Als Bruno nach der Highschool aufs College ging, entdeckte er das Rudern als Sportart für sich. Er trat der Rudermannschaft bei, und Buck lauschte mit Begeisterung den Geschichten, die Bruno ihm erzählte, wenn er übers Wochenende oder während der Semesterferien nach Hause kam. Er berichtete spannende Dinge von Ruderwettkämpfen und dem Wetteifern der Studenten.
Aber irgendwie machten seine Geschichten Buck auch traurig. Bruno war weitergezogen und brauchte ihn nicht mehr.
Bruno schien sein langes Gesicht zu bemerken.
„Ich rudere jeden Morgen“, sagte er. „Ganz allein. Aber ich nehme immer den Zweier. Der vordere Platz bleibt leer“, tröstete er ihn. „Den habe ich für dich reserviert.“
Buck lächelte. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Während die Zeit verging und Buck jeden Morgen allein mit dem alten Ruderboot hinausfuhr, dachte er an Bruno, der allein in seinem Zweierboot ruderte und den vorderen Sitz für ihn reserviert hatte.
Buck folgte Bruno schließlich aufs College, und wieder waren sie zwei Brüder, die dieses Mal zwar hintereinander im Boot saßen, aber dennoch eins waren im Rhythmus des Ruderns und in dem Willen, das Boot voranzutreiben.
Der Hirte von Pastor Higgins’ Krippenfiguren war leicht. Buck trug ihn mühelos zu seinem Jeep und legte ihn in den Kofferraum, wobei der Kopf des Hirten aus der geöffneten Heckklappe ragte. Auf dem Weg durch die Stadt bemerkte Buck die Blicke, die ihm zugeworfen wurden, und er lächelte. Es war schön, Gesellschaft zu haben, auch wenn die Gesellschaft nur aus Plastik war.
Er trug den Hirten in sein Zimmer und legte ihn auf das leere Bett. Brunos Bett. Nach dem Unfall seines Bruders hatte Buck keinen neuen Mitbewohner zugewiesen bekommen.
Die Erinnerung an sein letztes Gespräch mit Bruno verfolgte ihn. Bruno hatte versucht, Buck aufzuwecken, weil er mit ihm rudern wollte, aber Buck war am Abend zuvor feiern gewesen und hatte sich das Kissen über den Kopf gezogen.
„Steh auf, Bruderherz“, sagte Bruno, aber draußen es war noch dunkel, und Buck hatte keine Lust.
„Nö“, stöhnte er und kniff die Augen zusammen.
„Du verpasst was“, erklärte Bruno.
Er probierte es noch ein letztes Mal und zog dann allein los.
„Dann eben nicht“, sagte er, als er das Zimmer verließ.
Es war das letzte Mal, dass Buck Bruno sah.
Einige Zeit, nachdem Bruno hinausgegangen war, wurde Buck von einem lauten Donnerschlag geweckt und war erleichtert, dass er nicht mit seinem Bruder zum Rudern gegangen war. Der Gedanke, dass Bruno etwas passiert sein könnte, kam ihm nicht. Er war der Ältere, Stärkere.
Aber es war etwas passiert. Zwei Stunden später stürmte einer seiner Kommilitonen in Bucks Zimmer. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er ihn an.
„Komm mit“, sagte er.
„Was ist los?“
„Bruno!“, sagte sein Kommilitone. Furcht ergriff Buck. Gemeinsam rannten sie hinaus auf den Parkplatz, wo ein Polizeiauto im prasselnden Regen stand.
Später sagte man ihm, das Gewitter sei ganz plötzlich aufgezogen. Bruno war wie üblich frühmorgens rudern gegangen, und niemand hatte mit einem solchen Wetterumschwung gerechnet. Die Wolken hatten sich dunkel und bedrohlich zusammengeballt, und man vermutete, dass Bruno vom Blitz getroffen worden war.
Sein Bruder hatte ihn zum zweiten Mal verlassen, war weitergezogen wie damals, als er aufs College ging. Aber dieses Mal gab es keine Besuche und keine Geschichten. Gar nichts.
Wäre es anders ausgegangen, wenn sie zusammen gewesen wären?
Der Zorn baute sich wieder in Buck auf. Doch er hatte mittlerweile gelernt, ihn im Zaum zu halten. Dr. Morgan hatte ihm geraten zu atmen, wenn er die Wut hochkommen spürte. Also atmete er tief ins Zwerchfell, wie sie es ihm gezeigt hatte.
Wenn Buck an die bedrohlichen Wolken und den Blitz dachte, der seinen Bruder getroffen hatte, dann war er unglaublich böse auf Gott. Wie hatte er ihm seinen Bruder nehmen können?
Bucks Zorn richtete sich aber nicht nur gegen Gott, sondern gegen alles und jeden. Seine Freunde gingen ihm aus dem Weg. Seine Mannschaftskameraden wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Dr. Morgan hatte ihm geholfen, mit seinem Zorn umzugehen, und es war auch schon besser geworden, aber er verstand es immer noch nicht. Warum Bruno? Dr. Morgan meinte, es sei gut, wenn er darüber reden oder schreiben oder es irgendwie zum Ausdruck bringen würde. Aber Buck konnte nicht gut über seine Gefühle reden. In seinem Elternhaus hatte man ihm das nicht beigebracht.
Das war der Zeitpunkt gewesen, als er angefangen hatte, für Pastor Higgins den Rasen zu mähen. Einer Kirche wollte er keinesfalls beitreten. So nah wollte er Gott nicht kommen. Gott hatte ihm seinen Bruder genommen. Aber Pastor Higgins mochte er.
Wo war Bruno jetzt? Diese Frage beschäftigte ihn. Pastor Higgins hatte ihn einmal gefragt, was er denn glaube. Buck wusste es nicht mit Sicherheit, aber seiner Meinung nach war Bruno im Himmel.
„Warum musste das passieren?“, fragte Buck den Hirten, der neben ihm saß, aber der Mann aus Plastik antwortete nicht.
Er wollte gern wieder an Gott glauben, so wie früher, als Bruno noch am Leben gewesen war.
Die Vorstellung, dass es einen Himmel gab, hatte etwas Tröstliches an sich. Buck hatte gelesen, im Himmel gebe es einen Fluss. So stellte er sich Bruno vor: Nicht in einem weißen Gewand und mit einer Harfe auf einer Wolke schwebend, sondern rudernd auf einem wunderschönen, glasklaren Fluss. Vielleicht ruderte sein Bruder wieder mit einem leeren Vordersitz und wartete auf ihn.
Die Enge in seiner Brust löste sich, und Buck schloss die Augen.
Ein Gebet schlich sich in sein Herz und machte es weicher.
„Ich hätte ihn aufhalten sollen“, sagte er zu dem Hirten, doch eigentlich war das Gesagte an Gott gerichtet.
Der Hirte hielt das kleine Lamm fest und schaute Buck an. Sein Blick war freundlich.
Hirten hielten Wache bei ihren Herden in der Nacht.
Ein Gedanke blitzte in Bucks Kopf auf. Jesus war der gute Hirte. Vielleicht wachte Jesus über ihm wie die Hirten über ihren Herden. Dass der gute Hirte in der Nacht über ihm wachte, war tröstlich. Denn die Nächte waren besonders schlimm für ihn.
Er dachte an das Trainingslager der Jungen auf der anderen Seite des Flusses. Er könnte ebenfalls eine Art Hirte sein. Er könnte den Jungen helfen, und vielleicht würden sie anschließend die richtigen Entscheidungen für ihr Leben treffen.
Die Hände des Hirten hielten das Schaf, und Buck spürte, dass auch er gehalten wurde.
„Danke“, sagte er zu dem Mann aus Plastik.
Und während er die Hände des Hirten betrachtete, wurden sie zu seinen Händen, die bereit waren, für andere da zu sein.
„Danke“, sagte er noch einmal, diesmal jedoch als Gebet.
Der Zorn in ihm lockerte seinen Griff, und Bruno atmete tief durch. Frieden durchströmte ihn.
Am nächsten Morgen wartete er am Bootssteg auf Ken. „Ich nehme den Zweier“, erklärte er. „Braucht einer der Jungen ein bisschen Training?“
Ken lächelte. „Da sind ein paar, die nur zu gern mit dir rudern würden.“ Er rief einen Namen, und sofort kam einer der jüngeren Teenager auf sie zugelaufen. Buck deutete auf den leeren Sitz vor sich.
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