Ilsa hatte bereits den Tisch gedeckt und wartete. Ihr kam das alles höchst verdächtig vor. Ihr Bruder war unter unbekannten Umständen kaum noch zu sehen, und ihre Mutter lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend. Nur sie konnte sich keinen Reim auf das alles machen. Sie beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen.
»Mama!«
Barbara kam zur Küchentür und sah in die trotzigfragenden Augen ihrer Tochter.
»Mama, was ist hier eigentlich los?«
Was sollte sie sagen? Das Fass war kurz vorm Überlaufen.
»Schatz, ich habe dir gesagt, du wirst alles erfahren. Aber bitte, lass mir etwas Zeit! Ich muss einiges ordnen, ehe wir reden können.«
»Glaubt ihr wirklich, ihr könnt mich hinhalten? Ich gehöre auch zur Familie! Ist es was Schlimmes?«
Barbara musste ihr etwas entgegenkommen, damit sie das Vertrauen der Kleinen nicht einbüßte. Also rang sie sich zu einer halben Aussage durch.
»Nein. Es ist nichts, was wir nicht in den Griff bekommen könnten. Und es wird keinem von uns ein Schaden entstehen. Es … Es braucht nur einige Zeit, bis wir es alle verarbeiten können.«
Sie kam sich ziemlich schäbig bei dieser Antwort vor. Und sie wusste nicht, ob sie lange vorhielt.
Auch Ilsa merkte, dass etwas in der Luft lag, worüber ihre Mutter eigentlich sprechen wollte, aus irgendwelchen Gründen aber noch nicht konnte. Wenn sie jetzt weiter bohrte, würde es wohl nur noch peinlicher werden. Da wartete sie lieber ab und machte ihre eigenen Recherchen.
Barbara hatte schon während ihrer Antwort begonnen, das Abendbrot auf den Tisch zu stellen. Jetzt rief sie die Kinder.
»Ilsa! Essen! Daniel! Kommst du bitte auch!«
Die Familie versammelte sich am Tisch.
Daniel hatte versucht, die Probleme in seinem Zimmer zu lassen. Er setzte sich auf seinen Platz und langte demonstrativ ordentlich zu. Nur eines entging seiner Schwester nicht. Er war nicht sehr gesprächig.
Sie wollte es wissen.
»Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«, fragte sie provozierend und stupste ihn an.
Die Mutter sah sie streng an.
»Lass das, bitte!«
Plötzlich warf Daniel die angefangene Stulle auf den Teller und polterte los: »Ach was! Ist doch sowieso alles egal! Warum tust du das, Mama?«
Er stand auf und wandte sich zum Gehen.
Ilsa schaute ihren Bruder mit großen Augen an. Auch Barbara war zusammengezuckt.
»Nicht, Daniel! Nein!«
Sie sprang ebenfalls auf und holte ihn im Flur ein. Ihn an beiden Schultern fassend, sah sie ihm flehend ins Gesicht und sprach mit leiser Stimme: »Bitte, Daniel! Ein Tag! Ich bitte dich um einen Tag! Tu mir den Gefallen! Tu uns den Gefallen!«
Barbara zog ihn an sich. Sie spürte das leichte Zittern seines Körpers. Da hielt sie ihr Kind ganz fest.
Daniel schluckte. Er schämte sich auf einmal für sein Benehmen.
Die Gutenbergstraße lag nicht weit von der Wohnung der Wegeners entfernt. Barbara hatte das Fahrrad genommen und nur fünf Minuten gebraucht.
Sanierte Altbauten bestimmten hier das Bild, die meisten drei, maximal vier Etagen hoch. Barbara drückte auf die Klingel neben dem Namen »Richter«.
In der zweiten Etage öffnete sich ein Fenster. Eine junge Frau steckte den Kopf heraus und sagte einladend: »Kommen Sie herein! Die Tür ist noch offen. Zweiter Stock links.«
Barbara betrat den Hausflur. Während sie nach oben stieg, konstatierte sie: ›Hätte gar nicht geglaubt, dass die Vertrauenslehrerin noch so jung ist. Sie kann maximal Ende dreißig sein, wie ich.‹
Oben wartete Frau Richter schon an der geöffneten Tür.
»Anka Richter«, stellte sie sich vor.
»Barbara Wegener. Guten Abend, Frau Richter.«
Die Lehrerin bat ihren Gast herein. Sie ging ins Wohnzimmer vor und bot ihr einen Sessel an.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Ja, danke. Wenn Sie ein Glas Wasser hätten.«
Die Gastgeberin brachte eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser. Sie schenkte ein, dann nahm sie selbst auf der Couch Platz.
Barbara dachte: ›Sie ist noch jünger, als ich vermutete. Höchstens Mitte dreißig.‹ Ihr bordeauxrotes Haar war zu einem flotten Kurzhaarschnitt frisiert. Auch sonst machte sie einen durchaus sportlichen Eindruck.
»Sie haben ein ernsthaftes Problem mit Ihrem Sohn?«, nahm Frau Richter den Faden wieder auf.
»Ja. Seit gestern.«
»Bitte erzählen Sie!« Und als Barbara noch etwas zögerte, verstand die Lehrerin.
»Oh, entschuldigen Sie«, warf sie ein. »Ich möchte Ihnen erst etwas über mich berichten. Ich bin zwar schon fast zehn Jahre am Morgenstern-Gymnasium, aber erst seit zwei Jahren Vertrauenslehrerin. Ich unterrichte Kunst und Latein. Also – damit Sie sich keine Sorgen machen: Alles, was hier besprochen wird, bleibt unter uns. Ich bin nur dafür zuständig, zu beraten oder helfend zur Seite zu stehen. Auch das Lehrerkollegium wird nichts erfahren, solange Sie nicht Ihre Zustimmung geben.«
»Aber Sie sind doch noch so jung?«, erwiderte Barbara.
»Ich bin vierunddreißig. Wissen Sie, das Problem bei Vertrauenslehrern ist, dass die älteren Kollegen im Normalfall als Autoritäts- und Respektsperson gesehen werden. Und der große Altersunterschied zu den Schülern kann zu Hemmungen führen, sich ihnen anzuvertrauen. In mir sehen sie eher noch so etwas wie eine ›Freundin‹.«
Barbara verstand. Sie hatte auch nicht an der Kompetenz ihrer Gastgeberin gezweifelt. Es war eigentlich nur reines Erstaunen über den Widerspruch zu ihrem Bild einer solchen Person.
Da Frau Richter nun schwieg, galt das als Zeichen, selbst das Wort zu ergreifen. In gedrängter Form schilderte sie die Ereignisse seit gestern Nachmittag. Sie gab auch einen Überblick über ihre familiären Verhältnisse, damit sich die Lehrerin ein Bild von der häuslichen Situation machen konnte.
»Gut. Ich habe die Fakten«, fasste Frau Richter zusammen. »Daniel zieht, wahrscheinlich schon mehrfach, Ihre Kleider an. Er hat Ihnen selbst gesagt, dass er sich als Mädchen fühlt, ein Mädchen sein möchte. Ihre Tochter hat wohl eine vage Ahnung, die aber noch nicht bestätigt wurde. Ihr Mann, der getrennt von Ihnen lebt, weiß bis jetzt gar nichts. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Richtig?«
»Ja, das beschreibt die Lage so ziemlich genau. Frau Richter …«
Sie wurde unterbrochen.
»Sagen Sie Anka, das vereinfacht das Gespräch.« Die Lehrerin lächelte ermutigend.
»Danke – Barbara. Wissen Sie, Anka, ich habe versucht, Daniel Zeit zu lassen, sich mir anzuvertrauen. Ich bin einen Schritt auf ihn zugegangen und habe gewartet, dass er das gleiche tut. Soweit waren wir heute schon. Aber dann ist wieder alles in ihm zusammengebrochen.«
»Barbara, eine Gewissensfrage. Akzeptieren Sie das, was da gerade passiert?«
Barbara nahm einen Schluck vom Mineralwasser.
»Natürlich war es erst einmal ein … ein Schock, als ich ihn so sah. Aber dann dachte ich: ›Was soll ich machen? Ich kann es doch nicht aus ihm herausprügeln – bildlich. Daniel ist doch mein Kind.‹ Ich habe mir die letzten Stunden nicht leicht gemacht. Aber mein Kind soll doch glücklich sein. Und wenn es das nur als Mädchen kann …«
Ein Kloß drückte auf ihren Hals und erstickte ihre Stimme.
Anka fühlte mit der Frau.
»Ich verstehe Sie gut. Ich habe zwar noch keine eigenen Kinder, aber ich kenne aus meiner Tätigkeit die Gefühle der Mütter. Sie haben für sich genau das entschieden, was Ihnen Ihr Herz sagt. Mehr konnten Sie bis jetzt einfach nicht tun.«
Sie sah Barbara in die Augen, und die erkannte, dass Anka ihre Entscheidung achtete.
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