Etwa zur gleichen Zeit betrat Aleister Crowley den Speisesaal und steuerte zielstrebig auf den Fenstertisch zu, an dem Gräfin Bronski ihn bereits erwartete. Wie er sehen konnte, hatte sie sich fürs Dinner in Schale geworfen, auf den altmodischen Hut mit dem Spitzenschleier verzichtet und stattdessen einem mondänen Stirnband mit einer silbergrauen Reiherfeder den Vorzug gegeben. Die slawischen Gesichtszüge mit den hohen Wangenknochen und den schrägstehenden Augen, die dem Magier freudig entgegenblickten, waren durchaus apart, wie Crowley feststellte und da sein Geschlechtsleben schon seit geraumer Zeit brachlag, war er einem etwaigen Abenteuer mit der Dame keineswegs abgeneigt. Dass sie eine linientreue Katholikin war, störte ihn dabei wenig. Im Gegenteil – im Rahmen seines exzessiven Sexuallebens, das kaum etwas ausgelassen hatte, hatte er mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Frömmlerinnen im Bett alles andere als prüde waren. Und es gab noch einen Grund, warum er sich die Gräfin gewogen halten wollte: der schnöde Mammon. Denn seit der Hetzkampagne der Presse fand sich kein Verlag mehr, der seine Schriften veröffentlichte, und er war mehr denn je auf reiche Gönner angewiesen. So zeigte er sich von seiner charmanten Seite, trug über dem Kilt ein schwarzes Dinner-Jackett und hauchte der Dame galant einen Kuss auf den Handrücken, ehe er sich ihr gegenüber setzte. Als ein livrierter Ober herbeieilte, um ihnen die Menükarten zu reichen, bestellte Crowley einen Malt-Whiskey und fragte die Gräfin, ob sie auch einen wünsche.
»Das können Sie sich sparen, Sir Alfred! Hier gibt’s nur Tee, Säfte und Pisswasser, damit wir alle schön nüchtern bleiben«, krähte die Gräfin, woraufhin Crowley seufzend ein Ginger Ale orderte. »Machen Sie sich mal keine Sorgen, Sackgesicht! Dem können wir Abhilfe schaffen«, erklärte Gräfin Bronski, öffnete ihre elegante Abendhandtasche und präsentierte Crowley einen silbernen Flachmann. »Ist zwar kein Whiskey drin, aber ein guter französischer Cognac tut’s doch hoffentlich auch.«
Der Magier war begeistert. »Vortrefflich, meine Liebe, vortrefflich, der Abend ist gerettet!«
»Das machen die meisten hier, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen, sonst werden einem die Vergünstigungen gestrichen.«
Nachdem Crowley sein Ginger Ale dezent präpariert und der Gräfin gebührend zugeprostet hatte, servierte ihnen der Ober ein auserlesenes Vier-Gänge-Menü, sodass der vom Alkohol bereits euphorisierte Magier in bester Stimmung war. Er schob sich gerade genussvoll ein Stück Roastbeef in den Mund und schaute sich im Saal um, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte und ihm der Bissen fast im Halse stecken blieb.
Gräfin Bronski musterte ihn irritiert. »Was ist denn mit Ihnen los, haben Sie einen Geist gesehen?« Doch anstatt ihr zu antworten, starrte Crowley nur weiterhin ins Leere, woraufhin ihn die Gräfin energisch am Arm stupste und fragte: »Essen Sie das nicht mehr? Dann nehme ich das nämlich für meine Katzen mit.«
»Ja, ja, machen Sie nur! Äh, äh, Entschuldigung, ich muss gehen«, murmelte Crowley hektisch, erhob sich von seinem Stuhl, deutete eine Verbeugung an und verließ fluchtartig den Speisesaal.
»Der hat sie doch nicht mehr alle«, fluchte die Gräfin konsterniert. »Verpiss dich, Du Schwanzlurch«, rief sie dem Entschwindenden hinterher und da sie sowieso schon alle Blicke auf sich gezogen hatte, zertrümmerte sie noch wütend ihr Glas und schrie so laut, dass es durch den ganzen Saal hallte: »Glotzt nicht so blöd, ihr Arschgeigen!«
Um sechs Uhr früh zum Dienstantritt war Maureen zwar total übermüdet, aber guter Dinge. Nach dem Kino war sie noch mit Joe und Patricia, die ihr angeboten hatten, sich beim Vornamen zu nennen, in ein Pub gegangen. Dort hatten sie sich angeregt unterhalten und es war spät geworden. Maureen zehrte noch von dem schönen Abend und ließ ihn Revue passieren, während sie ins Schwesternzimmer trat, um mit den Kollegen von der Nachtschicht das Übergabe-Gespräch zu führen. Der muskulöse Pfleger Festus Houseknecht, der auch der Oberpfleger der Station war, und die Krankenschwester Ava Cushing saßen am Tisch und blinzelten ihr aus müden Augenschlitzen entgegen.
»Gibt schlechte Neuigkeiten«, grummelte Festus übellaunig, gleich nachdem sich Maureen zu ihnen gesetzt hatte. »Sir Alfred hat sich gestern Abend nach dem Dinner aus dem Staub gemacht und wurde im Morgengrauen von einer Polizeistreife nahe einer Opiumhöhle am Bahnhof besinnungslos aufgegriffen und zu uns zurückgebracht. Professor Sutton war darüber so verärgert, dass er einen kalten Entzug angeordnet hat – und wir dürfen den Schlamassel jetzt ausbaden. Als der Schotte vorhin zu sich gekommen ist, hat er eine solche Randale veranstaltet, dass ich ihn kurzerhand in die Gummizelle gesteckt habe. Am Lamentieren ist er zwar immer noch, aber die gepolsterten Wände halten schon was ab, sonst wäre das ja auch eine Zumutung für uns und die anderen Patienten. Es wäre gut, wenn du nachher mal nach ihm schauen könntest, Maureen. Vielleicht gelingt es dir ja, ihn zu beschwichtigen. So – und mit der eigentlichen Übergabe warten wir noch, bis endlich auch der Rest von der Tagesschicht eingetrudelt ist. Leider sind nicht alle so pünktlich wie du.«
Im nächsten Moment wurde an die Tür geklopft, die bei Besprechungen immer geschlossen wurde, und erstaunt gewahrten die Anwesenden die eindrucksvolle Gestalt von Professor Sutton im Türrahmen. Der Anstaltsleiter sah mit seinem sorgfältig ondulierten roten Vollbart, dem gewellten rotblonden Haar und dem markanten Aristokratengesicht wie die lebende Verkörperung von Richard Löwenherz aus – was ihm beim Personal auch diesen Spitznamen eingetragen hatte. Er grüßte schmallippig in die Runde und stellte den jungen Mann mit den blonden Stoppelhaaren, der nach ihm in den Raum getreten war, als Oberinspektor MacFaden von Scotland Yard vor. Den Herren folgten in dezentem Abstand die beiden Krankenschwestern Mildred Winnwood und Heather Atkinson, die sich mit betretenen Mienen im Hintergrund hielten. Als Maureens Blicke über ihre Gesichter schweiften, hatte sie den Eindruck, dass die Kolleginnen den Tränen nahe waren, was sie gleichermaßen erstaunte wie bedrückte.
Professor Sutton kam gleich zur Sache. »Auf dem Sanatoriums-Gelände, genauer gesagt am Rande des Seerosenteichs, hat eine unserer Patientinnen, die vorhin die Schwäne gefüttert hat, eine schreckliche Entdeckung gemacht«, sagte er mit vor Erregung bebender Stimme.
Maureen, die ihren Chef nur als beherrschten Vernunftmenschen kannte, war seltsam berührt.
»Es … es handelt sich um die enthauptete Leiche eines Mannes. Der Kopf des Toten wurde eben von der Polizei im Schilf gefunden. Ich übergebe nun das Wort an Oberinspektor MacFaden, der die Ermittlungen leitet.« Professor Sutton räusperte sich und wies auf den Inspektor.
»Da die Identität des Toten zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht geklärt ist, können wir momentan nicht gänzlich ausschließen, dass es sich bei ihm um einen Insassen der Heilanstalt handelt. Professor Sutton, der bei der Bergung dabei war, hat das zwar verneint, aber um absolute Klarheit zu erlangen, benötigen wir noch weitere Zeugen«, erläuterte der hochgewachsene Mann im gut geschnittenen Anzug sachlich. »Anhand der zahllosen Einstichstellen in seinen Armen lässt sich vermuten, dass der Tote drogenabhängig war. Daher ist es wichtig, dass sich die Angestellten der Suchtstation die Leiche anschauen, um zu klären, ob es sich möglicherweise um einen früheren Patienten handelt.«
Die Schwestern seufzten auf. Daraufhin erklärte der Inspektor, es genüge völlig, wenn ein Arzt und eine Schwester bei der Sichtung anwesend seien. Da inzwischen auch der Oberarzt Doktor Eisenberg und die anderen Psychiater der Suchtstation eingetroffen waren, wurde vereinbart, dass Oberpfleger Festus Doktor Eisenberg zur Leichenschau begleiten sollte.
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