„Das dürfen Sie nicht!“ schrie der Kapitän. „Sie haben uns genauso zu schützen wie die anderen Schiffe!“
„Da irren Sie sich aber gewaltig, mein Lieber!“ rief Hasard mit klirrender Stimme. „Der Konvoi hat absoluten Vorrang. Mit ein bißchen Verstand und logischem Denken müßten Sie sich das selbst sagen. Aber daran mangelt’s wohl bei Ihnen. Genug geredet! Haben Sie festgestellt, wo sich der Kern des Schwelbrandes befindet?“
„In der Vorpiek.“
„Was ist dort gelagert?“
„Ersatztauwerk, Segeltuchballen, Seegrasmatratzen …“
Hasard fuhr dazwischen: „Das haben Sie noch nicht außenbords befördert, Mann? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“
„Das wird alles noch gebraucht“, erklärte Pigatto trotzig. „Wir Handelsschiffer können mit unserem Zeug nicht so herumaasen wie die vornehmen Señores von der Marine, die sich in den Arsenalen bedienen können, soviel sie wollen.“
Don Juan de Alcazar, der neben Hasard am Schanzkleid stand, stieß ihn sachte mit dem Fuß an und flüsterte durch die Zähne, ohne den Kopf zu bewegen: „Da hat er allerdings recht. Was von der Marine an Materialien wie Segel und Tauwerk vergeudet wird, geht auf keine Kuhhaut. Und jeder Kommandant kann sich in den Arsenalen holen, was ihm angeblich verloren oder kaputtgegangen ist. Da werden natürlich saftige Nebenverdienste eingestrichen. Denn das Zeug aus den Arsenalen verscheppern die Kommandanten dann wieder an die Kapitäne der Handelsschiffe.“
Hasard nickte unmerklich, daß er verstanden hatte, und rief zu Pigatto hinüber: „Ich fordere Sie hiermit auf, Capitán, Ihre Vorpiek sofort leerzuräumen! Alles Zeug, das dort gelagert ist, hat von Bord zu verschwinden! Das ist ein Befehl!“
Fast sah es aus, als sträubten sich bei dem Kapitän sämtliche Haare – auch jene, die ihm ziemlich lang aus den Nasenlöchern wucherten. Außerdem hüpfte er vor Wut einen halben Yard hoch.
„Niemals!“ brüllte er. „Niemals! Nur über meine Leiche!“
„Längsseits gehen!“ knurrte Hasard Stenmark an. „Der Kerl kriegt jetzt Zunder, daß er glaubt, der Schwelbrand sei unter seinem Hintern ausgebrochen!“
Sanft legte der Schwede Ruder, und die Schebecke glitt auf die „Respeto“ zu.
„Klar zum Entern!“ brüllte Hasard über die Kuhl.
Das war was für die Arwenacks. Und in lüsterner Vorfreude raspelte der Profos die Pranken aneinander, die „Profos-Hämmerchen“, mit denen er laut seiner jüngsten Devise „Kastanienfresser zu löschen“ pflegte. Es war mal wieder soweit.
Kaum bumste die Steuerbordseite der Schebecke mit samtweichem Klang an die Backbordseite der „Respeto“, da fegte der Profos bereits mit einem wilden Satz von dem einen Schanzkleid zum anderen, sprang auf die Kuhl der Galeone und räumte mit einem wüsten Schwinger einen Kerl ab, der ihn dämlich anglotzte.
Der Kerl sauste in gestrecktem Flug in ein paar Pützen mit Seewasser, die auf der vorlichen Kuhl zum Bewässern der Back bereitstanden. Es schepperte und spritzte. Eine Pütz rollte dem Profos vor die Füße – maßgerecht. Er brauchte nur zuzutreten.
Das Ding aus Hartholz flog dem Bootsmann der „Respeto“ unters Kinn, und das mußte aus Glas sein, auch wenn der Kerl die Figur eines Kleiderschranks hatte. Er kriegte glasige Augen, sackte zusammen und versammelte sich auf den Planken.
Damit hatte es sich schon, auch wenn Capitán Pigatto Zeter und Mordio schrie. Seine Kerle waren keine harten Kämpfer und zudem von den nächtlichen Löscharbeiten mächtig abgeschlafft. Für „englische Schnapphähne“, Barbaresken-Teufel oder französische Korsaren – wie sie Hasard zitiert hatte – wäre die „Respeto“ eine leichte Beute gewesen, ja, sie wäre ihnen regelrecht in den Schoß gefallen.
Inzwischen waren beide Schiffe miteinander vertäut und an die vierzehn Arwenacks dem Profos gefolgt, aber da gab’s nichts mehr durchzuklopfen. Zur Leiche wurde der knubbelnasige Kapitän auch nicht, nur schimpfen tat er, stellte dies jedoch ebenfalls ein, als ihm der Profos drohend auf den Leib rückte und ein paar Maulschellen anbot.
Hasard und Ferris Tucker – sie hatten sich nasse Leinentücher vor Nase und Mund gebunden – drangen unter Deck zur Piek im Bugraum vor. Arwenacks mit Wasserpützen folgten ihnen und bildeten eine Kette. Auch sie trugen nasse Tücher vor Nase und Mund.
In dem Vorraum zur Piek herrschte eine Bullenhitze, ganz abgesehen von dem Qualm. Ohne Rücksicht darauf, ob ein Luftzug den Schwelbrand zum hellen Feuer anfachen konnte, stieß Ferris Tucker im Raum vor der Piek eine Luke auf, die auf die Back führte. Jetzt konnte hier zumindest der Rauch abziehen, so daß die Sicht freier wurde. Die Augen tränten ihnen bereits.
Die Querwand zur Piek fühlte sich warm an. Hinter ihr mußte eine unbeschreibliche Hitze herrschen. Hasard und Ferris klatschten ein paar Pützen mit Wasser gegen das Holz. Pützen wurden nachgereicht. Es dampfte in dem Vorraum wie in einer Waschküche.
Hasard hielt eine Wasserpütz bereit und nickte seinem riesigen Schiffszimmermann zu. Ferris Tucker wußte, was er meinte. Er riß das Schott zur Vorpiek auf und sprang zur Seite. Schwarzer Qualm quoll aus dem Raum, zusammen mit glühendheißem Dunst.
Hasard schüttete mit Schwung Wasser in die Vorpiek und in schneller Folge weitere Pützen hinterher. Drinnen zischte und dampfte es. Eimer um Eimer wurde entleert, Big Old Shane löste Hasard ab, der keuchend und hustend an Oberdeck stieg, um frische Luft zu schnappen. Er sah aus, als sei er einer Bratröhre entstiegen. Aus seinem schwarzen Gesicht leuchteten nur die eisblauen Augen und die weißen Zähne.
„Lange haben Sie’s da unten auch nicht ausgehalten!“ höhnte der knubbelnasige Kapitän.
Hasard spülte das Leinentuch in einer Pütz aus und musterte den Kapitän eisig.
„Das mag sein“, sagte er, „aber dafür haben wir jetzt das Piekschott geöffnet und gehen den Schwelbrand, unmittelbar an, was Sie bisher nicht für nötig gehalten haben, Sie Schwachkopf!“
Pigatto erbleichte und ächzte.
„Was denn?“ stieß er hervor. „Sie haben das Schott geöffnet? Sind Sie verrückt geworden? Bei Luftzufuhr brennt das Zeug sofort lichterloh!“
„Quatsch!“ sagte Hasard. „Bei mir hat’s nur gezischt und gedampft, von lichterloh kann keine Rede sein …“
Bei dem Knubbelnäsigen gingen die Gäule durch. „Wenn mein Schiff verbrennt, werden Sie mir dafür haften müssen!“ brüllte er. „Das Schott zur Vorpiek durfte nicht geöffnet werden. Das war ein Befehl von mir – und noch bin ich der Kapitän auf meinen Schiff, nicht Sie – Sie – Sie Brandstifter!“
Bevor Hasard reagieren konnte, hatte schon der Profos zugepackt, der hinter Pigatto stand. Er griff ihm ins Genick, wirbelte ihn herum und trat ihm den rechten Stiefel, Marke Themsekahn, in den Hintern.
Der ehrenwerte Capitán wurde davonkatapultiert und suchte sich als Landeplatz den Backbordniedergang zum Achterdeck aus, das heißt, er sauste, Kopf voran, in die Lücke zwischen unterster Stufe und Decksplanken. Dort stieß er hinein und verschwand bis zum Achtersteven. So blieb er zunächst liegen.
„Mußte das sein?“ fragte Hasard seinen Profos.
Fast hätte Carberry mit „aye, aye, Sir!“ geantwortet, aber er bremste sich rechtzeitig und schnarrte: „Señor Capitán! Sie wurden als Geleitzugführer und damit Befehlshaber über den gesamten Konvoi mit dem schimpflichen Ausdruck ‚Brandstifter‘ belegt, was ich als Profos mit einer sofortigen Disziplinarmaßnahme ahnden mußte. Ich bin dabei noch sehr glimpflich mit diesem rübennäsigen Affenarsch umgegangen.“
„Ähem!“ äußerte der „Geleitzugführer“ und „Befehlshaber über den gesamten Konvoi“, denn er hatte Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken.
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