Der Profos merkte es nicht, denn er spähte mit schmalen Augen zum Niedergang, wo der Kapitän Maßnahmen eingeleitet hatte, sich aus seiner Zwangslage zu befreien. Ächzend und strampelnd schob er sich auf dem Bauch rückwärts aus der Falle. Dann hob er den Kopf zu früh und stieß ihn sich an der untersten Stufe. Da frohlockte der Profos, denn er empfand immer Wohlwollen, wenn sich ein Don selbst und in eigener Person Schmerzen zufügte.
„Am besten, wir beachten ihn nicht weiter“, sagte Hasard, „aber wenn er weiter herummotzt, kannst du ihm ja ein bißchen auf die Zehen treten. Behalte auch die anderen Burschen im Auge. Auf dem Achterdeck steht der Erste Offizier, und der sieht mir ganz danach aus, als habe auch er seine Lektion noch nicht gelernt.“
Carberry schaute unauffällig hin und nickte dann. Dieser dürre Hecht mit dem verkniffenen Gesicht und den böse funkelnden Augen wirkte tatsächlich so, als habe er eine Qualle verschluckt und sie noch nicht richtig verdaut. Oder sie glitschte ihm noch im Geierhals herum und hatte sich mit dem Adamsapfel angelegt, der rauf und runter turnte, als sei er auf der Flucht.
„Ich passe auf, verlaß dich drauf, Capitán“, sagte der Profos.
Hasard band sich das nasse Leinentuch wieder vor Nase und Mund und stieg ins Vorschiff hinunter, um Big Old Shane abzulösen. Sie nickten sich nur zu, und der graubärtige Riese verschwand nach oben.
Der Seewolf hatte den Eindruck, als habe die glühende Hitze nachgelassen. Mit einem Bootshaken stocherte er vom Schott aus in der Vorpiek herum, spürte Widerstand und zog. Was er durchs Schott in den Vorraum beförderte, war ein Packen von drei aufeinander verschnürten Seegrasmatratzen. Die unterste war ziemlich verkohlt.
„Über Bord mit den Dingern“, befahl er.
Blacky und Gary Andrews packten zu und hievten den triefenden und stinkenden Packen durch die Luke auf die Back. Oben griffen die beiden Zwillinge zu, schleppten den Packen zum Schanzkleid und schleuderten ihn mit Schwung darüber und ins Wasser. Tatsächlich zischte es dort noch einmal auf.
Danach gellte ein Schrei, und der ihn ausstieß war wiederum Kapitän Pigatto. Nachdem er unter dem Niedergang hervorgekrochen war, hatte er sich auf eine der Stufen gesetzt und etwas teilnahmslos gewirkt. Jetzt erwachte er zu neuem Leben.
„Meine Matratzen!“ schrie er, sprang zum Schanzkleid und stierte mit Entsetzen zu der Stelle, wo auf dem Wasser nur noch eine grauschwarze Wolke waberte. Die Matratzen waren inzwischen abgesoffen.
Der Kapitän wirbelte herum und brüllte zur Back hoch: „Ich verbiete, daß mein Schiff noch weiter ausgeplündert wird! Das geht zu weit! Die Matratzen gehören zu meinem Schiffsinventar!“
Der Profos walzte auf ihn zu, ein freundliches Grinsen auf dem wilden zernarbten Gesicht.
„Jetzt hör mir mal zu, du Kaffer“, sagte er in seiner liebenswürdigen Art. „Was du da deine Matratzen nennst, waren allenfalls noch stinkige und versengte Schmierlappen, die man nicht mal mehr als Fußabtreter benutzen konnte, ganz abgesehen davon, daß sie Glutnester bildeten. Wenn dieses Zeug in der Vorpiek bleibt, kannst du deinen ganzen Kahn auf die Verlustliste setzen. Ist das klar?“
„Ich verlange, sofort den Capitán zu sprechen!“ brüllte Miguel Pigatto.
„Geht nicht“, sagte der Profos lakonisch, „der räumt gerade deine verdammte Vorpiek aus.“ Und er deutete zur Back, wo die Zwillinge soeben eine qualmende Taurolle in die See beförderten.
Wieder zischte es.
Der Kapitän erlitt einen Schreikrampf und setzte zum Sturm auf die Back an. Der Profos stand günstig. Er brauchte nur den rechten Fuß vorzustrecken, den er auch noch ruckartig anhob, um der Sache mehr Schwung zu geben.
Nach den Gesetzen der Schwerkraft schrammte der Kapitän mit seiner knubbeligen Nase über die Planken, die Beine noch in der Luft, Reibung erzeugt Wärme, wenn nicht Hitze. Jeder Seemann weiß das, wenn ihm ein Tau durch die Hände rauscht. Da geht die Haut in Fetzen. Tat sie beim „Respeto“-Capitán auch. Nur auf der Nase.
„Ja, ja“, sagte der Profos, als der Capitán die Planken anjaulte.
Ein Schuß krachte. Noch jemand schrie, und etwas polterte den Steuerbordniedergang vom Achterdeck zur Kuhl hinunter. Eine Muskete.
Der einige, der geschrien hatte, war der dürre Erste Offizier. Jetzt rieb er sich die rechte Wange.
Carberrys Blick wechselte zur Schebecke hinüber. Dort setzte Dan O’Flynn eine Muskete ab, aus deren Mündung Rauch kräuselte.
„Er hatte auf dich angelegt, Señor Profos!“ rief Dan. „Da schoß ich ihm die Muskete aus den Händen.“
„Sauberer Schuß“, knurrte der Profos und setzte sich in Marsch.
Der Dürre schaute sich gehetzt um, floh zu den Backbordbesanwanten und enterte wie ein Affe auf.
Carberry blieb stehen und schaute zu. Dann zuckte er mit den breiten Schultern und rief zum Besanmars hoch: „Da oben kannst du bleiben, bis dir dein Bart über die Füße wächst. Aber wenn du abenterst, nehme ich dich in Empfang!“ Er hob den rechten Profoshammer. „Hiermit! Und dann wirst du nur noch Brei essen können, weil dir die Beißerchen fehlen, du dreckiger Heckenschütze!“
„Ich wollte Sie nur erschrecken, Señor!“ zeterte der Dürre.
Carberry spuckte verächtlich über Bord.
„Mich erschrecken“, brummelte er. „Ist der Kerl größenwahnsinnig?“ Und er donnerte zum Besanmars hoch: „Einen Profos der stolzen spanischen Flotte kannst du mit solchen Mätzchen nicht erschrecken, du halbes Hemd! Ich habe mehr Kugeln pfeifen hören, als du in deinem ganzen Leben Oliven gefressen hast!“
„Jawohl, Señor Profos“, sagte der Dürre kläglich. Er fühlte sich wie jener Jäger, der sein Pulver verschossen hatte und vor dem anstürmenden Wildeber auf einen Baum geflüchtet war. Und dort unten tobte das Untier noch herum und schielte tückisch nach oben.
Dem allen setzte Sir John die Krone auf.
Was in seinem Papageigehirn vorgehen mochte, wußte keiner, obwohl ihm der Profos alle möglichen guten Gaben andichtete, der Kutscher jedoch behauptete, Papageien hätten ein Mückengehirn, will sagen, sie wären so etwas Ähnliches wie kreuzdämlich und bar jeder Denkfunktion.
Ab und an allerdings waren die Arwenacks dann doch verdutzt über Sir Johns Reaktionen. In diesem Fall war es so, daß die „Krachente“ zumindest einiges mitgekriegt hatte, was sich zwischen dem Dürren und Edwin Carberry, dem Herrn und Meister, abgespielt hatte. Der Teufel mochte wissen, welche Zuneigung den Papagei mit dem Profos verband.
Aber Sir John hob von der Großgaffelnock der Schebecke ab und startete zum Angriff auf den Dürren, zum Luftangriff, und zwar dergestalt, daß er über den Dürren wegsauste und ihm dabei die Vogelkrallen durch die Kopfhaut zog.
Der Dürre fiel fast vom Mars.
Hatte er eben noch den Profos da unten mit einem wütenden und gereizten Wildeber verglichen, vor dem man nur auf einen Baum flüchten konnte, so war’s jetzt mit dem Angriff aus der Luft – was den sicheren Standort betraf – jäh und schmerzhaft vorbei. Es gab nichts mehr, wohin eine weitere Flucht Schutz versprach. Unten lauerte der Wildeber und über ihm ein Raubvogel übelster Art, ein scharfer Falke, auch wenn er wie ein Papagei aussah.
Und der Kopf blutete. Heilige Mutter Maria!
Der Wildeber unten auf der Kuhl lachte sich krumm und scheckig, und der scharfe Falke, jetzt auf dem Besantopp, rasselte eine Kette von Schimpfnamen und Aufforderungen aus dem Krummschnabel, wobei er wie verrückt mit dem Kopf auf und nieder ruckte und glühende Augen hatte.
Das meiste verstand der Dürre nicht richtig, aber was er verstand, das entstammte dem Wortschatz von Huren, Säufern und Hafenstrolchen. Dieses geflügelte Ungeheuer mußte eine Ausgeburt der Hölle sein.
Als Sir John seine Schimpftirade auch noch mit der seltsamen Aufforderung „Gib Küßchen, Süßer!“ abschloß, war das zuviel für den Dürren. Er verdrehte die Augen, und die Sinne entschwanden ihm. Hinter der Segeltuchverkleidung, die den Mars umschloß, sackte er in sich zusammen und verschwand somit aus der Sicht der spanischen Decksleute und der Arwenacks.
Читать дальше