Es kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß zum HEIMATGEFÜHL die Gewißheit gehört, als gleichwertig angenommen zu sein, sich als zugehörig betrachten zu dürfen. Das Papier, das den Fremden zum gleichberechtigten Bürger macht, ist von eminenter Bedeutung, aber die Beziehung, die zwischen Menschen geknüpft wird, wiegt mehr. Der Staat weist dir einen Platz zu, an dem du das Recht hast, zu bleiben, aber du brauchst Menschen, die dir sagen: Hier bei uns ist dein Platz, von jetzt an gehörst du zu uns, wenn du dich dazu entschließen solltest, wieder von uns wegzugehen, uns zu verlassen, würdest du uns fehlen. Es liegt auf der Hand, daß hier mehr verlangt wird als eine rechtliche Situation. Zuneigung wird verlangt, vielleicht sogar Liebe.
Das ist sehr viel.
Daß diese Zuneigung in den Anfängen nicht häufig gewährt wurde, ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür gewesen, daß in den ersten Nachkriegsjahren Ehen zwischen Heimatvertriebenen und Einheimischen selten waren. Erst zu Weihnachten 1955 sollte man feststellen, daß die Zahl der Ehen, die in Deutschland zwischen heimatvertriebenen Partnern geschlossen wurden, im Abnehmen sei. Die Neigung der Vertriebenen, untereinander zu heiraten, hieß es, habe nachgelassen. ES WIRD SICHTBAR, WIE SEHR DIE ZEIT MITHILFT, DEN STROM DES ZUSAMMENLEBENS ZU VERBREITERN.
Von den über dreißigtausend in Bayern im Jahre 1951 eingegangenen Ehen wurden dreißig Prozent allein unter Vertriebenen geschlossen. Von den über fünfzigtausend Paaren, die 1954 Kirchen und Standesämter betraten, um miteinander den Bund fürs Leben zu schließen, waren nur noch fünfundzwanzig Prozent reine Vertriebenenehen, die Zahl jener Ehen, bei denen nur einer der Partner ein Heimatvertriebener war, hatte sich beträchtlich erhöht.
DAS SOZIOLOGISCHE AUFGEHEN DER GRUPPE DER VERTRIEBENEN IN DIE GRÖSSERE GRUPPE DES GESAMTVOLKES IST EIN ALLMÄHLICHER PROZESS, DER WOHL NICHT MEHR AUFZUHALTEN IST.
Warum ist der einundzwanzigjährige Nürnberger zu seiner siebzehnjährigen Ehefrau in das Flüchtlingslager Schafhof gezogen, um ihr Schicksal zu teilen, warum zog nicht die junge Ehefrau aus dem Lager zu ihrem Mann? Wahrscheinlich wird großer Mangel an Zuneigung von seiten der Eltern und Verwandten des Ehemannes bestanden haben. Vielleicht hat auch in diesem Fall gegolten, was nicht verallgemeinert werden kann, was aber von vielen Fällen berichtet wird und als realistischer Beweggrund akzeptiert werden muß: Man darf Töchtern völlig verarmter, durch welche Umstände auch immer zu Zigeunern gewordener Leute ein gewisses Wohlwollen entgegenbringen, aber man verheiratet sie nur sehr ungern mit seinen Söhnen und man nimmt sie nur widerwillig in die Familie auf. Völlige Mittellosigkeit ist ein Makel, der schließlich auch zu anderen Zeiten nur selten gerne in Kauf genommen worden ist. Wer selbst nach Besitz strebt, zieht keinen Besitzlosen an sein Herz.
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