Momentan kann trefflich von einem „Cannabis-Dilemma“ gesprochen werden: Es gibt gut begründete Hinweise darauf, dass cannabisbasierte Medikamente bei einer ungewöhnlich großen Zahl von Erkrankungen wirksam sind, nur fehlen derzeit für viele Indikationen Studien in ausreichender Anzahl und Qualität, um dies wissenschaftlich zu belegen. Es wird noch viele Jahre dauern, bis auch nur annähernd geklärt werden kann, in welchen Indikationen welches spezielle cannabisbasierte Medikament in welcher Darreichungsform wirksam ist.
Wegen des anzunehmenden breiten Wirkspektrums der cannabisbasierten Medikamente profitieren möglicherweise besonders solche Patient/-innen von einer Therapie, bei denen zahlreiche verschiedene Symptome bestehen, die mutmaßlich auf Cannabinoide ansprechen, etwa Schmerzen, Schlafstörungen, Appetitmangel, Spastik, Ängste und Depressivität.
Das im Jahr 2017 in Kraft getretene „Cannabis als Medizin-Gesetz“ hat in Deutschland die Möglichkeit geschaffen, Cannabis als Medikament zu verschreiben. Parallel wurde geregelt, unter welchen Voraussetzungen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Behandlung mit cannabisbasierten Medikamenten übernehmen müssen. Patient/-innen und Ärzt/-innen in vielen Ländern beneiden uns für diese gesetzlichen Regelungen. Das deutsche „Cannabis-Gesetz“ wird seither in zahlreichen Ländern als Vorbild für eigene gesetzliche Regelungen genutzt.
Bereits kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes wurde aber auch deutlich, dass Anpassungen und weitere Verbesserungen des Gesetzes notwendig sind, damit möglichst viele Patient/-innen von der gesetzlichen Regelung profitieren können, der bürokratische Aufwand der praktischen Umsetzung nicht entgegensteht und die Kosten nicht explodieren. Eine erste Änderung trat daher bereits 2 Jahre später in Kraft und führte dazu, dass (i) ein Wechsel zwischen verschiedenen Cannabisblüten oder -extrakten sowie eine Änderung der Dosierung ohne erneute Genehmigung durch die Krankenkasse möglich wurden, (ii) eine Neuregelung getroffen wurde, wenn eine Behandlung mit einem cannabisbasierten Medikament während eines stationären Aufenthaltes eingeleitet wurde, und (iii) Maßnahmen ergriffen wurden, um die Kosten für eine Behandlung mit Medizinalcannabisblüten zu senken.
In diesem Buch geben führende Expert/-innen des deutschsprachigen Raums einen umfassenden Überblick über alle klinisch relevanten Aspekte zum Thema „Cannabis als Medizin“. Neben historischem Hintergrundwissen und theoretischen Grundlagen liegt der Schwerpunkt des Buches auf praktischen Aspekten der Behandlung inklusive konkreten Angaben zu Indikationen, Präparaten, Dosierungen und Nebenwirkungen. Abgerundet wird das Buch durch Übersichten zur rechtlichen Situation in Deutschland, der Schweiz und Österreich, Hinweise zur Behandlung von Kindern, Angaben zur Fahreignung, juristische Aspekte der Therapie und zahlreiche interessante Fallberichte.
Das vorliegende Buch stellt die erste umfassende Monografie zum Thema „Cannabis als Medizin“ in deutscher Sprache überhaupt dar und schließt damit eine Lücke. Wir wünschen allen Leser/-innen viel Spaß beim Studium und möchten unsere ärztlichen Kolleg/-innen ermutigen, eigene Behandlungserfahrungen mit cannabisbasierten Medikamenten zu sammeln. Seien Sie dabei versichert, dass es kaum ein anderes Medikament gibt, dass eine derart große therapeutische Breite aufweist und derart sicher und nebenwirkungsarm ist. Ihre Patient/-innen werden es Ihnen danken!
Wir bedanken uns bei unseren Patient/-innen, von denen wir viel über die Wirkungen cannabisbasierter Medikamente gelernt haben.
Dank des selbstlosen Einsatzes zahlreicher Patient/-innen – zum Teil auch unter Inkaufnahme juristischer Konsequenzen – wurde es erst möglich, dass wir heute mit dem „Cannabis-Gesetz“ in Deutschland eine Situation vorfinden, die für viele Patient/-innen eine Therapie mit cannabisbasierten Medikamenten ermöglicht.
Wir bedanken uns bei all jenen Kolleg/-innen, Freund/-innen und Wegbegleiter/-innen, die sich seit Jahren mit uns gemeinsam unermüdlich für das Thema „Cannabis als Medizin“ engagieren“. Unser besonderer Dank geht dabei an die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM).
Ein weiterer Dank geht an die Ärzt/-innen und Wissenschaftler/-innen weltweit, die durch ihre Forschungen zum Thema Cannabis in den letzten Jahren für einen enormen Wissenszuwachs gesorgt haben.
Schließlich bedanken wir uns bei den Patient/-innen, die an wissenschaftlichen Studien zur Erforschung der Wirksamkeit cannabisbasierter Medikamente teilgenommen haben und teilnehmen, da nur dadurch neue klinische Erkenntnisse gewonnen werden können.
Schließlich bedanken wir uns bei Thomas Müller-Vahl für seine Unterstützung bei der Formatierung des Manuskriptes.
Ein herzliches Dankeschön geht an die Mitarbeiter/-innen der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft, die uns mit viel Geduld bei der Erstellung des Buches zur Seite gestanden haben.
Kirsten R. Müller-Vahl
Franjo Grotenhermen
Hannover und Steinheim im November 2019
Wohl kaum ein Begriff ist derzeit so umstritten wie „Cannabis“. Die einen sehen darin den Untergang unserer Kultur und den Einstieg in Sucht und Kriminalität, die anderen eine Pflanze mit außergewöhnlichen und vielfältigen Eigenschaften, die uns allen helfen könnte, nicht nur Rohstoffe besser zu erzeugen und CO 2zu beseitigen, sondern kranken Menschen auf eine Weise zu helfen, wie es auf anderen Wegen z.T. nicht möglich ist.
Leider wird diese Diskussion weitgehend ultimativ und irrational geführt. Dieses Buch schafft zumindest im Bereich der Anwendung von Cannabis in der Heilkunde Abhilfe. In einer beispiellos umfangreichen und umfassenden Weise wird Cannabis und werden Cannabinoide in ihrer Anwendung in der Heilkunde dargestellt und nachvollziehbar gemacht. Ein echter Akt der Aufklärung gegen die Kräfte des Alarmismus.
Auf über 300 Seiten werden nicht nur Ärzt/-innen aller Fachrichtungen, sondern auch alle anderen Gesundheitsberufe, Patient/-innen und Angehörige und interessierte Laien über die medizinische Verwendung von Cannabis und Cannabinoiden informiert. Durch die hohe Praxisorientierung des Buches werden auch die Aspekte der Verschreibung, Dosierung und Einnahme angesprochen. Es ist somit außerordentlich hilfreich, kundig und sachlich.
Neben den Autor/-innen sei dem Verlag gedankt, der dieses Buch realisiert hat. Und nicht zu vergessen dem Deutschen Bundestag und der verantwortlichen Schriftführerin im Parlament. Der Bundestag hatte im Januar 2017 in einem einstimmigen Beschluss Cannabis als Medikament zugelassen. Ein mutiger und richtiger Schritt in Verantwortung für das Wohl der Patient/-innen. Dieses Buch leistet für die weitere Umsetzung und Verbreitung dieser uralten und zu Recht wiederentdeckten Therapie einen zentralen Beitrag.
Dr. med. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin
Berlin im November 2019
I Historie I Historie 1Kulturgeschichte des Hanfes Michael Carus Die Menschen haben eine sehr lange und komplexe Beziehung zu Hanf. Archäobotanische Beweise für den Anbau von Hanf, die Nutzung der Hanfnüsse als Lebensmittel und der Fasern für technische Zwecke gehen 5.000 bis 10.000 Jahre zurück und sind vor allem in Asien, Japan und China, zu finden (Clarke u. Merlin 2013). Cannabis spielte als vielseitige antike Ressource eine wichtige, manchmal entscheidende Rolle bei grundlegenden kulturellen Veränderungen, die sich nach dem Eiszeitalter des Pleistozäns ereigneten. Darüber hinaus war der Mensch im Laufe der Zeit wahrscheinlich für einen großen Teil der Verbreitung und der großen geografischen Reichweite von Hanf maßgeblich verantwortlich.
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