Er stemmte sich mit der Hüfte so an das Schanzkleid, daß er das nördliche Land und einen Teil des Meeres dicht unter der Küste gut überblicken konnte.
„Wie sieht der Küstenverlauf hier unter Wasser aus?“ fragte er den Schwarzen, der unmerklich zu grinsen begann.
„Oh, das ist ganz einfach“, erwiderte Dogon, der Karl von Hutten laufend zeigte, wie er den Kurs anzulegen hatte, um nicht über die Untiefen zu schrammen. „Hier verläuft ein langer Rücken von Sandbänken, der sich tief vom Süden nach Norden hochzieht. Man kann auf der äußeren oder inneren Seite gut entlangsegeln, aber in kurzer Zeit müssen wir entscheiden, auf welcher Seite wir segeln, sonst gelangen wir nicht mehr hinaus, wenn wir innen bleiben. Es gibt dazwischen nur noch ein paar schmale Durchfahrten.“
„Kennst du die Durchfahrten?“
Der Schwarze reckte die Brust raus und lachte dröhnend.
„Dogon kennt alle Durchfahrten. Ich habe hier gefischt. Ich finde sie sogar bei Dunkelheit.“
„Und wo segeln wir augenblicklich?“
„Innen natürlich, aber nicht mehr lange.“
„Aber wir gelangen jederzeit wieder hinaus?“
„Allein nicht“, meinte der Schwarze grinsend. „Dann geht es immer weiter unter Land, und die Rinne wird enger. Und dann – bummrummsrumms – ist Schluß.“
Er zeigte mit der Hand an, daß sich das Schiff überschlagen würde, und wollte sich kranklachen. Für ihn und die anderen Schwarzen war das offenbar ein ganz toller Spaß.
„So schlimm wird es wohl nicht“, meinte Jean und stimmte in das belustigende Gelächter ein. „Aber wenn sich ein Kasten von dieser Größe auf eine Sandbank schiebt, dann sitzt er erbarmungslos fest, denn das gewaltige Gewicht und die Fahrt schieben ihn immer höher hinauf.“
„Was dann?“ fragte Dogon neugierig.
„Dann sitzt er fest und kann uns nicht mehr folgen. Die Spanier haben tagelang zu tun, ihr Schiff wieder flott zu kriegen. Womöglich passiert aber noch mehr, ich habe da so eine Idee.“
„Bis jetzt folgt er uns noch fast im Kielwasser“, sagte von Hutten. „Und er hat auch alle Rohre wieder ausgerannt. Ich glaube, er wird seinen Kurs auch nicht mehr ändern.“
„Dann beginnen wir damit, ihn ein bißchen zu nerven“, meinte Jean. „Wir markieren den Flügellahmen. Soll er annehmen, wir hätten etwas ins Ruderblatt gekriegt, sozusagen als Spätfolge seines Beschusses. Wir werden ein bißchen im Zickzackkurs segeln, als hätten wir Schwierigkeiten.“
Er ließ sich von Dogon noch einmal ganz genau die Untiefen erklären.
„Wenn etwas schiefgeht dabei“, kündigte er dem Schwarzen an, „dann holt nicht nur uns der Teufel. Er holt euch dann auch, wenn du dich geirrt hast und wir plötzlich festsitzen.“
Dogon hieb sich vor Lachen auf die Schenkel. So fröhlich wie heute hatten sie ihn noch nie gesehen.
„Nichts geht schief, Masterkapitän, nichts. Dogon kennt ganz genau alle Sandbänke.“
„Gut, dann lassen wir uns noch etwas Zeit, bis sich unser Vorsprung weiter vergrößert hat, damit es wirklich keine Pleite gibt. Aber mit dem Zickzackkurs können wir ganz allmählich beginnen. Die Kerle werden uns sowieso pausenlos durch den Kieker beobachten.“
Der erste wohlberechnete Schlenker zur Küste hin erfolgte ein paar Augenblicke später. Die „Isabella“ brach aus, gierte nach Osten und wurde wieder auf Kurs gebracht. Das Schauspiel wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen.
Der Viermaster folgte unter vollem Preß. Auch die Dons hatten jeden Fetzen Tuch gesetzt, um den Gegner nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings lag sie jetzt schon fast um eine Meile zurück.
Jean Ribault löste von Hutten am Ruder ab und beobachtete das Wasser. Von den Sandbänken war absolut nichts zu sehen. Das Wasser schien auf der inneren Rinne ziemlich tief zu sein. Die „Isabella“ hatte auch nicht viel Tiefgang, die schwerarmierte Galeone lag aber gut und gern ihre acht Yards tief im Wasser.
Später, als sich der Abstand noch mehr vergrößert hatte, ließ Jean Ribault Vorbram- und Vormarssegel wegnehmen. Auch das Großbramsegel mußte schließlich dran glauben. Der Besan stand voll und bei, um bei den Dons den Eindruck zu erwecken, sie steuern die Galeone mit zusätzlicher Hilfe des Besans.
Die „Casco“ hatte inzwischen auch wieder den Besan angeschlagen. Sie hatten in aller Eile geflickt und repariert.
Der Vorsprung verkleinerte sich, und prompt ließ Jean wieder auftuchen, als ginge er dabei ein Risiko ein. Erneut gierten sie auf die Untiefe an Backbord zu.
Der Durchschlupf befand sich nach Dogons Worten etwas weiter nördlich. Es war der letzte. Wenn die Kriegsgaleone ihn verpaßte, dann rannte sie sich hoffnungslos fest.
„Es muß wieder nach einem Schlenker zur offenen See hin aussehen“, sagte der Schwarze, der jetzt ganz angespannt war. „Wir rutschen dicht über die Sandbank und sind draußen. Ich werde scharf aufpassen.“
„Tu das, in eurem eigenen Interesse“, riet Jean.
„Jetzt zum Meer abbiegen“, sagte Dogon etwas später. „Wir müssen auf der Außenseite ganz scharf über den Grund segeln, sonst merken die Spanier was.“
Der Schlenker sah wiederum so aus, als hätte die „Isabella“ große Schwierigkeiten. Sie fiel nach Backbord hin ab, und da hielten sie unwillkürlich den Atem an.
Nur der Profos stieß pfeifend die Luft aus.
„Da saust doch was“, sagte er unbehaglich.
Die Blasen im Kielwasser schienen kleiner zu werden. Der Bart, den die Galeone vor sich herschob, wurde für Augenblicke noch gewaltiger.
Sie hörten es leise knirschen, als streiche jemand mit feinem Schmirgel über den Kiel.
„Mann, o Mann“, sagte der Profos. „Das ist wie bei einem wunden Affenarsch, auf den man Salz streut.“ Dabei griff er sich unwillkürlich an den Achtersteven, als sei der bereits am Qualmen.
„Wieder dort hinüber“, sagte Dogon heiser, „aber ganz schnell. Wir sind gleich durch.“
Es war eine Nervenprobe, als erneut ein Knirschen hörbar wurde und sie dicht über Grund schrammten. Eine Wolke von Sand wurde aufgewirbelt, von der Ribault hoffte, der Spanier würde sie nicht bemerken. Aber das war bei dem gleißenden Wasser nicht anzunehmen.
Einmal riskierte er einen Blick durch den Kieker und sah, daß die Lotgasten auf dem Kriegsschiff emsig beschäftigt waren. Früher oder später mußten sie die Untiefe loten. Diese Bedenken teilte er auch dem Schwarzen mit.
Aber der lachte schon wieder und hieb sich auf die glänzenden Oberschenkel.
„Zu spät“, sagte er grinsend, „viel zu spät. Aber du solltest jetzt zum Meer hin abdrehen, Masterkapitän, sonst ist es für uns auch bald zu spät.“
Ribault schluckte und legte eilig Ruder.
Sie waren draußen und hatten es geschafft. Don Julio jedenfalls stand noch ein schmerzlicher Tag bevor.
Der Kommandant war längst wieder an Deck erschienen und beobachtete mit einem immer hämischer werdenden Grinsen die Galeone. Er vermutete genau das, was Jean Ribault ihm unterstellt hatte, als er die Segelmanöver bemerkte.
„Sie haben Schwierigkeiten“, sagte er zu Pergoza. „Offenbar ist sein Ruder angeschlagen, sonst würde er nicht mit dem Besan steuern. Ein kleiner Treffer von den Fünf-Pfündern vielleicht. Na, jetzt schnappen wir sie wahrscheinlich doch noch.“
„Ja, sie scheinen große Schwierigkeiten zu haben“, bestätigte der Erste. „Daher segeln sie auch so dicht unter Land, um sich jederzeit absetzen zu können, falls das Ruder ausfällt.“
Er, der sich sonst so etwas nie erlaubte, rieb sich kichernd die Hände. Er vergaß allerdings nicht, sich laufend von den Lotgasten die Tiefe melden zu lassen und hörte sehr aufmerksam zu.
Das Wasser war tief genug. Es bestand nicht der geringste Anlaß zur Sorge, und so segelten sie unter vollem Preß hinterher und freuten sich über jeden Schlenker der Galeone, die mitunter flügellahm und leicht angeschlagen durch die See trieb. Einmal nach Backbord, dann wieder nach Steuerbord.
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