Hier waren die Verwüstungen am schlimmsten. Es sah aus wie nach einem schweren Gefecht. Mitunter lagen die Trümmer so hoch herum, daß er sie nicht übersteigen konnte.
Pergoza, dem alle Hochnäsigkeit aus dem Gesicht gewischt war, folgte ihm zögernd wie ein Hund, der von seinem Herrn eine Bestrafung erwartet.
Er schniefte hörbar und wischte sich das Blut von der Stirn. Dabei verschmierte er sein Gesicht entsetzlich.
„Es ist alles so schrecklich“, stammelte er. „Wie konnte das nur passieren?“
„Unfähigkeit!“ schrie der Kommandant. „Ich bin von Idioten umgeben, die nicht in der Lage sind, ein Schiff zu führen. Scheren Sie sich zum Teufel, Señor. Die Angelegenheit wird für Sie ein mehr als übles Nachspiel haben.“
Der Erste wurde jetzt aufsässig, weil er sich ungerecht behandelt fühlte. In seinen Augen funkelte Zorn.
„Sie können nicht einfach alle Schuld den anderen zuweisen, bei allem Respekt nicht, Don Julio. Sie haben befohlen, der Galeone im Kielwasser zu folgen, und das haben wir getan. Niemand hat damit gerechnet, plötzlich auf eine Untiefe zu geraten. Die Ausgucks waren alle doppelt besetzt, und die Lotgasten haben nicht geschlafen. Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld den anderen überlassen.“
Don Julio fuhr herum und musterte Pergoza, als sähe er ihn zum ersten Male. In seinen Blicken loderte heller Zorn. Er riß den Mund auf und wollte losbrüllen, doch dann sanken seine Schultern kraftlos nach vorn, und das Feuer in seinen Augen erlosch.
„Sie haben recht“, sagte er mit müder Stimme. „Sie haben recht, Pergoza, tut mir leid. Natürlich will ich die Schuld nicht auf andere abwälzen, aber Sie müssen auch mich verstehen. In den letzten Tagen und Wochen habe ich eine Pleite nach der anderen erlebt. Es gelingt mir nicht, das so einfach wegzustecken. Es war zuviel auf einmal.“
Die Erregung der beiden Männer klang langsam ab. Ernüchterung überfiel sie. Es war alles so deprimierend.
Der Dritte Offizier näherte sich zögernd. Er erwartete einen tobsüchtigen Kommandanten, doch jetzt bemerkte er einen alten, gebrochen wirkenden Mann vor sich, der unsäglich müde und traurig aussah.
Don Julio schaute ihn fast unbeteiligt an. Dann wanderte sein Blick weiter und verlor sich in Richtung offenes Meer.
„Diese Bastarde“, sagte er leise, „diese gottverdammten und dreimal verfluchten Bastarde. Die haben uns auf die Untiefe gelockt. Und wir können es ihnen nicht einmal heimzahlen.“
„Sie sind mit ihrer leeren Galeone zwischen den Untiefen gerade noch so durchgesegelt, wenn ich das bemerken darf“, erklärte der Dritte. „Es sieht ganz danach aus, als hätten sie uns bewußt in die Irre gelockt.“
„Das sagte ich bereits eben“, erwiderte Don Julio. „Quatschen Sie mir nicht immer das nach, was ich gerade betonte. Die Erkenntnis ist nicht mehr neu, Señor Quieras.“
„Ja, ich weiß, entschuldigen Sie bitte. Ich muß erst mit der neuen Situation fertig werden.“
„Dann fangen Sie am besten gleich damit an.“
Don Julio drehte sich wieder zur Seite und blickte der Galeone nach, der sie ihr Desaster zu verdanken hatten.
Er glaubte, ein fernes Gelächter zu hören, ein Gelächter voller Schadenfreude. Die Kerle standen ausnahmslos an Deck und blickten neugierig herüber.
Voller Wut registrierte er, daß ein paar der Schwarzen wild hüpfend über die Decks sprangen und die Arme hochrissen.
Augenblicklich übermannte ihn wieder ein heilloser Zorn, und er schlug voller Wut auf den Handlauf des Schanzkleides.
Auf dem Schiff wurde es jetzt lebendig. Die meisten hatten den schweren Schock verdaut und sahen, was passiert war. Anfangs wollte es gar nicht in ihre Köpfe.
Jetzt versammelten sie sich auf dem Deck. Don Julio ließ sofort alle höheren Chargen zusammentreten.
„Wir beginnen sofort mit den Aufräumungsarbeiten“, ließ er über seinen Ersten Offizier verbreiten. „Wenn die Decks aufgeklart sind, wird mit allen Mitteln versucht, das Schiff vom Grund zu bringen. Dazu wird erforderlich sein, die Galeone zu leichtern. Wir beginnen nach den Aufräumungsarbeiten mit den schweren Kanonen. Sie werden nach achtern gebracht. Lassen Sie die Küste beobachten, Señor Quieras. Ich möchte wissen, ob wir bei Ebbe oder Flut aufgelaufen sind. In einer halben Stunde will ich Ihre Meldung, weil sie von allergrößter Wichtigkeit ist.“
Der Dritte salutierte und verschwand augenblicklich, er war heilfroh, etwas tun zu können und nicht in Don Julios unmittelbarer Umgebung zu stehen.
So ließ er von zwei Männern beobachten, ob der Wasserspiegel sank oder noch anstieg.
Die anderen begannen inzwischen damit, die Spieren, Hölzer, Segeltuchfetzen und Rahen zu bergen. Der Schiffszimmermann schlug vor, aus dem abgebrochenen Fockmast einen neuen, leider etwas kürzeren zu erstellen, der als Notbehelf vorerst ausreichen würde.
„Wie lange wird das dauern?“ wollte der Kommandant wissen.
„Etwa zwei Tage, es ist eine Menge Arbeit.“
„Schaffen Sie sie in einem Tag und einer Nacht. Bis dahin steht der Mast wieder. Nehmen Sie sich so viele Leute, wie Sie brauchen.“
Auf der Galeone wimmelte es jetzt wie in einem Ameisenhaufen.
Noch bevor die halbe Stunde vergangen war, kehrte der Dritte Offizier zerknirscht aufs Achterdeck zurück, wo Don Julio stand und aus schmalen Augen zu der Gegnergaleone blickte. Seine rechte Hand trommelte dabei ungeduldig auf dem Handlauf der Balustrade.
„Nun?“ fragte der Kommandant ungeduldig.
„Wir sind offenbar beim höchsten Punkt der Flut aufgelaufen“, teilte er zerknirscht mit. „Das Wasser läuft ab, wie ich eindeutig festgestellt habe.“
„Auch das noch. Ein Unglück kommt selten allein“, schnaubte Don Julio ärgerlich. „Wie hoch ist der Tidenhub an dieser Ecke?“
„Das haben wir noch nicht herausgefunden in der kurzen Zeit. Er scheint jedoch beträchtlich zu sein.“
„Natürlich, alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Wir sind auf dieser Reise vom Pech verfolgt.“
Der trommelbäuchige Dicke bestätigte das eifrig. Don Julio hatte ja nur allzu recht!
Er verschwand eiligst, um weiterhin das Wasser zu beobachten, obwohl das kaum noch Sinn hatte.
Unter der riesigen Blinde, die jetzt ebenfalls größtenteils nur noch aus Trümmern bestand, konnte Don Julio etwas später die Sandbank erkennen, die ihnen zum Schicksal geworden war. Sie war breit und ausladend und zog sich bis zum Ufer hin.
Sie saßen in einer schmalen Rinne fest und würden sich wahrscheinlich noch tiefer in den Untergrund bohren, wenn die Ebbe ihren niedrigsten Stand erreicht hatte.
Feine Aussichten waren das.
Don Julio ließ die Arbeiten unterbrechen, um zu retten, was noch zu retten war. Zuerst mußte umgestaut und geleichtert werden, oder sie mußten auf den nächsten Höhepunkt der Flut warten. Jetzt aber waren erst mal die schweren Geschütze an der Reihe, die von vorn nach achtern gebracht werden mußten.
Eine Schinderei ohnegleichen begann für die schwitzenden und verzweifelten Spanier.
Für die Schwarzen auf der „Isabella“ war das Aufbrummen des gigantischen Brocken ein solcher Spaß, wie sie noch keinen erlebt hatten.
Sie benahmen sich wie Kinder, als der Bug der „Casco“ sich hob, sie auf Grund geriet und den Fockmast verlor.
Krachen, Gebrüll und anhaltendes Dröhnen waren zu hören, dazwischen das gellende Geschrei entsetzter und genervter Männer.
Dogon, der schwarze Anführer, krümmte sich auf dem Deck zusammen und hieb wieder mit aller Kraft auf seine schwarzen Schenkel. Sein Lachen riß die anderen automatisch mit, und so wurde an Deck der „Isabella“ eine Lachsalve nach der anderen zum Himmel geschickt.
„Denen haben wir es aber besorgt“, sagte Jean Ribault, der sich das Grinsen ebenfalls nicht verkneifen konnte. „Was gäbe ich darum, wenn Hasard das Schauspiel jetzt sehen könnte!“
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