In Josies Zimmer, wo deren großer PC stand, befand sich auch ein Drucker. Hendrik hatte alle Geräte miteinander vernetzt. Das Notebook hing über WLAN in diesem Netzwerk.
Entschlossen klappte Barbara den Deckel auf. Sie loggte sich ins Internet ein und ging auf eine Suchmaschine. Bedächtig, fast sorgsam tippte sie das Wort ›Transgender‹ ein – und riss im nächsten Moment die Augen weit auf. Über einhundertfünfzig Millionen Treffer!
Mit einem Schlag wurden ihr zwei Fakten klar. Erstens würde sie in der Flut der Veröffentlichungen mit absoluter Sicherheit den Überblick verlieren, ohne ihn je erhalten zu haben. Zweitens war die Thematik anscheinend so komplex, dass sie ein Schritt-für-Schritt-Programm brauchte, was alles zu tun sei.
»Josie, mein Mädchen«, sagte sie leise vor sich hin, »ich liebe dich, aber was tust du mir hier an?«
Barbara zog ernsthaft in Erwägung, einige Tage freizunehmen.
Bevor sie sich spät am Abend schlafen legte, stellte sie einen Küchenstuhl neben Josies Tür und legte das Kleid mit den blauen Blumen darauf.
Als Barbara am Montagmorgen den kurzen Weg zur Boutique ging, hatte sie immer noch keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Es waren verschiedene Ansätze vorhanden. Die Vertrauenslehrerin würde jederzeit helfen, die Kinder hatten Ferien, so dass Josie sich erst einmal zu Hause in ihre neue Rolle hineinleben konnte, morgen würde sie mit Hendrik darüber sprechen. Aber ihr schienen das Tropfen in einem Meer an Fragen zu sein. Im Augenblick fiel ihr nur eines ein. Auf Veronika konnte sie sich hundertprozentig verlassen, wenn sie die Freundin in ihre Sorgen einweihen würde. Sie sah jetzt keine andere Möglichkeit. Allein wurde sie mit der Sache nie fertig. Und wenn der Urlaubstrip klarging, wusste die es in drei Wochen sowieso.
Barbara öffnete die Tür des Geschäftes. Ein elektronischer Gong ertönte – drei Töne. Veronika kam von hinten, zupfte noch an ihrer Bluse.
»Hallo Babs! Sag mal …« Sie schaute genauer hin. »Du siehst müde aus. Hast du dich nicht erholt? Es war doch ein wunderbares Wochenende.«
»Hallo Vroni! Wem sagst du das, bitte? Ich fühle mich erschöpft, gerädert – nenn es, wie du willst.«
»Was war los? Bist du krank?«
»Noch nicht«, winkte Barbara ab. »Aber wenn das so weitergeht, dauert's nicht mehr lange.«
Veronika legte eine besorgte Miene auf.
»Was fehlt dir denn? Sag schon, wir kennen uns doch!«
Barbara entgegnete, etwas gereizt: »Was mir fehlt? Drei Dinge! Nerven wie Stricke, ein paar freie Tage und – Hilfe.«
Sie schaute ihre Freundin an. Hatte sie eine Wahl?
»Vroni, du musst mir helfen!«
Das glaubte Veronika auch.
»Ich rufe Marion an. Vielleicht kann sie hier mal übernehmen.«
Marion hatte früher im Geschäft gearbeitet. Jetzt war sie im Vorruhestand. Doch ab und zu schaute sie vorbei, packte hier mit an, half da mal aus. Sie war eine gute Seele, und sie würde die beiden nicht im Stich lassen, wenn sie gebraucht wurde.
Während Barbara hinten Kaffee aufsetzte, telefonierte Veronika mit der alten Kollegin. Nach kurzer Zeit kam sie zu ihrer Freundin.
»In zehn Minuten ist sie hier.«
Barbara bedankte sich.
»Du bist echt ein Schatz.«
Veronika lächelte verlegen, goss von dem aromatisch duftenden Getränk ein und sagte. »Und nun erzähle! Wobei soll ich dir helfen?«
»Ich weiß nicht einmal, ob du mir selbst helfen kannst. Aber vielleicht weißt du, wer mir helfen könnte.«
»Mach's nicht so spannend!«
Barbara legte ihre Hand auf Veronikas Unterarm.
»Es ist ein verdammt heikles Thema, und ich bin auf deine absolute Verschwiegenheit angewiesen. Sonst gibt es unter Umständen eine Katastrophe.«
Die Freundin guckte erschrocken. Sie nahm einen Schluck vom dampfenden Kaffee.
»Du machst mir ja Angst mit deinen Andeutungen! Aber sag, wie lange kennen wir uns? Vierzehn Jahre, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht. Wenn du mir vertraust, dann tust du das doch aus Überzeugung, oder?«
Da hatte Veronika recht. Eigentlich gehörte sie fast zur Familie, so eng war ihre Freundschaft. Barbara wischte alle Zweifel weg.
Vorn ertönte der Gong. Durch den offenen Vorhang sahen die beiden, dass Marion soeben gekommen war. Barbara wollte aufstehen. Veronika drückte sie zurück.
»Lass mal, ich regle das schon.«
Während sie vorn mit der ehemaligen Kollegin alles besprach, dachte Barbara: ›Es ist doch schön, wenn man jemanden hat, auf den man sich in jeder Situation verlassen kann.‹ Und sie fragte sich, wie sie nur eine Sekunde hatte zögern können, ihre beste Freundin ins Vertrauen zu ziehen.
Die kam gerade zurück.
»Für die nächste Stunde haben wir Zeit, etwas gegen deine ›Katastrophe‹ zu tun.«
»Gehen wir zu dir?«
Veronikas Wohnung lag etwa so weit von der Boutique entfernt wie Barbaras, jedoch in der anderen Richtung. Als sie ins Wohnzimmer kamen, ließ die Freundin als erstes die Jalousie herunter, denn die Sommersonne schien direkt durch das Fenster in den Raum.
Veronika verschwand kurz in die Küche und kam mit einer angebrochenen Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.
»Ich denke, unter gegebenen Umständen können wir uns das erlauben.«
Sie setzten sich in die bequemen Sessel.
»So, nun berichte!«
Barbaras Stimme wurde brüchig, während sie sprach.
»Es geht um meinen Jungen.«
»Daniel? Hat er was verbockt? Oder ein Mädchen?«
Barbara seufzte.
»Das wäre nichts gegen das, was ich am Wochenende durchgemacht habe. Aber du hast schon den Finger drauf.«
Barbara trank von der roten Verführung.
Sie senkte die Stimme, nicht wegen des brisanten Satzes, sondern, weil es sie Mühe kostete.
»Daniel lebt in der Vorstellung, ein Mädchen zu sein.«
Veronika hustete. Sie hatte sich am Wein verschluckt.
»Er glaubt … er sei … ein Mädchen?«
Barbara hörte den Zweifel heraus und stellte richtig: »Er ist sich ziemlich sicher, im falschen Körper zu stecken. Verstehst du? Transgender!«
Ihre Freundin nickte.
»Ich hab schon davon gehört. Aber ich hätte nie geglaubt, dass das je so nah passiert.« Sie trank erneut. »Wie bist du draufgekommen?«
Barbara erzählte kurz vom Freitagnachmittag. Sie beschrieb die Stimmung so emotional, dass sich Veronika nicht enthalten konnte zu sagen: »Oh Gott! Der Arme … ihr … Was machst du jetzt, Babs?«
Barbara zuckte die Schultern.
»Ich hab vorgestern mit der Vertrauenslehrerin von Daniels Schule gesprochen. Ilsa weiß inzwischen auch Bescheid. Morgen Nachmittag werde ich zu Hendrik fahren.«
»Und wie hat Ilsa darauf reagiert?«
»Oh, sie war stinkesauer, weil ich es ihr nicht sagen wollte. Aber als sie's dann erfahren hatte, war sie eigentlich ganz gelassen …«
Barbara holte sich die Bilder vom Vortag zurück.
»… ganz gelassen. Ja, sie hat eine Menge Fragen gestellt. Du, ich glaube, die Jugendlichen heute sind mit solchen Situationen mehr vertraut, als wir denken. Wenn ich mir da morgen Hendrik vorstelle.«
Veronika goss in Barbaras Glas nach.
»Das kommt mir schon logisch vor. Erinnere dich, wie verknöchert die Sitten früher waren! Da durften sich zwei junge Leute nicht mal allein treffen! Und so, wie heute viele keine Probleme mit ihren Klassenkameraden mit Migrationshintergrund haben, sehen sie möglicherweise auch die Spielarten menschlicher Sexualität viel normaler. Viele, aber eben nicht alle.«
Ob es nun der Wein war, oder ob Veronikas Worte die Spannung in Barbara tatsächlich gelöst hatten, lässt sich nicht sagen. Sie schaute die Freundin an und sagte mit herzlicher Stimme: »Vroni, du bist ein Schatz.«
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