„Möchtest du mitkommen?“, fragte er den Jungen. „Ich kann dir ein paar Tipps geben.“
Der Junge strahlte ihn an.
„Ich hole nur schnell meine Sachen“, sagte er und rannte zum Bootshaus zurück.
Buck betrachtete den leeren Sitz und dachte an Bruno. Brunos Lächeln. Seine angespannten Armmuskeln, wenn er ruderte. Der Blick, den er zu ihm zuwarf, wenn Buck ihn über die Schulter hinweg anlächelte und ihm zunickte.
„Mach’s gut, Bruno. Wir werden uns wiedersehen.“
Er atmete durch. Der Zorn war weg. An seine Stelle war Hoffnung getreten.
Der Fluss war geheimnisvoll und tief, genau wie Gott.
Buck schaute ein letztes Mal auf den leeren Sitz vor sich und stellte sich vor, wie Bruno im Himmel den Fluss entlangruderte. „Und halte den vorderen Sitz für mich frei.“
In der Zwischenzeit im Sozialkaufhaus …
„Wie viel kostet Jesus?“
Eigentlich hatte Marjorie nach einem schwarzen Pullover gesucht. Sie freute sich immer, wenn sie ein Schnäppchen machte. Ein Schnäppchen würde sie auch diesmal aufmuntern. Heute Morgen nach dem Aufwachen hatte sie sich niedergeschlagen und einsam gefühlt – und beschlossen, sich einen Einkaufsbummel zu gönnen.
Einige ihrer schönsten Kleidungsstücke hatte sie im Sozialkaufhaus gefunden. Sie besaß sogar eine Webpelzjacke. Und ein grünes Samtkleid, das vermutlich einmal der Großmutter von jemandem gehört hatte.
Sie war auf dem Weg zur Damenabteilung gewesen, als sie das Jesuskind in der Gemischtwarenabteilung entdeckt hatte. Ausgestreckte Arme. Helle kleine Augen, die sie interessiert anblickten.
Es hatte etwas an sich gehabt, wie es da zwischen Kaffeemaschinen und alten Lampen lag. Sie hatte es hochgenommen, konnte aber kein Preisschild entdecken.
„Wie viel kostet Jesus?“, fragte sie erneut. Das Mädchen im nächsten Gang beantwortete ihre Frage.
„Alles in dieser Abteilung kostet fünf Dollar.“
Marjorie betrachtete das Baby in ihren Armen. Wie konnte man Jesus einen Preis geben?
„Ich nehme ihn“, sagte sie. Lächelnd legte sie die Figur in den Einkaufswagen.
Sie ging zur Kasse und reichte dem Mädchen einen Fünfdollarschein. Der schwarze Pullover war vergessen.
Sie setzte Jesus auf den Beifahrersitz, schnallte ihn an und fuhr langsam nach Hause. An jeder Ampel blickte sie zu dem Baby hinüber und lächelte.
Erinnerungen an ihre eigenen Kinder überfielen sie; Kinder, die jetzt erwachsen waren und auf eigenen Beinen standen. Sie erinnerte sich, wie sie mit ihnen in den Gottesdienst gegangen war, an all die Lieder von Jesus, die sie gesungen hatten, und an die Geschichten.
„Jesus liebt mich, ganz gewiss“, sang sie laut – und war überrascht, wie klar und zuversichtlich ihre Stimme dabei klang. Das tat ihr gut. Sie war nicht allein.
„Denn die Bibel sagt mir dies.“
Ein Mann im Auto neben ihr schaute zu ihr herüber. Sie winkte ihm zu. Er wandte sich ab.
Wen kümmerte es? Jesus war bei ihr.
„Ja, Jesus liebt mich!“ Mit jeder Zeile sang sie lauter.
Bei der letzten Zeile fuhr sie in ihre Einfahrt und schaltete den Motor aus.
„Denn die Bibel sagt mir dies.“
Sie schnallte das Baby ab und lächelte. „Du bist diese fünf Dollar wirklich wert.“
Jesus schaute unverwandt zu ihr hoch. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Babylippen.
„Danke.“
Kapitel 3
Maria
„Hab keine Angst, Maria“, redete der Engel weiter. „Gott hat dich zu etwas Besonderem auserwählt. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen.“ – „Ich will mich dem Herrn ganz zur Verfügung stellen“, antwortete Maria. „Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast.“ Darauf verließ sie der Engel.
Lukas 1,30 – 31.38
Donna hielt das weiße Plastikstäbchen in der Hand. Mit angehaltenem Atem saß sie auf dem Badewannenrand und wartete. Sie konnte sich einfach nicht überwinden, auf den Schwangerschaftstest zu schauen.
Was, wenn sie tatsächlich schwanger war? Das wäre wundervoll. Mit vierzig hatte sie die Hoffnung auf ein Kind eigentlich schon aufgegeben. Aber wenn es nun doch geschehen war? Ihr Herz flatterte ein wenig vor Freude.
Doch was würde Richard sagen?
„Wünschst du dir eigentlich Kinder?“ Donna hatte sich lange Zeit nicht getraut, ihm diese Frage zu stellen, aber als das Thema Hochzeit im Raum stand, hatte sie es einfach wissen müssen.
„Sch“, hatte er nur gesagt und ihr den Zeigefinger auf den Mund gelegt, „mach dir deswegen keine Gedanken. Kinder sind mir nicht so wichtig. Du bist alles, was ich brauche.“
Damals hatte diese Antwort sie beruhigt. In Richards Umarmung hatte sie seine Liebe gespürt. Sie war erleichtert gewesen, dass er seinen Traum von einem eigenen Kind nicht aufgeben musste, weil er eine Frau heiratete, die zu alt war, um Kinder zu bekommen.
In ihrem Alter war die Chance, schwanger zu werden, gering, das war Donna bewusst. Es war gut, dass Richard nicht unbedingt Kinder haben wollte. Sie selbst hatte diesen Traum bereits vor Jahren begraben.
Doch als sie jetzt hier im Bad hockte, das Teststäbchen in der Hand hielt und auf das Ergebnis wartete, beschlichen sie Zweifel. Wäre eine Schwangerschaft eine gute Neuigkeit? Oder eine schlechte?
Die Übelkeit war das erste Anzeichen gewesen. Donna hatte nie Probleme damit gehabt. Und dann hatte sie eines Morgens gerade einen Herbstkranz an der Haustür aufgehängt, als ihr schrecklich übel wurde und sie sich auf die Treppe setzen musste. Den restlichen Vormittag verbrachte sie im Bett.
Richard machte sich große Sorgen um sie.
„Morgen musst du unbedingt zu Dr. Amos gehen“, sagte er und versorgte sie mit Suppe und Ginger Ale. „Vielleicht brütest du etwas aus.“
„Das ist nichts“, winkte sie ab. „Vermutlich das mexikanische Essen von gestern Abend.“
Doch am nächsten Morgen kehrte die Übelkeit zurück. Wieder blieb sie im Bett liegen, bis die Übelkeit vorüber war.
Später an jenem Tag war ihr der Gedanke gekommen. Vielleicht war sie schwanger …
Sie verhüteten nicht. Schließlich waren die Chancen, mit vierzig schwanger zu werden, äußerst gering. Das hatte ihr Gynäkologe gesagt, und da sie Medikamente nur dann nahm, wenn es sich nicht umgehen ließ, hatte sie sich gegen die Antibabypille entschieden.
Aber so war das mit der Statistik. Selbst eine geringe Chance war eine Chance, und jemand musste ja die Ausnahme sein. Jetzt war sie es vielleicht.
Donna senkte den Blick auf das weiße Plastikstäbchen, und da stand es ganz deutlich im Fenster des Teststreifens: SCHWANGER.
Sie ließ das Stäbchen fallen, als hätte es ihr die Hand verbrannt. Ihr Herz tat einen Satz. Dann bückte sie sich langsam, um den Teststreifen wieder aufzuheben.
Das Wort stand immer noch da.
SCHWANGER.
Ein lebensveränderndes Wort. Ein Kind von Richard, dem Mann, den sie liebte. Ein Kind, das ihr geordnetes und ruhiges Leben durcheinanderbringen würde …
Vielleicht sollte sie noch einen Test kaufen, nur um sicherzugehen. Nein, da stand es schwarz auf weiß. Sie war wirklich schwanger.
Freude machte sich in Donna breit, ein unbeschreibliches Glücksgefühl und Staunen. Sie würde Mutter werden! Eigentlich hatte sie diesen Traum längst aufgegeben, doch jetzt würde sie tatsächlich ein Kind bekommen. Sie würde Leben schenken. Wie glücklich sie sich schätzen konnte! Das war ein wundervolles Geschenk von Gott. Sie legte die Hände auf den Bauch und sprach ein leises Gebet.
Aber was war mit Richard? Sie erinnerte sich an seinen Gesichtsausdruck, als sie ihn gefragt hatte, ob er sich Kinder wünsche. „Du bist alles, was ich brauche“, hatte er geantwortet.
Читать дальше