Als sich der Abstand unmerklich verringerte, setzten die Kerle in ihrer Angst wieder alle Segel und torkelten nur noch schlimmer durch die See.
In Don Julio kehrte so etwas zurück, was er als gute Laune bezeichnete. Sein Blick wurde wieder gallig und bösartig, und die Lippen verzogen sich zu einem boshaften Grinsen. Er rieb mit der Linken aufgeregt seine rechte Hand und trat weiter aufs Achterdeck vor, damit er die Galeone gut im Blickfeld hatte.
„Nicht mehr lange, dann ist der Tag für sie zu Ende“, sagte er optimistisch. „Immer auf Kurs bleiben, genau im Kielwasser.“
Mit dem Spektiv nahm er wieder seine Beobachtungen auf. Er sah die Männer an Deck einigermaßen deutlich. Sie schienen aufgeregt zu sein, doch das war schließlich kein Wunder. Sie waren angeknackst und nicht mehr voll manövrierfähig mit ihrem Schiffchen, und natürlich saß ihnen auch gewaltige Angst im Nacken, doch noch von den Kanonen zusammengeschossen zu werden.
Wieder registrierte er mit einem bösen Grinsen, daß die Galeone nach Backbord ausschor und alle Mühe hatte, auf ihren Kurs zurückzukehren.
Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie etwas versetzt auf ähnlichem Kurs weitersegelte.
Seltsamerweise schienen damit die Schwierigkeiten vorerst überwunden zu sein, denn jetzt gierte sie nicht mehr so hin und her. Aber sie nahmen wieder ein paar Segel weg, also war der Druck auf das beschädigte Ruderblatt wohl doch etwas zu stark.
Don Julio de Vilches hatte nicht die geringste Ahnung, daß er quasi in einen unsichtbaren Schlauch segelte, der sich bedrohlich verjüngte und aus dem es für ihn keinen Ausweg mehr gab.
Sie lagen noch fast im Kielwasser der „Isabella“.
Pergoza lauschte indessen aufmerksam den Lotgasten. Die Tiefe betrug immerhin fast achtzehn Faden. Also bestand nicht der geringste Anlaß zur Sorge.
Genau das war der Schlauch, in den sie jetzt segelten. An seinem Ende lief eine langgestreckte Sandbank in einer Krümmung zur Küste hin. Da war der Schlauch zu Ende, und vor ihnen endete er in einer Untiefe von knapp fünf Yards, tiefer war die Lücke nicht. In diese Lücke hinein wies auch das Kielwasser der Galeone. Es war nur noch ein schmaler, kaum sichtbarer Schaumstreifen.
Die „Casco de la Cruz“ lief unter vollem Preß auf die Sandbank, die unvermittelt auftauchte. Ein paar winzige Wirbel zeigten wohl noch etwas an, aber die sahen selbst die Ausgucks nicht, weil das Sonnenlicht auf dem Wasser sie blendete. Es wäre auch viel zu spät gewesen.
Die ungeheure Masse des Schiffes wälzte sich auf die Sandbank und blieb abrupt stehen. Sie lag so plötzlich fest, als hätte sie eine Riesenfaust in voller Fahrt gestoppt.
Die Kerle, die in den Webeleinen der Wanten hingen, verloren übergangslos den Halt, weil niemand mit einem Aufprall gerechnet hatte. Sie flogen mit einem erstaunten Aufschrei wie große Spinnen aus einem Netz und gingen brüllend über Bord.
Das war aber nicht alles, was über Stag ging.
Der baumlange, schlappe und dürre Don Julio de Vilches, der keinen festen Halt auf den Planken hatte und sich neugierig vorbeugte, um die Galeone besser sehen zu können, fühlte sich ebenso plötzlich von einer unwiderstehlichen Gewalt nach vorn getrieben.
Er ruderte mit den Armen und sah das Quarterdeck auf sich zurasen, aber davor war noch die große Balustrade mit den kunstvoll gedrechselten Streben und Hölzern.
Er krachte der Länge nach auf die Planken, rutschte darüber hinweg und landete vierkant vor der mittleren Schmuckbalustrade. Sehr schmerzhaft prallte er mit dem Kreuz dagegen. Seine Nase war gleichfalls lädiert und fing an zu bluten, denn auf ihr war er zuerst entlanggeschrammt.
Pergoza wurde ebenfalls jäh von den Beinen gerissen und leistete seinem Kapitän unfreiwillig Gesellschaft.
Sie lagen noch auf den Planken, während ein nervtötendes Krachen und Bersten den gesamten Rumpf der Galeone erbeben ließ.
Der Fockmast hielt dem mörderischen Anprall nicht stand. Er schwang zweimal hin und her und brach dann wie ein morscher Besenstiel ab. Dabei nahm er das stehende und laufende Gut mit und schlug auf dem vorderen Deck alles kurz und klein.
Viele der großen Geschütze waren dem stürmischen Anprall ebenfalls nicht gewachsen. Zwei Vierzig-Pfünder-Stücke rissen sich los, polterten durch das Batteriedeck und zertrümmerten durch ihr enormes Gewicht etliche Schotten.
Das Rumoren nahm kein Ende. Die „Casco“ schien sich noch einmal gewaltig aufzubäumen. Ihr Rumpf knirschte und krachte entsetzlich laut, und durch die starke Belastung barsten ein paar Planken.
In den Quartieren geriet alles in Unordnung. Was nicht niet- und nagelfest war, verselbständigte sich.
Die Hölle war los an Bord. Niemand wußte so recht, was eigentlich geschehen war. Das Aufbrummen hatte sie alle überrascht.
Don Julio erhob, sich schniefend und mit blutiger Nase. Er begriff die Welt nicht mehr und sah sich fassungslos um.
Sein Schiff glich einem erbärmlichen Trümmerhaufen. Viele Segel waren aus dem Liek gefetzt worden und baumelten wie Leichentücher an den Spieren. Vorn sah es ganz besonders schlimm aus. Der Fockmast ragte nur noch als splittriger Stumpf aus dem Deck. Die Segel, Spieren, Rahen und das Gut waren bis über die Kuhl verstreut.
Er hörte das entsetzte Wimmern von Männern, die sich verzweifelt abmühten, unter den Trümmern hervorzukriechen. Manche irrten unter riesigen Segelfetzen wie Maulwürfe herum und fanden nicht mehr heraus.
Pergoza berappelte sich und stand benommen auf. Über dem linken Auge hatte er eine Platzwunde. Er sah Don Julio kläglich an.
Dem Alten tat das Genick erbärmlich weh, und sekundenlang verschlug es ihm die Sprache. Er fühlte eine heiße Welle des Zorns und der Ohnmacht in sich aufsteigen und lief knallrot an.
„Madre Maria!“ schrie er gequält in den blauen Himmel. „Laß es nicht wahr sein, bitte!“
Er sank langsam auf die Knie und faltete die Hände. Seine Augen schimmerten feucht, bis ihn der Zorn hochriß. Da brüllte er seine hilflose Wut hinaus.
„Was sind das hier für Arschlöcher von Offizieren!“ keifte er anklagend. „Ihr habt mir mein schönes Schiff ruiniert, ihr erbärmlichen Versager. Zur Hölle mit euch! Ich lasse euch alle vor ein Kriegsgericht stellen. Aufhängen wird man euch Bastarde.“
Pergoza taumelte quer über das Achterdeck. Er hatte die Orientierung verloren, fand sie aber sehr schnell wieder, als er Don Julios greinende Stimme hörte.
„Furchtbar“, stammelte er. „Furchtbar, der Satan hat sich an Bord eingeschlichen, ich habe es gewußt.“
„Der Satan? Ja, es muß wohl der Satan gewesen sein.“
Don Julio tappte davon, schreiend und immer wieder auf brüllend, als er die Verwüstungen sah.
Jetzt war alles ruiniert, der Konvoi war verschwunden, und die große Kriegsgaleone war so gut wie beim Teufel. Wie ein Gebirge lag sie auf einer Sandbank. Don Julio wußte noch nicht, daß sie ausgerechnet bei Flut aufgelaufen waren, was alles noch verschlimmerte.
Unter dem herabgefallenen Segeltuch befanden sich immer noch Männer, die über die Planken krochen und nicht herausfanden. Dort robbten Körper entlang und suchten einen Ausweg.
Sein Zorn war unendlich und riesengroß. Einer der kriechenden Beulen unter dem Tuch gab er voller Wut einen Tritt. Die Beule zuckte zusammen und bewegte sich vor Schreck nicht mehr weiter.
Er gab alles und jedem einen Tritt, was seinen Kurs kreuzte. Unter seinen Schuhen flogen Trümmerstücke davon, und dann ließ er sich dazu herab, einen verstörten Kerl zu ohrfeigen, der sich mit offenem Mund ungläubig nach allen Seiten umsah. Der Mann war so verblüfft, daß er keinen Ton hervorbrachte und seinen Kapitän völlig entgeistert anglotzte. Und weil er so dämlich stierte, gab Don Julio ihm noch eine Ohrfeige, ehe er zum Vorschiff ging.
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