Der Onkel hatte von dem Schiff gehört. Fünfhundert Menschen!, sagte er. Nicht vorzustellen! Und jetzt stecken sie die Männer ins Gefängnis, nicht? Mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: Gut, dass sie dich haben.
Warum flüstern wir eigentlich?, fragte Priya belustigt. Onkel konnte manchmal abergläubisch sein wie ein altes Weib. Als Ma krank war, hatte er das Wort Krebs kein einziges Mal über die Lippen gebracht.
Na ja, sagte er und nickte in Richtung Wohnzimmer. Lass sie ihre Sendung hören.
Meine Klienten hätten es viel leichter mit Leuten, die wissen, was sie tun, sagte sie.
Gigovaz hatte ihr ein Buch über Flüchtlingsrecht geliehen, und sie kam nur langsam damit voran. Es war unfair gewesen, ihr diesen Auftrag zu geben, und das machte ihr schwer zu schaffen. Ihre ganze berufliche Laufbahn war über den Haufen geworfen worden – nur wegen ihrer Hautfarbe.
Bisher habe ich immer nur Formulare ausgefüllt, sagte sie. Sklavenarbeit.
Zunehmend regte sich in Priya der Verdacht, dass sie nur zu Gigovaz’ Vorteil da war. Er gerierte sich als Professor und hörte sich gern reden. Es entging Priya nicht, mit welchem Stolz er sie als meine Jurastudentin vorstellte. Die Art und Weise, wie er mit seiner ungeduldigen, fleischigen Hand gestikulierte, machte sie wahnsinnig. Er hatte immer noch nicht gelernt, ihren Namen richtig auszusprechen.
Im Radio erging sich ein Anrufer in philosophischen Erörterungen. Er sprach mit leicht südasiatischem Akzent und machte das runde W jedes Mal zu einem schlanken V . Der Onkel drehte den Wasserhahn auf, und in einer ihrer Gesprächspausen hörten sie, was der Anrufer sagte: Es gibt zwei Wege für den Einwanderer. Den schweren Weg, den ich gegangen bin: Englisch lernen, eine Hochschulbildung erwerben und Berufserfahrung sammeln. Und dann den leichten Weg: Terrorist werden und Flüchtlingsstatus beantragen.
Ah! Der Onkel fuhr zusammen und zog seine Hand aus dem laufenden Wasser.
Abfangen und abschieben, so würde ich das machen, pflichtete der Moderator dem Anrufer bei.
Priya schaltete das Radio aus. Warum hörst du dir diese Station an?
Aus dem Wohnzimmer kam Rats schadenfrohes Gelächter.
Dankbar für diese Ablenkung, steckte Priya ihren Kopf durch die Tür. Sie wollte jetzt nicht mehr über ihre Arbeit sprechen. Auf dem Bildschirm warf ein Affe eine Gurkenscheibe auf den Wissenschaftler, schlug auf die Stangen ein und rüttelte wild am ganzen Käfig.
David Suzuki erklärte: Kapuzineraffen werden böse, wenn sie einen ungerechten Vorteil wittern. Sie sind zufrieden mit der Gurke, bis sie sehen, dass ein anderer Affe Trauben bekommt.
Rat, der immer noch kicherte, schaltete die Sendung auf Pause und stand auf. Was gibt’s zu essen?, fragte er, rieb sich den Bauch und ging in die Küche.
Priya gab ihm einen Puff in die Magengrube. Bei dir wächst da drin wohl auch was Kleines?
Die Decke in der Dachkammer war undicht geworden. Grace hielt die Leiter fest und Steve kam wieder herunter. Er trug Tennisweiß und eine Baseballkappe.
Wieder mal die Abdichtung, sagte er und sprang von der letzten Sprosse. Ich wusste doch, dass die Leute aus Burnaby geschludert haben.
Unmöglich, diese Dachdecker, sagte Grace.
Sie trugen die Leiter in die Garage und hingen sie horizontal an zwei Nägeln auf.
Das muss unbedingt repariert werden, sagte Steve. Ein paar Balken haben schon Moder angesetzt.
Sie gingen durch die Hintertür zurück ins Haus. Der große Familienkalender lag offen auf dem Küchentresen. Grace blätterte ein paar Seiten nach vorn und sagte: Okay, die kommende Woche kann ich nicht, aber die danach wäre schon möglich. Da kann ich mich bestimmt mal eine Stunde aus dem Büro verdrücken.
Super. Steve nahm sich ein Glas aus dem Schrank.
Und diese Woche? Wenn ich einen Dachdecker finde, könntest du da?
Nein, diese Woche kann ich nicht. Er machte das Gefrierfach auf und holte sich mit der bloßen Hand ein paar Eiswürfel heraus.
Grace sah plötzlich einen Termin, den sie vergessen hatte. Die Mädchen haben am Donnerstagnachmittag ihre Geigenprüfung, sagte sie. Und noch ehe Steve etwas sagen konnte, fügte sie hinzu: Du bist dran.
Ich habe eine Sitzung nach der anderen, sagte er. Du weißt ja, wie das bei den Musikern läuft. Du musst vorher da sein, obwohl die nie pünktlich anfangen, und dann musst du immer mit dem Verkehr rechnen. Dann ist der halbe Tag weg.
Ich habe diesen Job erst vor einem Monat angefangen. Wie sieht das aus, wenn ich mir jetzt schon freinehme?
Und ich habe meine freien Tage alle schon weg, sagte Steve und goss sich Limonade ins Glas.
Grace fühlte sich schuldig. Er hatte recht. Die letzten Monate war sie mit Kumis Umzug beschäftigt gewesen und hatte sich nicht um die Familie kümmern können. Steve hatte immer wieder einspringen müssen. Aber als er jetzt aus der Küche ging, so als sei die Sache abgemacht, wurde sie böse. Und alles andere, ist das nichts?, wollte sie sagen. Die auswärtigen Spiele, wenn er einfach weg war und sie alles allein stemmen musste, die vielen Male, die sie früher von der Arbeit nach Hause fahren musste, oder nicht länger bleiben konnte, obwohl Kumi als Elternersatz da war, weil die Mädchen ihre Mutter brauchten.
Es klingelte an der Haustür, und Grace schlug den Kalender zu. Die Mädchen konnten mit dem Bus zu ihrer Musikprüfung fahren, und der Dachdecker musste eben warten. Beim nächsten Regen sollte Steve einen Eimer hinstellen.
Fred hatte eine Hand am Ohr, als Grace die Tür aufmachte. Die können Sie mir per Kurier nach Hause schicken, sagte er. Ich bin dann da.
Grace bat ihn herein und führte ihn zum hinteren Teil des Hauses. Er folgte ihr, immer noch telefonierend.
Die Abhörgeräte und die Vollmacht, sagte er. Ja, beides.
Sie gingen durch die Flügeltür nach draußen. Grace war barfuß und spürte die Hitze der Steinplatten auf der Terrasse. Die Nachmittagssonne stand noch hoch und warf ein angenehmes Licht über die grüne Rasenfläche mit den vom Aufsitzmäher ordentlich gezeichneten Spuren. Grace machte den Sonnenschirm über dem Terrassentisch auf. Über die Ligusterhecke hinweg konnte sie die schrägen Dächer der Nachbarhäuser sehen, ihre Schornsteine und die Kegel der immergrünen Ziersträucher. Im eigenen Garten standen die Pfingstrosen in voller, schwer herabhängender Blütenpracht.
Auf dem Tisch stand ein beschlagener Krug mit Limonade. Während Fred sein Telefonat abschloss, füllte Grace zwei Gläser. Sie bedauerte, dass ihre Mutter nicht zu Hause war, dass sie mit den Zwillingen ins Schwimmbad gegangen war.
Kumi war enttäuscht gewesen, als Grace den Job bei Fred angenommen hatte. Administrative Assistentin, hatte sie mit abfällig verzogener Miene gesagt, als Grace strahlend mit dem Arbeitsangebot nach Hause kam. Du wirst diesem Herrn den Kaffee servieren und das Telefon hüten. Bist du dafür zur Uni gegangen?
All die Erfolge, Beförderungen und Gehaltserhöhungen ihrer Tochter konnten Kumi nicht beeindrucken. In ihren Augen war Grace immer noch nichts weiter als eine Sekretärin. Aber wenn sie Fred jetzt sehen würde – einen Kabinettsminister in ihrem Haus –, vielleicht würde Kuni dann begreifen, welches Ansehen mit Graces Arbeit verbunden war.
Das letzte Mal war Fred kurz nach Weihnachten hier gewesen, unmittelbar vor seiner Rückkehr nach Ottawa zur nächsten Legislaturperiode des Parlaments. Wochenlang hatte Grace ihn nur kurz sehen können: imposant hinter einem Rednerpult oder im Unterhaus beim Angriff auf die Opposition. Als Privatperson, ohne seine Nadelstreifenpanzerung und Krawatte, wirkte er geschrumpft, unbeholfen in seinen Khakis und den kurzen Ärmeln.
Fred schaltete sein BlackBerry aus und legte es auf den Tisch. Sorry. Er beugte sich zu ihr und küsste sie flüchtig auf beide Wangen. Sie hatte diese altmodische Gepflogenheit schon immer charmant gefunden.
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