»Scotland Yard hat in Erfahrung gebracht, dass ein Patient der Suchtstation in der Nacht nicht im Sanatorium war«, fuhr MacFaden fort. »Es geht um den berühmt-berüchtigten Okkultisten Aleister Crowley, der sich derzeit unter dem Decknamen Sir Alfred de Kerval hier aufhält. Im April gab es in Palermo bereits zwei ähnliche Mordfälle und Crowley wurde von den italienischen Kollegen als Täter verdächtigt, was sich jedoch als unbegründet erwies, da er sich zu dieser Zeit bereits im Holloway-Sanatorium aufhielt. Auch wenn ihm diese Morde nicht angelastet werden konnten, erscheint er uns in diesem neuerlichen Mordfall hochgradig verdächtig, da wir in seinem nächtlichen Verschwinden und dem Auffinden der Leiche auf dem Gelände des Sanatoriums einen Zusammenhang vermuten. Diesem Verdacht müssen wir unbedingt nachgehen. Daher möchte ich ihn nun einem ersten Verhör unterziehen.«
»Der Patient ist momentan in einer so desolaten Verfassung, dass er in eine Gummizelle verlegt werden musste«, meldete sich Oberpfleger Festus zu Wort. »Er befindet sich auf Anordnung von Professor Sutton im kalten Entzug und leidet unter schweren Entzugssyndromen. Nach meinem Dafürhalten ist er kaum vernehmungsfähig.«
»Davon werden wir uns selber ein Bild machen«, erwiderte der Anstaltsleiter barsch und schlug MacFaden und dem Oberarzt vor, sie zu Crowley zu begleiten.
»Mr Crowley klagt über ziehende Schmerzen in den Extremitäten und im Rückenbereich. Er leidet außerdem unter heftigem Speichelfluss, Schwitzen, Erbrechen und Durchfall, ist extrem unruhig und halluziniert offenbar. Daher ordne ich an, dass ihm vierhundert Milligramm Morphinsulfat zur Substitution injiziert werden, damit er halbwegs vernehmungsfähig ist. Vorher muss er aber noch gewaschen und frisch eingekleidet werden.« Professor Suttons herrischer Blick richtete sich auf Maureen, die ihrem Vorgesetzten angespannt zugehört hatte. »Können Sie das bitte übernehmen, Schwester Maureen? Er hat eben immer wieder nach Ihnen gefragt und scheint einen Narren an Ihnen gefressen zu haben« Er verzog spöttisch die Mundwinkel, ehe er süffisant hinzufügte: »Darauf würde ich mir aber nicht unbedingt etwas einbilden.«
Maureen ignorierte seine Bemerkung, erhob sich wortlos vom Stuhl, strich ihre Schwesterntracht glatt und wollte sich schon auf den Weg machen, als Professor Sutton anordnete, Pfleger Festus solle sie begleiten.
»Der Mann ist möglicherweise ein gefährlicher Mörder und hochgradig geisteskrank, wenn man bedenkt, dass die Leiche enthauptet wurde.«
Der Inspektor nickte ernst und wandte sich an Maureen und Festus: »Ich muss Sie eindringlich darum bitten, Crowley gegenüber nichts von dem Mord verlautbaren zu lassen. Das ist sehr wichtig für das anschließende Verhör.«
Nachdem ihm Maureen und der Oberpfleger dies zugesichert hatten, begaben sie sich zum Fäkalienraum. In dem nach scharfen Desinfektionsmitteln riechenden Zimmer unweit der Personal- und Besuchertoiletten, wo die Bettpfannen, die hin und wieder auf der Station Verwendung fanden, ausgeleert und gereinigt wurden, lagerten neben verschiedenen Antiseptika, Hygienepräparaten und Waschutensilien auch Gummihandschuhe – die Maureen, das wusste sie aus Erfahrung, jetzt gut gebrauchen konnte.
»Glauben Sie, dass Crowley zu einem Mord fähig wäre?«, fragte sie nachdenklich.
»Diesem kranken Bastard traue ich jede Schandtat zu«, erwiderte Festus prompt. »Ich hatte ja bis vorhin, als Löwenherz uns gesagt hat, dass der Schotte Aleister Crowley ist, nicht die geringste Ahnung, wen wir da bei uns beherbergen. Was ich übrigens eine ziemliche Sauerei finde! Der Alte hätte uns das längst mitteilen müssen. Unsereiner hat ja viel mehr mit den Patienten zu tun und ist deswegen auch am meisten gefährdet bei so einem Irren, der kleine Kinder verspeist«, fluchte er erbittert.
Maureen wusste, dass er ein eifriger Leser von John Bull und dem Sunday Express war, und ahnte, woraus sich seine Meinung über den Magier speiste. Obgleich sie von Crowley ein differenzierteres Bild hatte, als die Skandalblätter von ihm verbreiteten, war sie doch innerlich hin- und hergerissen. Einerseits sagte ihr ihre Intuition, dass Crowley kein Mörder war, andererseits hätte sie aber auch nicht die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass dem nicht so war. Von solcherart Zweifeln geplagt, trat sie mit dem kleinen Rollwagen, auf dem sich frische Wäsche und Handtücher, antiseptisches Waschwasser und Gummihandschuhe befanden, in Begleitung von Festus in die Gummizelle am Ende des Flurs.
»Ein Glück, dass du da bist!«, stieß Crowley bei ihrem Anblick hervor. »Ach, der Totschläger ist ja auch dabei«, murrte er verdrossen, als er die wuchtige Gestalt des Oberpflegers im Hintergrund gewahrte.
Der Okkultist war in einem jämmerlichen Zustand und stank entsetzlich nach Erbrochenem und Fäkalien. Maureen streifte sich die Gummihandschuhe über und hielt die Luft an. Crowley blickte beschämt zu ihr herüber.
»Tut mir leid, Fairy Queen, dass ich mich so eingesaut habe, aber mir geht es total beschissen«, stammelte er verlegen und bestand darauf, sich selber zu waschen.
Maureen übergab ihm Waschlappen und Seife und trat ein Stück zur Seite, während er sich auszog. Sie rümpfte angewidert die Nase, als sie die besudelten Kleidungsstücke vom Boden aufklaubte und in den Wäschesack stopfte.
»Wie konnten Sie das nur tun, Mr Crowley, sich bei der erstbesten Gelegenheit davonzumachen und rückfällig zu werden? Ich bin bitter enttäuscht von Ihnen«, schimpfte sie aufgebracht. »Sie waren doch gestern Morgen noch so vernünftig und haben auf mich einen gefestigten Eindruck gemacht. Aber da muss ich mich wohl getäuscht haben.«
»Nein, das hast du nicht, mein Kind«, erwiderte der Okkultist mit schwerer Zunge und gab einen tiefen Seufzer von sich. »Ich … ich muss dir etwas ganz, ganz Schreckliches sagen«, flüsterte er und gab ihr ein Zeichen, näherzukommen. »Er ist hier … Ich meine Bruder Pan. Ich … ich habe ihn gestern Abend beim Dinner im Speisesaal gesehen und deswegen bin ich auch geflüchtet«, stieß er panisch hervor.
»Hören Sie auf mit dieser Heimlichtuerei und waschen Sie sich gefälligst, damit wir Sie wieder ankleiden können!«, raunzte der Oberpfleger gereizt.
»Halt die Klappe, du Halbaffe!«, fluchte der Okkultist und fuhr mit seiner Katzenwäsche fort.
Als er damit fertig war und ein sauberes Patientenhemd übergezogen hatte, schien es der Oberpfleger eilig zu haben, aus der Gummizelle hinauszugelangen. »Wisch noch schnell die Pfütze vom Boden und fertig ist die Laube!«, wandte er sich beim Hinausgehen an Maureen.
Während sie dieser unliebsamen Tätigkeit nachging, erkundigte sie sich bei Crowley, ob Bruder Pan auch ihn im Speisesaal bemerkt habe.
Der Okkultist verneinte das. »Er hat am Ärztetisch gesessen und sich angeregt mit dem Anstaltsleiter unterhalten. Er hat sich zwar einen Vollbart wachsen lassen, aber ich habe ihn dennoch sofort erkannt«, erläuterte er erregt.
»Es könnte sich bei ihm also auch um einen Patienten gehandelt haben«, überlegte Maureen konzentriert. Sie nahm Crowleys Äußerungen durchaus ernst. »Hier im Holloway-Sanatorium ist es nämlich nicht unüblich, dass die Ärzteschaft Patienten an ihren Tisch bittet.« Da sie bemerkte, dass es Crowley guttat, mit ihr zu sprechen, bat sie ihn, Bruder Pan genauer zu beschreiben.
»Was soll ich sagen?«, erwiderte Crowley zerknirscht. »Ich weiß von ihm nur, dass er im Großen Krieg als Militärarzt gearbeitet hat. Außerdem hat er ausgezeichnete Umgangsformen. Sein Aussehen ist aber schwer zu beschreiben, weil er ein nichtssagendes Dutzendgesicht hat. Er ist groß und durchtrainiert und hat – übermenschliche Kräfte«, fügte er angstvoll hinzu.
Im nächsten Moment wurde die Tür geöffnet und Professor Sutton trat in Begleitung des Oberarztes und MacFaden in den schwach erleuchteten Raum. Er gab Maureen unmissverständlich zu verstehen, die Herren mit dem Patienten alleine zu lassen, worin sie sich widerspruchslos fügte und mit dem Rollwagen die Gummizelle verließ. Als sie wenig später auf dem Gang Joe Sandler begegnete, der gerade aus einem Patientenzimmer kam, machte ihr Herz einen Sprung und sie spürte, wie sie errötete.
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