»Ich kann nicht laufen.« Der Mann zeigte auf sein Bein. »Verletzt.«
»Aber …«
»Mit deinem Schlitten.« Er zeigte zur Scheune. »Du holst deinen Schlitten.«
»Ich …« Sie schaute sich unglücklich um.
»Du hast doch einen Schlitten?«, fragte der Weihnachtsmann.
Marga nickte wieder.
»Dann hol ihn.«
»Mama erlaubt mir nicht, dass ich …«
»Mama darf’s nicht wissen! Mama nicht, Papa nicht und auch sonst niemand«, zischte er. »Hol deinen Schlitten. Du musst nur deinen Schlitten holen.«
»Und dann?«, fragte Marga skeptisch. Mama würde sie einsperren. Für immer.
»Und dann rettest du das Weihnachtsfest. Du ganz allein.«
Marga überlegte. »Ich darf nicht auf den See. Eigentlich. Erst übermorgen.«
»Mama wird enttäuscht sein, wenn Weihnachten dieses Jahr ausfällt. Erst recht, wenn du daran schuld bist.«
Marga schluckte.
»Das willst du doch nicht?«
»Nein«, flüsterte sie.
»Dann hol deinen Schlitten!« Er fuchtelte mit seiner Hand durch die Luft. »Und beeil dich!«
Unbehaglich stapfte sie los.
»Tut gut«, schwärmte Igor und nippte an der heißen Teetasse. »Was sind Sie? Architektin?«
»Nein.«
»Nein.« Igor hob seine Augenbrauen. »Was dann?«
»Was dann?«
»Na ja, was sind Sie?« Er zeigte in den Raum. »Hier?«
»Statikerin.«
Er nickte knapp, deutete auf seine Hände. »Wonach sehen die aus?«
Inna wartete geduldig.
»Ich habe eine eigene Schreinerei.« Er zog seine Hände enttäuscht zurück. »Sie wollen sich gar nicht unterhalten, oder?«
Konversation. Sie lächelte schief.
»Ich möchte mich vergrößern.« Igor schaute sich um. »Ich habe auch so eine Fabrikhalle. Nicht so schön nostalgisch, aber ähnlich.« Er nahm sich eine Scheibe Christstollen, pulte umständlich das Marzipan heraus und schmierte es an den Rand seines Tellers. »Ich hatte gehofft, Sie hier anzutreffen. Eigentlich hatte Grunewald versprochen, dass Sie heute Vormittag zu mir kommen, aber das sind Sie nicht.«
»Grunewald?«
»Grunewald.« Er räusperte sich. »Sie sind Inna Lies.«
»Ja.«
»Ja«, wiederholte Igor und lachte laut. »Ja. Ich mache ein paar Tage Betriebsferien. In dieser Zeit hätte Grunewald die Pläne machen sollen. Aber er hat es vergessen.«
»Ich verstehe Sie nicht.« Inna schob ihren Teller zur Seite.
»Grunewald hat mich heute Morgen angerufen. Er hat gesagt, Sie würden sich meine Fabrikhalle anschauen. Aber Sie sind nicht gekommen.«
»Die Koordinaten«, fiel es Inna ein. »Sie sind der Freund. Ihnen gehört das Gehöft.« Sie schloss erleichtert ihre Augen. »Ich …« Sie zeigte hilflos aus dem Fenster. »Ich habe mich umentschieden. Der Schneesturm. Ich habe nicht damit gerechnet, dass …«
»Sehr ärgerlich«, bedauerte Igor. »Aber jetzt bin ich ja hier.«
»Ihre Fabrikhalle aber nicht.«
»Sie sind witzig.«
»Das war kein Witz.«
»Nein.« Igor kaute. »Das war kein Witz.« Er musterte sie nachdenklich. »Nun ist es so.«
Inna schaute auf ihre Armbanduhr. »Grunewald wird gleich …«
»Grunewald wird nicht kommen«, unterbrach Igor sie mit vollem Mund. »Das haben Sie nur behauptet.« Er lachte. »Die Telefone funktionieren ja gar nicht.«
»Haben Sie …«
»Nein.«
»Nein?«
Igor schlürfte geräuschvoll seinen Tee. »Sie wollten fragen, ob ich etwas damit zu tun habe.«
Inna nickte vorsichtig.
»Natürlich nicht.«
»Natürlich nicht«, wiederholte sie heiser. »Woher wissen Sie dann, dass …«
»Weil ich versucht habe, eines Ihrer Telefone zu benutzen. Da saßen Sie noch im Auto.«
»Wen haben Sie versucht anzurufen?«
Er stopfte sich den Rest Christstollen in den Mund. »Kennen Sie Grunewald gut?«
Inna schüttelte den Kopf.
»Aber Sie sind in ihn verliebt.«
»Nein.«
»Sie wollten, dass er Sie rettet.«
»Nein.«
Igor grinste. »Sie haben so getan, als würde das Telefon funktionieren. Sie hätten jeden nehmen können, aber Sie haben sich für Grunewald entschieden.«
»Er war der Erste, der mir eingefallen ist.«
»Er ist der Einzige, den Sie kennen.«
»Warum haben Sie mich auflaufen lassen?«
»Mit dem Telefon?«
Inna knackte mit ihren Fingergelenken.
»Sie hätten mir unterstellt, dass ich etwas damit zu tun habe.«
»Das tue ich auch so.«
»Sehen Sie? Es macht also gar keinen Unterschied.« Er lächelte. »Können wir das nicht einfach lassen?«
»Das Gespräch?«
»Nein, dass Sie mir nicht trauen, dass Sie Angst vor mir haben.« Er fuchtelte genervt mit seiner Hand durch die Luft. Puderzucker flog in alle Richtungen. »Ich kann nichts für den Schneesturm. Ich habe ihn wohl kaum bestellt.«
»Nein?« Inna strich mit beiden Händen herausgelöste Haarsträhnen hinter die Ohren. Der Sturm hatte ihren Dutt durcheinandergebracht. »Heute Morgen gab es schon Vorboten eines Tiefausläufers vom Nordpolarmeer, die sich laut Wetterbericht im Laufe des Tages zu einem Schneesturm kumulieren sollten.«
»Und?«
»Sie wären nicht hier, wenn Sie den Wetterbericht gehört hätten.«
»Sie auch nicht.«
»Ich war in meine Arbeit vertieft.«
Igor erhob sich. »Dass Sie Angst haben, tut mir leid.«
»Angst wovor?« Vor dem Sturm, dachte Inna.
»Angst vor mir. Ich finde, das passt nicht zu Ihnen. Wo Sie sonst so pragmatisch sind.«
»Pragmatisch.« Inna lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme. Sie hörte den Sturm an den Fenstern zerren. Sie hörte Igor, der seine Finger nacheinander auf die Lehne fallen ließ.
»Sie sind knapp 50?«, fragte er.
»Nein.«
»Sehen Sie?«
Sehen Sie? Eine Frage. Inna verzog ihren Mundwinkel. »Was sehe ich?«
»Ihrem Pragmatismus geschuldet kümmern Sie sich nicht darum, wie alt ich Sie schätze.«
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Sie haben sich nicht gewehrt.«
»Und wogegen hätte ich mich wehren sollen?«
»Dagegen, dass ich Sie älter geschätzt habe, als Sie sind.« Igor lächelte. »Andere Frauen wären beleidigt.«
»Vielleicht bin ich 50.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie sind 39.«
Inna schaute sich um. »Das haben Sie gelesen. Wo?«
»Das finden Sie selbst heraus. Gibt es hier eine Toilette?«
Inna tat so, als müsste sie ein Gähnen unterdrücken. »Das finden Sie selbst heraus.« Sie schloss ihre Augen, hörte Igor ziellos durch die Halle laufen, bis er fand, wonach er suchte. Er verriegelte die Toilettentür.
Innas Herz klopfte hart in ihrer engen Brust. Sie schaute hinaus. Der Sturm. Unerbittlich und wütend. Die schwarzen Tannen vor den Fenstern verneigten sich tief, wurden nach oben gerissen und zur anderen Seite geschleudert. Inna schüttelte den Kopf. Sie musste bleiben. Hier mit Igor. Sich ablenken. Die Wände. Die Fenster. Das Mauerwerk. Der Sturm. Sie holte tief Luft. Der Sturm brachte alles durcheinander.
Immerhin. Henri war tot.
»Haben Sie geschlafen?«
Sie zuckte zusammen, räusperte sich. »Nein.«
»Seit wann sind Sie hier?«
»Seit heute Morgen«, sagte sie heiser und setzte sich auf.
»Nein.« Igor schüttelte den Kopf. »Hier.« Er zeigte in die Halle hinein. »Hier in diesen Gemäuern. Seit wann gibt es Ihre Firma schon?«
»Grunewald. Es ist Grunewalds Firma. Seit 14 Jahren.«
»Seit 14 Jahren«, wiederholte er. »42.« Er setzte sich. »Ich bin 42 Jahre alt. Haben Sie herausgefunden, woher ich weiß, wie alt Sie sind?«
Inna schob ihre Unterlippe vor. »Hätte ich das tun sollen?«
»Es hatte Sie beunruhigt.«
»Sie haben sich vorbereitet.« Inna lächelte. »Sie wissen viel besser über mich Bescheid, als ich glauben soll.«
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