„Ja, das stimmt. Wie alt ist er denn?“
„So alt, daß es wohl langsam an der Zeit wäre, einen neuen Kommandanten einzusetzen. Er hat seinen Ruhestand wohl verdient. Aber nun posaunen Sie das mal nicht gleich aus, mein Lieber, auch wenn seine Handlungsweise mitunter recht merkwürdig ist. Sehen Sie lieber mal nach dem Zweiten Offizier, vielleicht geht es ihm schon etwas besser.“
Der Zweite Offizier hatte seit einigen Tagen hohes Fieber und ließ sich daher nicht mehr an Deck blicken.
Pergoza war sicher, daß der Dritte dem Zweiten alles haarklein berichten würde. Der würde es weitergeben, und so würde schließlich aus dem kleinen Feuer ein Buschbrand werden, der rasend schnell um sich griff. Außerdem hatte de Vilches noch die Sache mit den Portugiesen am Hals, ein Faktor, den man ihm ganz sicher nicht so ohne weiteres nachsehen würde, denn er war mit politischen Konsequenzen verbunden. Sie hatten auf Boa Vista ziemlich übel gehaust, weil das Temperament wieder einmal mit Don Julio durchgegangen war.
Schließlich und endlich hatte auch jeder Kerl vom gemeinen Decksvolk gesehen, wie Don Julio seinen Degen schwang, obwohl dazu nicht der geringste Grund bestanden hatte. Und von Entern konnte schon gar keine Rede sein.
Alles in allem war Pergoza mit dem Lauf der Dinge sehr zufrieden. Ihn störte nur der verschwundene Geleitzug, aber auch der würde schließlich am Alten hängenbleiben. Vielleicht fiel auf ihn selbst nur ein kühler, kleiner Schatten.
Jetzt hatte er für eine halbe Stunde das Kommando an Deck, und damit war unbewußt ebenfalls ein Tagtraum für ihn verbunden.
Er sah sich als Kommandanten der „Casco de la Cruz“. De Vilches war längst im Ruhestand, und so befehligte er jetzt die Kriegsgaleone.
Um seine Lippen stand ein hartes Lächeln.
Von der „Isabella“ aus sah das „Stimmungsbild“ ganz anders aus.
Kaum hatten sie sich freigesegelt und Fahrt aufgenommen, da hing ihnen der dicke Brocken unvermittelt im Genick.
An der Hektik und Aufregung erkannte Jean Ribault eindeutig, daß es jetzt gleich zur Sache gehen würde, denn alle Dons waren auf Gefechtsstationen.
Jeder Fetzen Tuch war gesetzt, aber die Lady hatte ihr eigentliches Tempo bei diesem Wind noch nicht drauf. Dazu würde sie noch etliche Minuten brauchen.
Die malerische Bucht verschwand achteraus. Karl von Hutten legte Ruder und jagte unter vollem Preß weiter.
Minuten schleppten sich wie Stunden dahin. Noch immer schien die Kriegsgaleone aufzuholen.
„Jetzt müßten sie feuern“, sagte Roger Lutz. „Ich würde es jedenfalls tun, wenn ich der Don wäre. Oder wollen die unsere Nerven bis zum Äußersten strapazieren?“
„Sie wollen ganz sichergehen“, erwiderte Tom Coogan und strich über seinen gepflegten Bart. „Wenn ich an die unteren Brocken denke, dann wird mir ganz heiß.“ Er zeigte mit der Hand zu dem unteren Batteriedeck der Galeone, wo riesige Rohre hervorlugten.
In dem Dunkel dahinter waren undeutlich Dons zu erkennen, die an den schweren Stücken hantierten.
Der Profos wollte auch noch seinen Senf dazugeben, doch als er den Mund öffnete, blitzte es drüben auf. Trotz des gleißenden Sonnenlichts war das grelle Feuer deutlich zu erkennen – und danach natürlich der dicke, fast schwarze Qualm, der aus den Stückpforten drang.
Das Rohr brüllte auf, spie einen langen Strahl aus und verschwand dann wie von Geisterhänden zurückgezogen im Leib des Schiffes.
Als der Profos noch blinzelte, zuckten drei weitere Blitze auf wie lange Feuerzungen aus der Tiefe der Hölle.
„Verdammt noch mal“, murmelte er, „die lassen aber gleich richtig die Kuh fliegen.“
Hinter dem Achterkastell der „Isabella“ schlug es ein. Das Klatschen der Kugel war überlaut zu hören.
Das Meer schien vor Zorn zu brüllen, als es aus seiner Ruhe gerissen wurde. Es erhob sich in der Form baumdicker Säulen und stieg gischtend und brausend zum Himmel. Aus dem Nichts entstand eine Wasserwand, die einen Teil der nachsegelnden Galeone unsichtbar werden ließ.
Weitere Säulen wuchsen mit ungeheurer Wucht hervor und standen wie hingezaubert auf dem Wasser.
„Jetzt müßte man den Arsch einziehen können“, wetterte Carberry, „aber das geht bei einem Schiff leider nicht.“ Er bereitete sich sehr sonderbare Sorgen, der Profos.
Seine Worte verstand ohnehin niemand. Das Tosen der See und die brüllenden Abschüsse überlagerten jedes andere Geräusch.
Hinter ihnen, etwa achtzig Yards entfernt, gab es einen kuriosen Wasserfall, der fast lieblich anzusehen war, brächte er nicht den Tod mit sich.
Anfangs in kleinen Punkten, dann in riesigen Säulen, brachen Wassermassen aus dem Meer. Wie Perlen an der Schnur sahen sie aus, wenn sie wieder in sich zusammenfielen.
Aus dem Riesenleib des Verfolgers zuckten die Blitze jetzt in rascher Folge. Dröhnen und wütende Hammerschläge schüttelten die Luft. Ein Vierfrontengewitter war ein Klacks dagegen. Der Donner grollte weit über die See und wurde meilenweit getragen.
Die Vierzig-Pfünder richteten keinen Schaden an, denn sie lagen ausnahmslos zu kurz. Aber jetzt wurde es bedrohlicher, als die Schiffsartillerie kleinere Stücke einsetzte, die weitertrugen.
Aus den Rohren knallte es jetzt. Da war auch kein Dröhnen und Grollen mehr, es war ein Belfern, das wie Eisen auf Eisen klang, obwohl die Dons nur Steinkugeln verwendeten.
Ein wüster, unglaublich greller Blitz ließ die Männer zusammenfahren. Der Eindruck entstand, als sei im mittleren Deck ein Faß Schießpulver hochgegangen.
Sie warten auf den berstenden Einschlag und hatten das Gefühl, als habe der Spanier die dreifache Pulvermenge genommen.
Eine schwarze Fahne wehte aus der offenen Stückpforte. Dahinter war für lange Augenblicke absolut nichts zu erkennen. Für eine Weile schwiegen auch die Geschütze.
Dann zerfaserte der Wind den Pulverdampf, und da war deutlich zu sehen, daß eins der Geschütze krepiert war. Neben der Stückpforte klafften gezackte Löcher im Rumpf. Alles war dunkel und schwarz verkohlt. Das Schreien verwundeter Männer war zu hören.
Die schwimmende Festung, deren brüllende Ungeheuer sekundenlang den wilden Atem angehalten hatten, begann erneut Feuer zu speien. Diesmal fast aus allen Rohren.
Die „Isabella“ wurde mit weiteren Kugeln eingedeckt, die diesmal höllisch dicht lagen. Ein paar Schauer überbrausten das achtere Deck bis fast zum Ruder.
Ribault, von Hutten und der Schwarze Dogon wurden durchnäßt. In ihren Ohren klang lautes Gebrüll auf, und sie zogen unwillkürlich das Genick ein, als etwas pfeifend an ihnen vorbeistrich.
„Sie holen nicht mehr auf!“ schrie der Franzose durch den Höllenlärm. „Wir haben fast die gleiche Geschwindigkeit, werden aber langsam schneller als sie. Hoffentlich haben wir Glück.“
„Daumen halten!“ brüllte von Hutten zurück.
Die Dons luden nach. Zum Glück konnten sie die andere Breitseite nicht einsetzen. Sie sahen nur die schmale Silhouette, die Ribault ihnen bot und hielten aus allen Rohren drauf, bis sich der Winkel veränderte. Noch härter nach Backbord konnten sie nicht ablaufen, ohne einen beträchtlichen Zeitverlust in Kauf zu nehmen.
Das war der Augenblick, als es auf der „Isabella“ einschlug. Ein Zehn-Pfünder orgelte heran und bohrte sich mit überlautem Krach ins Schanzkleid des Quarterdecks.
Holzsplitter regneten durch die Luft. Die Männer, die in unmittelbarer Nähe standen warfen sich instinktiv auf die Planken. Eine zweite Kugel heulte dicht an ihnen vorbei.
Carberry vergrub das Gesicht in den Händen, als um ihn herum die Fetzen flogen. Es hörte sich sehr übel an. Heiß fuhr es ihm knapp über den Kopf, und er fluchte laut.
Neben dem Rumpf stiegen weitere Säulen aus dem Wasser. Sie lagen so knapp, daß Jean Ribault befürchtete, es werde gleich noch einmal mit berstender Gewalt einschlagen.
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