»Hallo Maureen«, begrüßte er sie erfreut und fügte mit Blick auf ihre Handschuhe und die Waschutensilien auf dem Wagen mitfühlend hinzu: »Der Tag hat für dich ja unschön begonnen. Für uns alle natürlich – nach den schrecklichen Vorkommnissen.«
Maureen konnte ihm nur beipflichten. »Das kann man wohl sagen. Ich war schon total vor den Kopf gestoßen, als ich von Crowleys Rückfall erfuhr. Aber als der Chef uns dann auch noch von dem Leichenfund berichtete, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich kann und will es einfach nicht glauben, dass Crowley zu solch einer Tat fähig ist.« Ihr Blick verschleierte sich und sie musste um Fassung ringen, erst recht, da ihr aus Joes dunklen Augen eine Woge der Zuneigung entgegenströmte, die Seelenbalsam für sie war.
»Da bin ich mir auch nicht so sicher«, erwiderte der junge Psychiater mit ernster Miene. »Aber er ist zweifellos eine narzisstische Persönlichkeit, äußerst dominant und manipulativ, mit eindeutig sadistischen Zügen – von daher kann man es auch nicht ganz ausschließen.«
Maureen zögerte, ehe sie weitersprach. »Du kannst dich doch bestimmt noch daran erinnern, dass Crowley vor etwa anderthalb Wochen, als er das schlimme Entzugsdelir hatte, andauernd von diesem ominösen Bruder Pan geredet hat.«
»Durchaus«, entgegnete Joe mit gerunzelter Stirn. »Ich habe es seinerzeit als toxische Paranoia eingestuft und ihn mit einer Bromlösung in den Winterschlaf versetzt. Doktor Eisenberg und die anderen Kollegen haben mir diesbezüglich im Nachhinein auch recht gegeben. Sämtliche therapeutischen Gespräche, welche wir in der Folgezeit versucht haben mit Crowley darüber zu führen, hat er nur abgeblockt. Stattdessen wurde er ausfallend bis beleidigend.«
»Ich weiß«, sagte Maureen und musterte Joe nachdenklich. »Er hat vorhin behauptet, diesen Bruder Pan gestern Abend beim Dinner im Speisesaal gesehen zu haben – er hätte am Ärztetisch gesessen und sich mit Professor Sutton unterhalten. Deswegen wäre er ja auch geflüchtet. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich das nur eingebildet hat, aber es lässt mir keine Ruhe.«
Joe, der ihr aufmerksam zugehört hatte, schlug vor, sich bei den Kollegen, die am Abend beim Dinner anwesend gewesen waren, diskret zu erkundigen, um wen es sich dabei handeln könne. »Sobald ich mehr weiß, sage ich dir Bescheid«, verabschiedete er sich.
Maureen dankte ihm aufrichtig für seine Unterstützung. »Bis später!«, sagte sie leicht verlegen, ehe sie dem Waschraum zustrebte.
Als Maureen um 13 Uhr mit ihren Kolleginnen Mildred und Heather den Speisesaal verließ, wo sie gemeinsam den Lunch eingenommen hatten, vernahm sie unversehens Joes Stimme hinter sich. Er sagte, dass er sie zu sprechen wünsche. Die beiden anderen Schwestern hielten ebenfalls inne und beäugten Maureen und den jungen Assistenzarzt mit unverhohlener Neugier und, da Maureen nicht die Einzige war, die für den gutaussehenden Psychiater eine Schwäche hegte, auch mit einem Anflug von Missgunst. Die Situation drohte schon peinlich zu werden, da Maureens Begleiterinnen keinerlei Anstalten machten, weiterzugehen. Schließlich riss Maureen der Geduldsfaden und sie erklärte den Kolleginnen mit zuckersüßem Lächeln, sie bräuchten nicht auf sie zu warten und sollten doch ruhig schon vorausgehen, sie käme gleich nach.
»Gut gemacht!«, lobte Joe, nachdem die beiden endlich fort waren. Er trat mit Maureen ein Stück zur Seite, um von den Besucherströmen, die das offene Portal des Speisesaals passierten, unbehelligt zu bleiben. »Also, ich habe eben mit Doktor Stoner gesprochen, der gestern Abend am Ärztetisch saß«, erklärte er mit gesenkter Stimme. »Er sagte mir, dass Lord Deerwood, ein guter Freund von Professor Sutton, mit diesem das Dinner eingenommen hat. Lord Deerwood ist Mitglied des Oberhauses und besitzt am Virginia-Water-See ein Landhaus. Wenn er sich hier aufhält, pflegen er und Professor Sutton in Suttons Villa auf dem Sanatoriums-Gelände eine Partie Schach zu spielen.«
Maureen, die förmlich an seinen Lippen hing, war sprachlos.
Joe lächelte. »Lord Deerwood hat wohl auch einen Vollbart, was sich mit Crowleys Beschreibung deckt«, bemerkte er spöttisch. »Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es sich bei diesem honorigen Herrn um einen Adepten von Aleister Crowley handelt. Dass er ihn für den ominösen Bruder Pan gehalten hat, muss eine Wahnvorstellung gewesen sein, wie sie für den Entzug typisch ist.«
»Das ist wohl so«, gab ihm Maureen widerstrebend recht. »Trotzdem vielen Dank, dass du nachgefragt hast!«
Schweigsam und nachdenklich machten sie sich auf den Weg zur Entwöhnungsstation. Als sie vor der verschlossenen Tür anlangten und Joe den Schlüssel zückte, um aufzuschließen, wandte er sich zu Maureen um.
»Es war so ein schöner Abend gestern und wir sollten das unbedingt wiederholen, wenn … wenn meine Schwester wieder da ist«, sagte er mit belegter Stimme.
Maureen war berührt von der Schüchternheit des sonst so selbstbewussten jungen Arztes. »Das können wir gerne machen, Joe«, erwiderte sie nicht minder befangen. Gleichzeitig war sie so glücklich, dass sie die ganze Welt hätte umarmen können.
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