Generell wird bei der Führung eines Krieges zwischen drei Ebenen mit andersgearteter Entscheidungsgewalt unterschieden. (
Abb. 1)
• Die strategische Ebene der Kriegsführung ist der Politik zuzuordnen. In einem militärischen Konflikt formuliert die politische Ebene die Zielsetzung und legt das grundsätzliche militärische Vorgehen fest. Unter der Ägide der strategischen Zielsetzung ermittelt und bestimmt die Politik die nationalen Ressourcen, welche zur Erfüllung dieser notwendig sind und im Bereich des Möglichen liegen.
• Die operative Ebene der Kriegsführung bezieht sich auf die Planung und Ausführung militärischer Operationen im Hinblick auf die strategische Zielsetzung. Aufgabe der operativen Führung ist es, politische Absichten und militärstrategische Vorgaben in Befehle an die taktische Führung zu vermitteln. Hierbei definiert die operative Führung mögliche Ziele, fasst diese in operative Konzepte, Operationspläne sowie Operationsbefehle und koordiniert die Gesamtheit der dazu erforderlichen taktischen und logistischen Maßnahmen.
• Die taktische Ebene der Kriegsführung umschließt alle Sphären des direkten militärischen Gefechtes. Aufgabe der taktischen Ebene ist es, die Zielsetzungen der operativen Stufe durch die Planung und Ausführung militärischer Schlachten und Auseinandersetzungen auf dem Gefechtsfeld umzusetzen.
Abb. 1: Ebenen der Kriegsführung.
Formen und Domänen der Kriegsführung
Da unter dem Begriff Kriegsführung im Allgemeinen die Anwendung oder gedrohte Anwendung militärischer Gewalt verstanden wird, muss eine Untersuchung zur Kriegsführung den Fokus auf Kampfhandlungen, die eigentliche Raison der Streitkräfte, legen. Zunächst muss hierfür eine Beschreibung der unterschiedlichen Bereiche, in welchen Krieg geführt, wird angestellt werden. Im Folgenden sollen hierbei die drei Domänen, zu Lande, zur See, und in der Luft, welche den Krieg im 20. und 21. Jahrhundert geprägt haben, beleuchtet werden. In Kapitel 6 wird hinterfragt, ob mit der Cyber-Domäne eine weitere Kriegsdomäne hinzugekommen ist. (
Kap. 6)
Denken wir an den Krieg, so denken wir zumeist als erstes an Konflikte, welche auf dem Land ausgetragen werden. Der Landkrieg umfasst die operativen und taktischen Kriegshandlungen, welche zur offensiven oder defensiven Kontrolle einer bestimmten Landmasse herangezogen werden. Heere sind die idealtypischen Akteure eines Bodenkrieges. Die Kriegsführung zu Lande wird durch vier wesentliche Merkmale gekennzeichnet, welche diesen von anderen geostrategischen Umgebungen unterscheidet. Dies sind:
1) die politische Bedeutung der Landdomäne,
2) die Vielfalt,
3) die Friktion
4) sowie die Undurchsichtigkeit der Landmasse. (Tuck 2016)
Der Krieg bietet die Möglichkeit, Territorien zu erobern und zu kontrollieren, welches oftmals zu ausschlaggebenden, politischen Konsequenzen führt. In diesem Sinne merkte der britische Strategietheoretiker Colin S. Gray an, dass der Kriegsführung zu Lande die Kraft innewohnt, eine politische Entscheidung herbei zu führen. (Gray 1999) Der Fähigkeit, eine Landmasse zu erobern und zu halten, kommt somit eine ausschlaggebende Rolle in militärischen Handlungen zu, da territoriale Kontrolle einen wesentlichen Teil der Funktionsfähigkeit und Legitimität von Regierungen bildet. Die kurzfristige Okkupation oder dauerhafte Annexion eines politischen Territoriums entscheidet deshalb oftmals über den Erfolg oder Misserfolg einer militärischen Operation. (Tuck 2016)
Neben der politischen Signifikanz bildet die topografische Vielfalt der Landmasse ein weiteres, herausstellendes Merkmal der Kriegsführung zu Lande. Dass der Bodenkrieg in unterschiedlichen topografischen Umgebungen geführt wird, unterscheidet diesen vom Seekrieg und Luftkrieg. Das Land ist eine komplexe Umgebung, welche Landstreitkräfte vor mehrere Probleme stellt.
»Im Dschungel wird die Bewegung und Versorgung schwerer Kräfte beeinträchtigt; Probleme mit der Sichtbarkeit und Navigation machen Koordination eine Herausforderung. In der Wüste stellen extreme Hitze und Sand die Zuverlässigkeit von Ausrüstung und die Ausdauer von Truppen vor Probleme. Mit der Ausnahme weniger Orientierungspunkte wird die Navigation in diesem Gebiet problematisch, wenn Globale Positions Systeme (GPS) nicht verfügbar sind. Schnee und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt können gleicherweise die Effektivität von militärischen Organisationen beeinträchtigen.« (Tuck 2016, S. 85)
Die Besonderheit der Friktion ist ein weiteres Merkmal des Landkrieges. Schon der simple Akt der Truppenbewegung sowie der Transport von Logistikmaterial stellen eine physikalische Herausforderung dar. Um dieser Friktion entgegen zu wirken, hat sich der Mensch verschiedener Hilfsmittel bedient (Straßenbau, Schienennetze usw.). Diese Mittel haben jedoch oft den Nebeneffekt, dass sie Bewegung einengen, Flexibilität reduzieren und Angriffspunkte für den Feind schaffen. (Tuck 2016)
Das vierte wesentliche Merkmal des Landkrieges ist die Undurchsichtigkeit der Landmasse, welche zu Sichtbehinderungen führt. Sichtbehinderung entstehen durch Anhöhen wie etwa Gebirgsmassiven, Vegetation und Gebäuden. Diese Anhöhen bedingen Möglichkeiten und Beschränkungen der Landkriegsführung gleichermaßen. Einerseits erschwert die Topografie die Kommunikation und Koordination von Truppenteilen sowie die Auffindung von militärischen Zielen. Andererseits bietet die Topografie Möglichkeiten der Tarnung und Deckung, welche zur militärischen Vorteilsgewinnung genutzt werden können. (Tuck 2016)
Bodentruppen, die in der Landdomäne operieren, sind durch ihre Komplexität, Vielseitigkeit, Beständigkeit und Entschiedenheit gekennzeichnet. (Tuck 2016) Ihre Komplexität ergibt sich daraus, dass Bodentruppen nicht nur aus Gefechtselementen, sondern auch aus gefechtsunterstützenden Gefechtsdienstleistungen und kommandierungsunterstützenden Elementen bestehen. (Tuck 2016) Als gefechtsunterstützende Elemente werden z. B. die Artillerie, Ingenieure und Luftverteidigungseinheiten verstanden. Diese unterstützen die Gefechtseinheiten durch Luftverteidigung, Aufklärung, Feuerunterstützung und Pioniertätigkeiten. Gefechtsdienstleistungen beinhaltet u. a. logistische Unterstützung, militärische Versorgung und medizinische Hilfe. Kommandierungsunterstützung bezieht sich vor allem auf Kommunikations- und Informationsunterstützung z. B. durch technisches Equipment und Spionage. Die Vielseitigkeit von Bodentruppen ergibt sich aus ihrer Anpassungsfähigkeit, weshalb diese weniger von der Technologie abhängig sind als die Marine oder die Luftwaffe. Darüber hinaus können Bodentruppe Aufgaben übernehmen, die das volle Spektrum der Kriegsführung abdecken und außerdem auch in friedensunterstützenden Operationen eingesetzt werden. (Tuck 2016) Aufgrund dieses breiten Aufgabenspektrums sind Bodentruppen vielseitiger einsetzbar. Die Beständigkeit der Bodentruppe bezieht sich auf ihre Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum in einem bestimmten Gelände aufhalten zu können. Bodentruppen können somit Territorien halten und kontrollieren, was die Luftwaffe und die Marine nicht können. General Norman Schwarzkopf, Oberbefehlshaber der Koalitionsstreitkräfte im Zweiten Golfkrieg (1990–1991), merkte im Hinblick hierauf an: »Es gibt in der ganzen Welt keinen Kommandeur, der behaupten würde, ein Objekt eingenommen zu haben, indem er darüber geflogen ist.« (Schwarzkopf zitiert nach Londsdale 2016, S. 88) Obwohl es für eine erfolgreiche Kriegsführung oft kein adäquates Ersatzmittel für Bodentruppen gibt, um die Landmasse zu kontrollieren, so kann ihre langwierige Stationierung innerhalb eines politischen Gebietes eine Reihe von Problemen verursachen. Eine dauerhafte Präsenz macht Bodentruppen z. B. angreifbar. Des Weiteren kann eine beständige Anwesenheit politische Probleme verursachen, welche sich oftmals aus Spannungen zwischen den militärischen Einheiten und der Bevölkerung des Landes ergeben. Zuletzt zeichnen sich Bodentruppen durch ihre Fähigkeit aus, eine Entscheidung herbeizuführen. Milevski bezeichnet Bodentruppen in diesem Sinne als fortissimus inter pares, da nur diese die Fähigkeit besitzen, Gebiete zu erobern und zu halten und somit den größten strategischen und politischen Effekt im Krieg erzielen können. (Milevski 2012, S. 10)
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