barackenkirche, ein Barackenkindergarten. Später eine erste feste Kirche in einem Bunker. DAS WAR NOCH EINE RICHTIGE KIRCHE, DA HAT MAN SICH NOCH IN GOTTES NÄHE GEFÜHLT.
Wie die ersten Häuser am Annabergplatz gebaut worden sind, erzählen sie, wie Oskar F. seine ersten Möbel aus Pulverkisten gebaut hat, die Angeln aus Draht für die Türen, die Nägel aus den Dornen des Stacheldrahtes, das habe er in der Gefangenschaft in Rußland gelernt.
Erst Anfang der fünfziger Jahre sei es langsam aufwärts gegangen, da habe es dann schon eiserne Militärbetten gegeben.
Von den Anfängen muß gesprochen werden. Wie sie nacheinander gekommen sind, erzählt Dr. K., der Apotheker, wie der Doktor, der Armeechirurg gewesen war, bei dem amerikanischen Offizier einen Blinddarmdurchbruch diagnostiziert hat, wie der Amerikaner ihn aufgefordert hat, ihn zu operieren.
Yes, habe der Doktor gesagt, ich werde operieren, habe den Amerikaner in der Baracke auf einen Tisch gelegt und mit seinen mehr als bescheidenen Instrumenten so operiert, daß er überlebte. Das hast du gut gemacht, sagte der Offizier, du wirst Chefarzt hier im Krankenhaus.
Was man überhaupt für Möglichkeiten gehabt hat, was man alles werden konnte, wenn man durch Zufall auf die maßgeblichen Leute der Besatzungsmacht gestoßen ist, wenn man es verstanden hat, die Möglichkeiten, die sich boten, wahrzunehmen.
Wie sie einander halfen, wenn ein Kind zur Welt kam, wie die Uralten sich der Kinder annahmen, weil die Jüngeren zur Arbeit gebraucht wurden. DA WAR DIE FAMILIE WICHTIG, DA WAR EINER AUF DEN ANDEREN ANGEWIESEN.
Im Wald hatte man rauchloses Pulver erzeugt, Granaten, Munition für den Krieg, den wenige gewollt hatten, der so viele Opfer gekostet hatte, der auch viel später noch Opfer forderte, weil Unzählige an den Spätfolgen, die sich einstellten, starben. Sie richteten sich in diesem Wald ein, um darin zu leben, sie gingen nicht, als man ihnen die Bewilligung zum Aufbau entzog, bauten mit dem Risiko, wieder vertrieben zu werden, erste, kleine Betriebe auf, blieben und arbeiteten mit Zähigkeit und Fleiß, halfen einander weiter, ließen sich nicht entmutigen, überzeugten schließlich die Behörden und die Besatzungsmacht. Sie erzeugten Ofenrohre, Puppen, Musikinstrumente, Spielwaren, Knöpfe, sie bearbeiteten und veredelten Glas. Von den Unternehmen, zu denen sie damals den Grundstein legten, haben mehrere internationale Bedeutung erlangt. Auch nordböhmische Glasfachleute waren in die Kraiburger Wälder gekommen, Glas sollte in der neuen Siedlung eine bedeutende Rolle spielen.
(Wenn Anna und Bernhard Gäste bewirten, dann trinken diese Wasser und Wein aus Gläsern, die in Waldkraiburg hergestellt worden sind.)
Ich bin durch Waldkraiburg gegangen und habe die Namen der Straßen gelesen, die an die alte Heimat erinnern. Troppauer Straße, Neutitscheiner Weg, Tilsiter Straße, Prager Straße, Adlergebirgsstraße. Ich habe in einem Hotel in der Berliner Straße geschlafen, das zu einem Teil noch aus einem der übriggebliebenen Bunker besteht. Oskar F. hat mir die anderen, noch existierenden Bunker gezeigt, das Jugendzentrum, die Polizeidienststelle in der Nähe des Annabergplatzes, eine Schlosserei. Der Jugendstilmaler Ferdinand Staeger hat bis zu seinem Tod in einem Bunker gewohnt, ich, Anna, habe ihn dort noch besuchen dürfen. Auch jene ersten Häuser, die man am Annabergplatz gebaut hat, sind noch bewohnt.
In einem Bildband sieht man die schmale Straße, die damals über das Bahngeleise geführt hat, hinter dem Bahngeleise ragt hoher Fichtenwald.
Überall ist hier Wald gewesen, sagt Oskar F., und hier war die alte Kirche, die Bunkerkirche, von der meine Frau erzählt hat, man hat sie erst vor ein paar Jahren abgerissen.
Hier liegt noch etwas Schutt davon.
Ich habe mir gedacht, daß Sie das sehen wollen, sagte Oskar F. Auf dem Waldfriedhof gibt es eine Gedenkstätte für die in der Heimat zurückgebliebenen Toten, sie ist aus Ziegeln erbaut, man konnte einen solchen Ziegel kaufen und die Namen und Daten der in der Heimat zurückgebliebenen Toten einbrennen lassen. Ich suchte im Telefonbuch nach Leuten aus dem Adlergebirge, die den gleichen Familiennamen tragen, der auch der meine gewesen ist, es könnten Nachkommen meines Vorfahren Adam, des um 1580 Geborenen, sein. Was ich nicht zu hoffen gewagt hatte, trat ein. Es fand sich eine Familie dieses Namens.
Was hatte ich, als ich die Nummer wählte, eigentlich gehofft?
Ja, sagte die Frau, die sich meldete, sie heiße so und sie stamme auch aus dem Adlergebirge.
Tschenkowitz, ja, das sei ihr bekannt.
Nein, sagte die Frau, es interessiere sie nicht, mit mir in Kontakt zu treten.
Warum denn? fragte die Frau.
Der Plotzner kommt, sagte Anni erschrocken, gehen wir schnell weg.
Nein, sagte Bernhard, das hat keinen Sinn, er hat uns ja schon gesehen.
Ihr werdet euch doch nicht fürchten, sagte Judith.
Plotzner kam mit rudernden Armbewegungen direkt auf sie zu, ein Zweifel war ausgeschlossen, er hatte sie gesucht und auch gefunden. Kleine Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, er schien gelaufen zu sein.
So geht das nicht, Herr Student, sagte er zu Bernhard, das können Sie mit mir nicht machen. Zuerst machen Sie mich lächerlich vor den Leuten, und dann rennen Sie einfach davon.
Anni blickte besorgt, sie dachte daran, was Plotzner ihnen angedroht hatte, er würde Schritte unternehmen, hatte er gesagt, es blieb abzuwarten, wie das gemeint gewesen war.
Das Seil ist hängengeblieben, sagte sie, wir können gar nichts dafür, daß das passiert ist.
Das müssen Sie mir nicht sagen, das haben wir ja alle gesehen, bemerkte Plotzner, aber deswegen brauchen Sie ja nicht den Wandschirm umzuwerfen.
Sie hat sich vor Ihnen gefürchtet, sagte Bernhard.
Lächerlich, sagte Plotzner, und ein Gummibaum ist auch abgebrochen.
Was kostet ein Gummibaum, rechnete Anni. Plotzners Schritte würden den Preis eines Gummibaums einbeziehen.
Sie sind auf sie zugestürzt wie ein wild gewordener Hund, sagte Bernhard.
Hund, wiederholte Plotzner drohend, das sagen Sie nicht noch einmal zu mir, Herr Student!
Ich wollte Sie nicht beleidigen, erwiderte Bernhard. Aber Sie hätten sich sehen sollen, wie Sie losgestürzt sind.
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