»Er is jestern Abend anjekommen und hat schon mal ’nen bisschen Stallluft jeschnuppert, wa Vinc.« Er klopfte seinem Sohn auf die Schulter. Immer noch keine Regung.
Kalles Sohn Vincent sollte während der Sommerferien im Reitstall arbeiten, denn mit den Pferden der Gäste würde es einiges mehr zu tun geben.
Malu musterte den Jungen skeptisch. Der sah nicht gerade danach aus, als ob er sich freuen würde, seine Ferien mit Stallarbeit zu verbringen. Irgendwie hatte sie sich Kalles Sohn ganz anders vorgestellt. Kalle selbst war offen, nett und eigentlich immer gut drauf, außerdem aß er gerne und das sah man auch. Vincent schien das komplette Gegenteil von seinem Vater zu sein. Na ja, sie würde hoffentlich nicht allzu viel mit ihm zu tun haben. Sollte Edgar sich um den unfreundlichen Kerl kümmern. Oder ihre Mutter, die hatte ja auch zugestimmt, dass Vincent den Ferienjob bekam, ohne ihn mal einen Tag lang Probe arbeiten zu lassen. Selber schuld.
Malu wollte sich gerade verdrücken, da schob Kalle sie zur Schlosstreppe weiter. »Rebekka meint, et jibt in der Küche ’nen Problemchen wegen Ratten«, erklärte er auf dem Weg. »Det wolln wir uns ma ankiecke, wa.«
Malu nickte seufzend und führte Kalle in die Speisekammer hinter der Küche, Vincent folgte ihnen mit ein paar Metern Abstand. Es hatte sich noch niemand erbarmt und die rote Glassplitterpampe weggewischt. Das würde natürlich an ihr hängen bleiben!
Kalle inspizierte die Abstellbretter, lugte unter die Regale und in die hintersten Ecken. Aber nirgendwo in dem kleinen Raum gab es Spuren von Ratten, weder angefressene Tüten noch Köttel auf dem Boden.
»Det war wohl doch eher der Schlossjeist, wa«, grinste Kalle. »Keene Ratte weit und breit.«
Rebekka würde erleichtert sein, dachte Malu. Eine Sorge weniger.
Malu war froh, als der Tag zu Ende ging und sie endlich in ihrem Zimmer war. Das einzig Gute war, dass Vincent auf Kalles Befehl hin die Speisekammer hatte sauber machen müssen – vielleicht war es ja doch nicht so schlecht, dass er da war, dann musste sie wenigstens nicht sämtliche fiesen Arbeiten alleine erledigen, bis nächste Woche die Küchenhilfen kamen. Warum musste ihre Mutter auch schon vor der Eröffnung Gäste aufnehmen, wo noch gar keine anderen Mitarbeiter hier waren?! Erst heute diese eingebildete Kuh und morgen sollte noch ein Ehepaar mit zwei Pferden anreisen.
Beim Abendessen hatte Rebekka ihrer Tochter noch mal ans Herz gelegt, dass sie besonders freundlich zu Señora Horapez sein sollte. Ausgerechnet zu der! Aber die Miete, die die Señora für die Pferdeinsel zahlte, war wohl eine beachtliche Summe und dafür hatte Gesine der Dame im Gegenzug absolute Ruhe und Abgeschiedenheit auf der Insel garantiert. Wie oft ihre Mutter ihr das im letzten Monat eingetrichtert hatte, konnte Malu schon nicht mehr zählen. Es musste also wirklich um eine Menge Geld gehen!
Leider war CharlyBee nicht im Chat und Lea ging nicht ran, als sie versuchte anzurufen. (Was war nur los? Lea war doch IMMER am Handy!) Malu war megafroh, dass Lea die nächsten zwei Wochen bei ihr wohnen würde. Schnell schrieb sie ihr noch eine Nachricht: Bin so happy, wenn du morgen hier bist. Alle sind dooooof!!!

Bevor sie ins Bett ging, riss Malu das Fenster weit auf. In der Nacht würde es ja hoffentlich etwas abkühlen.
Als sie schon fast eingeschlafen war, riss sie eine vertraute Musik aus ihrem Dämmerzustand. HEY GIRL, LET ME KNOW. Lea.
Malu tastete nach ihrem Handy und wischte zu den Nachrichten.
Lea:
War bis eben noch mit Mama bei Tante Gerda, du weißt ja, absolutes Handyverbot!!
Hab alles gepackt. Freu mich!!! Die Ferien werden der Hammer - ich habe DIE Idee. Alles Weitere morgen. See you

Malu:
Bin super gespannt!!! Schlaf gut und bis morgen!! 
Lächelnd legte Malu das Handy zurück und drehte sich zur Seite. Typisch Lea. Was mochte ihre Freundin wieder für verrückte Pläne haben? Kurz darauf war sie schon eingeschlafen.
Als Malu hochschreckte, war es draußen noch dunkel. Ihr T-Shirt klebte an der Haut. Was hatte sie geweckt? Sie lauschte. Leises Grillengezirpe drang durch das offene Fenster, aber davon war sie wohl kaum aufgewacht. Vielleicht hatte sie schlecht geträumt. Schnell zog sie sich ein trockenes T-Shirt an und legte sich wieder hin.
Es war immer noch unerträglich heiß im Zimmer. Ihre Hoffnung, dass die Luft sich in der Nacht abkühlte, hatte sich nicht erfüllt. Malu zog gerade das dünne Laken über die Schultern (ganz ohne konnte sie trotz Hitze nicht schlafen), als sie ein langgezogenes, schauderhaftes Heulen hörte. Kalt lief es ihr den Rücken herunter. Was zum Teufel war das?
3. Kapitel
Stocksteif saß Malu im Bett und lauschte. Und dann hörte sie es wieder – eine Mischung aus Quietschen und Heulen, wie von einem gequälten Tier, weit entfernt, aber doch klar und deutlich. Malu sprang aus dem Bett, mit drei Schritten war sie am Fenster und versuchte auszumachen, woher diese grauenhaften Schreie kamen. Ob etwas mit den Pferden war? Wie ein dickes Tau legte sich die Angst um ihre Brust. Doch im nächsten Moment war ihr klar, dass die Geräusche von viel weiter weg kamen, dass sie über den See zu ihr herübergetragen wurden. Die Schreie kamen von der Pferdeinsel!
Malus erster Gedanke war, zu ihrer Mutter zu rennen, aber dann fiel ihr ein, dass Rebekka im Moment gänzlich andere Prioritäten hatte. Edgar! Ihr Bruder hatte die Schreie bestimmt auch gehört.
Schon stürzte sie auf den Flur und die Treppe hoch in das Zimmer ihres Bruders. Hier war es noch stickiger als bei ihr. Unsanft rüttelte sie Edgar an der Schulter.
»Wach auf! Los, komm schon!«
Mühsam öffnete ihr Bruder die Augen und starrte Malu an, als sei sie ein Geist. Aber als sie ihm hastig von den schrecklichen Geräuschen auf der Insel erzählte, war Edgar sofort hellwach und gemeinsam lauschten sie in die Nacht.
Nichts!
Die Minuten zogen sich wie Kaugummi.
Stille. Selbst die Grillen waren hier oben kaum zu hören.
Schließlich gähnte Edgar laut. »Du hast wahrscheinlich schlecht geträumt, Schwesterchen«, sagte er und ließ sich wieder ins Bett fallen.
Malu schlang die Arme um ihren Körper. Sie schauderte, als sie an die gruseligen Geräusche dachte. Nein, das hatte sie sich ganz bestimmt nicht eingebildet!
Edgar war schon wieder im Halbschlaf, als sie leise seine Tür schloss und zurück in ihr Zimmer ging. Aber Malu blieb wach, ihre Gedanken kreisten immerzu um die Frage, was es mit diesem Kreischen auf sich hatte. Hoffentlich war mit den Pferden auf der Insel alles in Ordnung. Sollte sie der Horapez morgen davon erzählen? Andererseits hatte sie doch zwei Angestellte auf der Insel, die sich um die Pferdeherde kümmerten. Die mussten das Heulen ja auch gehört haben. Was aber, wenn die selber etwas damit zu tun hatten? Schließlich fiel Malu doch noch in einen unruhigen Schlaf.
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