Jean Ribault kniff die Augen zusammen. „Du meinst, sie qualmen absichtlich?“
Hasard stellte die Gegenfrage: „Was würdest du denn als spanischer Kapitän tun, wenn du nicht nach Irland segeln willst?“
Jean Ribault wiegte den Kopf. „Na, lieber in der Nacht heimlich abhauen wie die ‚Nobleza‘, als mir möglicherweise den Hintern zu verbrennen. Mir wäre das zu riskant. Noch ist das da drüben ein Schwelbrand im Vorschiff. Aber daraus kann sehr schnell ein Fegefeuer werden. Du weißt doch, jeder Seemann hat vor nichts einen größeren Bammel als vor Feuer im Schiff. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß die Kerle so dreist sind, selbst Feuer zu legen. Das grenzt ja schon an Selbstverstümmelung.“
„Einen Verrückten kümmert das nicht“, erwiderte Hasard. „Außerdem verkennst du etwas die Situation. Die ‚Respeto‘ segelt im Verband, ist also kein Einzelfahrer. Wäre sie Einzelfahrer, würde ich dir recht geben, daß sie sich hüten, Feuer zu legen. Aber im Verband haben die Kerle die Möglichkeit, jederzeit auf ein anderes Schiff überzusteigen, wenn sie des Feuers nicht mehr Herr werden. Sie riskieren also gar nichts – nur den Verlust von Schiff und Ladung.“
„Das stimmt“, gab Jean Ribault zu und blickte nachdenklich zur „Respeto“, wo immer noch eifrig Seewasser gepützt und über die gesamte Back geschüttet wurde. Gleichzeitig wurde offenbar gepumpt, denn aus bestimmten Speigatten lief stoßweise Wasser – dies vornehmlich im Bereich der Kuhl.
Spielten die da drüben nun Theater, oder war das ein echter Notfall?
Jean Ribault zog das Spektiv aus dem Gürtel und spähte hinüber. Die Kerle wirkten müde und ziemlich geschafft. Nein, das war nicht gespielt, das war echt. Helle Gesichter gab es kaum, fast alle waren rußig verschmiert. Ihre Kleidung sah entsprechend aus, das heißt, ein großer Teil trug nur die Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war. Ihrer Hemden hatten sie sich entledigt, vermutlich, weil sie sich wie auf dem Bratrost fühlten.
„Seit wann kokelt die ‚Respeto‘?“ fragte Jean Ribault und setzte den Kieker ab.
„Seit anderthalb Tagen“, erwiderte Hasard grimmig. „Ich bot dem verdammten Pigatto meine Hilfe an, aber er meinte reichlich pampig, darauf verzichten zu können. Jetzt qualmt der Kasten immer noch, nur werde ich mich nicht mehr abspeisen lassen. Notfalls wird geentert. Ich will wissen, was da drüben gespielt wird.“ Ein hartes Grinsen huschte über Hasards Gesicht. „Schließlich bin ich Capitán Julio de Vilches und habe die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mich um den Konvoi zu kümmern.“
Jean Ribault grinste ebenfalls. Er dachte dabei an den echten Don Julio de Vilches, den Kommandanten der „Casco de la Cruz“, von dem sich Philip Hasard Killigrew so deutlich unterschied wie ein Edelfalke von einem zerrupften, abgetakelten Geier, dem die Milben das Federkleid zerfressen haben.
Und er dachte daran, wie Don Julio im hohen Bogen vom Achterdeck des Viermasters abgehoben hatte, als die Pulverladung unter dem Heck explodiert war.
„Warum grinst du?“ fragte Hasard.
„Ach, mir ging nur eben durch den Kopf, wie Don Julio bei der Heckexplosion ins Wasser katapultiert wurde“, erwiderte Jean Ribault. „Sein ohnehin klappriges Knochengestell hat da einiges aushalten müssen. Alles hat bei ihm geflattert.“
„Ich gönne es ihm“, sagte Hasard belustigt. „Aber ob auch seine Bösartigkeit davongeflattert ist, bezweifle ich. So, dann werde ich mich mal mit der ‚Respeto‘ beschäftigen.“
„Kann ich behilflich sein?“ fragte Jean Ribault.
Hasard schüttelte den Kopf. „Mir wär’s lieber, wenn du dich mit Arne um den Konvoi kümmerst, Jean. Bleibt auf Nordkurs und segelt nur langsam weiter, damit wir wieder aufschließen können, sobald wir die Qualmerei im Griff haben.“
„Geht klar, Capitán de Vilches!“ Jean Ribault salutierte, wie sich das für einen „spanischen Seeoffizier“ gehörte, und Hasard mimte den gleichen militärischen Firlefanz – womöglich noch gespreizter als der Franzose. Da sollte noch jemand sagen, sie spielten ihre spanische Rolle nicht überzeugend. Nein, nein, die war bühnenreif.
Während Jean Ribault mit der „Isabella“ zum Geleitzug und zur „Wappen von Kolberg“ aufschloß, segelte Hasard mit der Schebecke zur „Respeto“. Er hielt von Backbord achtern auf sie zu, um in Luv zu bleiben – in Lee wäre die Schebecke von dem Qualm eingenebelt worden.
Mit aufgefierten Schoten – am Ruder stand Stenmark – glitt die Schebecke in einem Abstand von etwa fünfzehn Yards neben der Galeone her, und Hasard preite vom Achterdeck aus die „Respeto“ an.
Die Kerle kümmerten sich den Teufel um den Anruf. Niemand erschien am achteren Backbordschanzkleid. Man tat, als sei man mit sich selbst beschäftigt. Die Schebecke wurde übersehen.
In Hasard stieg die Galle hoch.
„Pigatto!“ brüllte er hinüber und sah mit Genugtuung, wie einige Kerle dort drüben zusammenzuckten, als sie die Donnerstimme hörten. „Wenn Sie mir nicht augenblicklich Meldung erstatten, was bei Ihnen los ist und wie Sie den Schwelbrand zu löschen gedenken, lasse ich Ihren verdammten Kahn versenken, und Sie können mit Ihrer Mannschaft bleiben, wo der Pfeffer wächst! Haben Sie mich verstanden?“
Miguel Pigatto, schwarzbärtig, knubbelnäsig und stämmig, tauchte mit mürrischem Gesicht am Schanzkleid seines Achterdecks auf.
„Was gibt’s da zu melden?“ nölte er. „Wir haben einen Schwelbrand, wie Sie selbst sagten, und meine Männer haben die ganze Nacht lang versucht, den Brand einzudämmen.“
„Haben versucht, ist gut“, höhnte Hasard. „Den Erfolg sieht man ja! Offenbar sind Sie und Ihre Leute überfordert. Sie sollten besser Rüben über Land karren, statt ein Schiff zu führen, das mit wertvollem Gut für Seine Majestät beladen ist!“
Der stämmige Kapitän lief im Gesicht rot an, insbesondere seine knubbelige Nase. Die begann wie ein Karfunkel zu leuchten.
„Das brauche ich mir nicht bieten zu lassen!“ brüllte er.
„Oh, ich kann Ihnen noch mehr bieten, Señor!“ donnerte Hasard zurück. „Zum Beispiel, daß ich den Verdacht habe, Sie tun absichtlich nichts, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Vielleicht hoffen Sie, daß der Konvoi weitersegelt – und wenn er außer Sicht ist, löschen Sie schnell und verschwinden, um sich die wertvolle Ladung selbst unter den Nagel zu reißen. Wie war denn das?“
Der Kapitän schnappte nach Luft, und dann brüllte er: „Sie sind ja wahnsinnig!“
Hasard gab’s ihm: „Sie verzögern den Weitermarsch des Konvois, Pigatto! Wissen Sie, wie ich das nenne? Das ist Sabotage! Sie sabotieren die königliche Order, daß der Konvoi seinen Bestimmungshafen erreicht. Dafür kann ich Sie vor ein Bordgericht stellen. Wie ein königliches Gericht über einen Mann entscheidet, der für Seine Majestät bestimmtes Schatzgut verschleudert und den ganzen Konvoi an der Weiterfahrt hindert, können Sie sich wohl selbst ausmalen. Vermutlich wird man Ihnen den Tod mit der Garotte angedeihen lassen. Und das Urteil des Bordgerichts würde lauten: Hängetod an der Rah!“
Unwillkürlich faßte sich der Kapitän an den Hals, als spüre er bereits die Garotte oder die Henkersschlinge.
Schon etwas kleinlauter rief er: „Ich bin kein Saboteur, Señor Capitán! Wir haben die ganze Nacht geschuftet …“
„Erzählen Sie mir nichts!“ donnerte Hasard. „Seit anderthalb Tagen qualmt Ihr verdammter Kasten! Eine Hilfe meinerseits lehnten Sie ab. Reichlich pampig erklärten Sie, darauf verzichten zu können. Was daraus geworden ist, sieht man! Was meinen Sie wohl, was passiert, wenn in diesem Seegebiet englische Schnapphähne oder die Barbaresken-Teufel herumlungern, ganz zu schweigen von den französischen Korsaren? Ihre Qualmwolke ist meilenweit zu sehen! Glauben Sie bloß nicht, daß wir uns dann um Sie und Ihren qualmenden Kahn kümmern, ganz im Gegenteil! Wir lassen Sie als Futter für die Galgenvögel zurück und schirmen den Konvoi ab, der ist wichtiger als Ihr maroder Kahn!“
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