Der Teniente schrak so heftig zusammen, daß er sich nicht rührte und nur fassungslos diesen narbigen Kerl anstarrte.
Der war ganz freundlich und fragte trocken: „Na, Rübenschwein, hat’s geschmeckt?“ Dabei deutete er auf die Buddel.
Der Teniente schluckte hart, denn der Kerl griff blitzschnell nach seiner funkelnden Hurratüte. Er nahm sie in die linke Hand, grinste und holte dann mit der rechten Hand aus. Die war zur Faust geballt und nannte sich „Profoshammer“.
Aber das wußte der Teniente noch nicht. Er hatte nur einen halben Lidschlag lang das Gefühl, als habe ihn ein Pferdehuf getroffen. Dann flog er in die Koje und blieb regungslos mit ausgebreiteten Armen darin liegen.
„Der erste Seesack ist backgebraßt“, sagte Carberry zufrieden und hauchte über seinen Knöchel. Der Don hatte ein hartes Kinn. Aber das half ihm jetzt auch nicht mehr.
Carberry wartete ab, und weil ihm das Warten zu lange dauerte, nahm er ebenfalls einen Zug aus der Buddel, bis er Schritte hörte.
Aha, einer der Kerle kreuzte auf, um dem Teniente Meldung zu erstatten. Konnte er haben.
Der ahnungslose Seesoldat hörte scheinbar seinen Vorgesetzten in der Kammer rumoren und betrat ebenso ahnungslos den Raum.
„Oh – oh – Madre …“, sagte der Don verdutzt.
„Nix Madre, ich bin der Padre“, sagte Carberry, „und da hab ich den Segen für dich drin.“
Auf den Don flog eine Faust, die wie ein Hammerwerk zuhieb. Es zog ihm fast die Stiefel aus. Der Segen fiel so großzügig aus, daß der Don sofort erschlaffte.
„Sich regen, bringt Segen“, kommentierte der Profos und warf den Kerl zu dem Teniente in die Koje.
Na, einer wird schon noch antanzen, dachte er, und damit lag er richtig. Auch der nächste erschien und lernte den Profoshammer kennen. Die Verstörtheit wich aus seinem Gesicht. Es wurde still und friedlich, und der Profos glaubte sogar, ein „dämliches Grinsen“ darin zu erkennen.
Jetzt lagen drei Spanier in der Koje. Zum Leidwesen des Profosen erschienen keine weiteren, aber dafür hörte er ein trockenes Schluchzen irgendwo unter sich, und da wußte er, daß auch der vierte Don seinen vorläufigen Frieden gefunden hatte.
Die restlichen Seesoldaten wurden von den Mannen im Vorschiff übergangslos abgeräumt. Sie waren wie gelähmt, als vor ihnen plötzlich Kerle auftauchten, die buchstäblich aus dem Nichts erschienen.
Sie wurden in den Geheimgang gezerrt und nach achtern in Hasards Ex-Kammer gebracht. Dort stapelten sich jetzt sieben bewußtlose Dons.
Einer nach dem anderen erschien von Ribaults Mannen.
„Da haben wir ja den Haufen“, meinte der Franzose unbekümmert. „Ganz so, wie ich vermutet habe. Und niemand hat auch nur den geringsten Verdacht geschöpft. Zieht die Burschen aus und legt die Plünnen selbst an. Schließlich müssen wir auf unser Schiffchen zurückkehren.“
„Das wird ein Spaß“, sagte der Profos und begann damit, die regungslosen Dons zu entkleiden.
Zu seinem großen Leidwesen war jedoch nichts dabei, was ihm paßte.
„Macht nichts“, sagte Ribault. „Du bist sowieso viel zu groß und würdest nur auffallen. Du hast drei Kerle abgeräumt. Jetzt laß bitte den anderen den Vortritt.“
Da mußte sich der Profos schweren Herzens fügen, aber er konnte in der Zwischenzeit ja die anderen Dons bewachen.
Ribault zog sich um, dann Jack Finnegan, Higgy, Roger Lutz und die anderen, bis sie sieben an der Zahl waren.
Sie musterten sich gegenseitig und grinsten sich an.
„Wir warten noch eine halbe Stunde“, sagte Jean Ribault. „Dann herrscht genau das Zwielicht, das wir brauchen. Die Zeit nutzen wir, um ein paar Pulverfäßchen in die Jolle zu verstauen. Der gute Don Julio wird zwischen Dämmer und Nacht keinen Unterschied bemerken. Wir müssen nur noch die Jolle auf die andere Seite bringen.“
„Ohne, daß die drüben es merken“, sagte von Hutten. „Das übernimmst am besten du selbst in deiner schönen Uniform.“
Ribault ähnelte dem Teniente auf ein paar Yards ziemlich verblüffend.
Er ging an Deck und ließ sich von drei anderen begleiten. Dann sah er zur „Casco de la Cruz“ hinüber und zeigte kurz klar.
Don Julio winkte höchstpersönlich zurück, als sie die Jolle auf die andere, nicht einsehbare Seite brachten.
Die Dons sahen auch nicht, daß ein paar Fäßchen Schießpulver in die Jolle geladen wurden. Wenn sie die Fässer später entdeckten, würden sie sie für eine erste Beute halten.
Die Sonne versank langsam im Westen. Der Himmel wurde merklich dunkler. An der westlichen Kimm stand eine lilafarbene Wolkenbank aus bizarren Mustern.
Von der Kriegsgaleone gellten Pfiffe. Ein Mann winkte nachdrücklich und pfiff erneut.
„Aber ja doch“, sagte Ribault. „Ihr fliegt noch früh genug in die Luft. Könnt es wohl gar nicht mehr erwarten, wie?“
„Wir sind bereit“, sagte von Hutten und warf einen letzten Blick über die leeren Decks der „Isabella“.
Sie enterten ab und begannen zu pullen. Bei dem jetzigen Licht unterschieden sie sich in nichts von den sieben Dons, die Don Julio de Vilches in Marsch gesetzt hatte.
Ribault musterte das Achterdeck der riesigen Galeone, die wie ein zusammengefallenes Gebirge zur Hälfte im Wasser lag. Kein Bewaffneter war zu sehen. Aber etliche Dons standen neugierig herum und sahen ihnen gespannt entgegen.
„Sie haben Wein mitgebracht!“ schrie einer vom Deck aus freudig.
„Längsseits am Backbord anlegen. Teniente!“ rief Don Julio. „Alles in Ordnung?“
„Alles in Ordnung, Don Julio“, versicherte Ribault.
Statt an Backbord anzulegen, pullten sie am Rumpf des Schiffes vorbei, bis sie das gewaltige Hennegat erreichten.
Gerade noch sah Jean Ribault den greisen Schädel des Don Julio verschwinden, der sich hinunter gebeugt hatte.
„Mittschiffs anlegen!“ schrie Don Julio. „Haben Sie meinen Befehl nicht verstanden? Mittschiffs habe ich gesagt. Ja, wo sind sie denn?“ hörten sie ihn gleich darauf fragen.
Das Hennegat war ebenfalls wegen seiner starken Krümmung von oben nicht einzusehen.
Karl von Hutten zündete die Lunten, die die Schießpulverfässer miteinander verbanden.
Ribault und Roger Lutz vertäuten die Jolle so fest, wie es nur ging. Schnell wurde noch einmal alles überprüft.
„Leise über Bord“, raunte der Franzose. „Hinüber zum Land. Auf der Sandbank können wir laufen. Inzwischen kehren auch die anderen wieder vom Land zurück. Die restliche Strecke schwimmen wir.“
„Uns bleiben vier Minuten“, sagte von Hutten. „Bis dahin müssen wir verschwunden sein.“
Sie glitten über Bord und schwammen von der Jolle weg, in deren Innern es leise zischte. Von oben hörten sie de Vilches quengeln und nörgeln.
Nach drei Minuten, in denen ungeduldig gerufen wurde, erreichten sie die Sandbank und begannen zum Land zu laufen.
Erstaunte Blicke folgten ihnen. Niemand begriff, was da vor sich ging.
Sie begriffen es erst ein wenig später.
Ein Blitz zuckte auf, so grellweiß und blendend, als sei schlagartig die Sonne aufgegangen. Eine fürchterliche Explosion riß mit einem gewaltigen Donnerschlag der Kriegsgaleone das halbe Heck weg.
Ribault sah noch, wie de Vilches in einer grotesk anmutenden Bewegung in die Höhe gewirbelt wurde und sich dabei mit einem langen Salto in der Luft überschlug, bevor er ins Wasser klatschte. Vermutlich hatte sich der Ärmste das ganze Knochengestell verstaucht.
Das Achterschiff fing Feuer, eine heiße Glutwelle raste heran, und die Druckwelle fegte sie fast zu Boden.
Auf der „Casco de la Cruz“ war der Teufel los. Das Schiff war nicht mehr zu retten. Brüllende Spanier verließen es in überstürzter Flucht und sprangen in Panik über Bord.
Noch während die Flammen loderten, waren Ribault und die sechs anderen Männer wieder an Bord ihres Schiffes. Sie hatten die riesige, uneinnehmbare Festung doch noch geknackt.
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