„Vielleicht ist das ein neuartiger Trick“, murmelte Pergoza hilflos.
De Vilches musterte ihn durchdringend und fast verächtlich von oben bis unten.
„Sie haben wohl überhaupt noch nichts begriffen“, sagte er von oben herab. „Gar nichts haben Sie kapiert.“
Er sah, wie die eigene Jolle jetzt Kurs auf das verlassene Schiff nahm und sich ihm näherte.
„Pfeifen Sie augenblicklich die Kerle zurück“, befahl er schrill. „Sie erhalten von mir erst detaillierte Anweisungen, ehe sie eingreifen dürfen. Los, pfeifen und winken Sie!“
Zwei grelle Pfiffe ertönten. Pergoza winkte aufgeregt. Er wußte wirklich nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte.
Als die Jolle mit den Seesoldaten abdrehte, griff er zum Spektiv und musterte die „Isabella“ genau und ausgiebig.
Er sah keinen Menschen mehr an Deck. Es war nicht zu fassen, aber die Kerle hatten ihr Schiff feige im Stich gelassen und waren an Land geflüchtet.
„Keiner mehr an Bord“, meldete er.
„Das sage ich doch, sie haben sich abgesetzt, weil sie Angst hatten. An Land versprechen sie sich noch eine Chance zum Überleben, aber die werden sie garantiert nicht mehr haben. Wir fangen sie alle ein, einen nach dem anderen. Sie werden heute abend ein grandioses Schauspiel erleben. Die Gefangenen werden natürlich zur Zwangsarbeit auf unserem Schiff verpflichtet und in Eisen gelegt, sobald wir wieder flott sind. Vorher aber werde ich ihnen die Seelen aus dem Leib peitschen lassen.“
Er blickte zu der Jolle, die sich näherte. Als sie an die Bordwand stieß, sah er hinunter und deutete mit dem dürren Zeigefinger auf den Teniente.
„Das Schiff durchsuchen“, sagte er hart. „Alles durchstöbern. Krempeln Sie die Räume um, Teniente, lassen Sie keine Ecke aus. Falls sich noch ein Bastard an Bord versteckt hat, ist er sofort in Gewahrsam zu nehmen. Unblutig, versteht sich, mit Toten kann ich nichts anfangen. Sobald die Galeone requiriert ist, gehen Sie wieder von Bord und an Land. Dort jagen Sie die Flüchtlinge. In dem Fall ist auch Waffengewalt anzuwenden, falls die Kerle sich nicht ergeben. Aber einige von ihnen brauche ich unbedingt lebend. Sie haften mir dafür. Haben Sie alles genau verstanden?“
„Si, Don Julio, alles verstanden.“
„Sehr gut. Dann pullen Sie jetzt hinüber und entern Sie mit gebotener Vorsicht auf. Vollzugsmeldung in spätestens einer Stunde, noch vor Anbruch der Dämmerung.“
Der Teniente salutierte. Die Jolle wurde zurückgepullt und legte etwas später an der „Isabella“ an.
Zum ersten Male seit langer Zeit lag ein stilles Leuchten auf dem Gesicht des geprüften Kommandanten.
Jetzt würde sich seiner Meinung nach endlich alles aufklären, und er sah im Geist auch schon die elf Schatzschiffe vor sich, die er nach Spanien bringen würde.
Ein paar Männer befanden sich tatsächlich an Land, damit Don Julio keinen Verdacht schöpfte.
Die anderen hatten den Geheimgang aufgesucht und sich versteckt, wo sie jetzt abwarten, was weiter geschah.
„Einen größeren Gefallen hätten die Dons uns gar nicht tun können, als sie das Feuer eröffneten“, sagte Ribault erheitert.
„Mann, was habe ich Angst gekriegt“, meinte der Profos. „Hundert Yards haben die Kerle vorbeigeballert. Ob der Alte das wirklich gefressen hat?“
„Es sah jedenfalls sehr überzeugend aus“, versicherte von Hutten. „Außerdem braucht er jetzt ganz dringend ein Erfolgserlebnis nach allem, was er hinter sich hat. In einem derartigen Zustand wird man leichtsinnig und sieht alles mit anderen Augen. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß sie auch wirklich alle an Bord aufentern.“
Roger Lutz hockte achtern in Hasards ehemaliger Kammer und peilte durch das Bleiglasfenster die Lage. Was er sah, gab er an Grand Couteau weiter, der in dem geöffneten Geheimgang hockte und Verbindung zu den anderen Männern hielt, die er seinerseits über die augenblickliche Lage informierte.
Vorn am Mannschaftslogis saßen ebenfalls zwei Späher, die Kontakt zu den anderen im Geheimgang hielten, der sich über dem Kielschwein durch die gesamte Galeone zog. Von See her konnte man sie unmöglich sehen.
„Sie legen gleich an“, raunte Roger Lutz zu Grand Couteau. „Ich werde bis zum letzten Augenblick beobachten. Dann müssen wir nach unten verschwinden, denn meist nehmen sie sich die Kammer des Kapitäns zuerst vor.“
Tief unten im Schiff waren sie blind wie Maulwürfe und auf die Zeichen und das Flüstern angewiesen. Hier unten hörte sich auch alles anders als an Deck an. Die Geräusche verzerrten sich.
„Insgesamt sieben Dons“, flüsterte Roger Lutz. „Alle mit Musketen und Pistolen bewaffnet – wie vorhin schon. Es sind dieselben Kerle.“
Die Jolle legte ziemlich hart an. Roger Lutz verließ seinen Posten und spähte durch das angelehnte Schott nach draußen. Durch die Bleiglasfenster konnte er aus seinem Blickwinkel nichts mehr sehen.
Ein dumpfes Wummern war zu hören.
Als erster enterte ein Teniente auf, der auf der Kuhl stehenblieb und vorsichtig und mißtrauisch die Lage sondierte. Er hielt eine Muskete schußbereit in den Fäusten, hatte sich etwas vorgebeugt und lauschte auf irgendwelche Geräusche.
Auf dem Schiff rührte sich nichts.
Roger Lutz stand im Halbdunkel der Kammer und konnte nicht gesehen werden. Das Sonnenlicht fiel schräg auf die Decks und blendete den Spanier auf der Kuhl.
„Meldet euch, ihr Bastarde!“ sagte der Spanier in die Totenstille hinein. „Wir zünden jetzt das Schiff an. Wer freiwillig an Deck erscheint, dem passiert nichts.“
Solche miesen Tricks kamen bei den Mannen von Jean Ribault und den Arwenacks allerdings nicht an. Sie konnten sich nicht mal zu einem müden Lächeln durchringen.
Der Teniente stieß ein Schott auf und sah hinein. Es war die Kombüse. Sie war leer und verlassen, als er den Lauf der Muskete hineinhielt.
Er stieß auch noch ein weiteres Schott auf und wiederholte seine Drohung etwas lauter.
Alles blieb totenstill. Nur weit entfernt an Land entdeckte er einen Kerl, und das gab ihm die Sicherheit zurück. Sie waren alle einfach abgehauen, diese Feiglinge!
Er trat ans Schanzkleid und rief hinunter: „Alle aufentern!“
Getrappel war zu hören. Einer nach dem anderen enterte auf, trat auf die Kuhl und sah sich unbehaglich um. Die Musketen hielten sie dabei schußbereit in den Fäusten. Zwei Dons waren lediglich mit doppelläufigen Pistolen bewaffnet.
„Alle sieben Mann an Bord“, meldete Roger Lutz.
Er trat vom Schott zurück, ließ es angelehnt und begab sich in den Geheimgang. Hinter der Wandvertäfelung schloß sich eine Klappe, unsichtbar für einen Fremden, der den Mechanismus nicht kannte.
Getrappel jetzt an Deck, Befehle und Kommandos.
„Zwei Mann mit nach achtern. Zuerst die Kapitänskammer durchsuchen!“ rief der Teniente. Er hatte jetzt offenbar Mut gefaßt.
Harte Tritte wandten sich nach vorn, ein paar andere gingen nach achtern. Der Teniente führte sie großspurig an.
Mit dem Kolben stieß er das Schott auf und blickte in den Raum. Auch er war verlassen.
Er räusperte sich. In seinem Gesicht zuckte es, als er die Schapps, das Pult und die Kojenkiste sah.
„Alles in Ordnung“, schnarrte er die beiden Kerle an. „Ihr könnt nach vorn gehen, ich sehe mich inzwischen hier mal um.“
Er hatte vor, ein bißchen zu plündern, und als die Soldaten verschwunden waren öffnete er ein Schapp, fand eine Buddel Rum, nahm sie heraus und öffnete sie, wobei er sich nach allen Seiten umsah. Dann gluckerte er schnell einen weg.
Dann stöberte er etwas herum, grinste und nahm wieder einen Schluck.
Das Grinsen verging im allerdings, als wie aus dem Nichts unvermittelt ein riesiger, narbiger Kerl mit einem Rammkinn auftauchte. Der Kerl schien aus den Planken gewachsen zu sein.
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