Einige Ratsherren klopften zustimmend auf die Tische des großen Versammlungssaales im Lübecker Rathaus.
»Und wo wollt Ihr die Verhandlungen führen?«, fragte Sudermann.
Balthasar Grevenrode hatte mit der Frage gerechnet und war dankbar, dass sie nun gestellt wurde. Zum einen implizierte sie, dass die Verhandlungen natürlich unter Vorsitz Lübecks, des Hauptes der Hanse, geführt würden, und zum anderen gab sie Balthasar Grevenrode die Gelegenheit, all denen, die Lübeck mit Misstrauen gegenüberstanden, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Balthasar nickte seinem Stralsunder Kollegen zu, der sich erhob und mit stolzgeschwellter Brust sagte: »Ich würde mich freuen, liebe Freunde, wenn Stralsund Euch empfangen dürfte. Seid versichert, dass wir alles dafür tun werden, um die Verhandlungen zu einem für uns alle erfolgreichen Abschluss zu führen, und dass es Euch in Stralsund an nichts fehlen soll.«
Rudolf Sudermann war vor Ärger und Überraschung sprachlos. Hätte Grevenrode Lübeck vorgeschlagen, so hätte man dagegen angehen können. Es gab genug Städte, die eine allzu große Konzentration der Macht in den Händen der Lübecker vermeiden wollten. Gegen Stralsund gab es dagegen wenig einzuwenden, mit Ausnahme der Tatsache, dass Wulflam und Grevenrode unter einer Decke steckten. Stralsund war die größte und bedeutendste Stadt zwischen Danzig und Lübeck. Sie war für alle gut zu erreichen, und es war bekannt, dass der dänische König Waldemar Stralsund bevorzugte. Es regte sich keine Gegenstimme.
Balthasar Grevenrode stand auf und schaute in die Runde. »Liebe Freunde, wenn es dagegen keinen Widerspruch gibt, so können wir unsere Verhandlung beschließen. Wir treffen uns Anfang Mai in Stralsund, und jetzt möchte ich Euch einladen in die ›Ratsschenke‹. Es gilt, einen großen Sieg ordentlich zu feiern.«
Zu feiern, dachte Rudolf Sudermann, gibt es nur etwas für die Ostseestädte, allen voran für die arroganten Lübecker. Es gab genug andere, da war sich Sudermann sicher, die nichts zu feiern hatten, weil sie den bankrotten Holstengrafen Unsummen zur Kriegsführung geliehen hatten und diese nur zurückerhielten, wenn sich Heinrich und Klaus von Holsten genügend dänische Pfründe aneignen konnten. Und danach sah es derzeit nicht aus. Ohne das Geld und die Koggen der Städte waren die Grafen machtlos. Das Handelshaus des Rudolf Sudermann sah schweren Zeiten entgegen, aber er war nicht der Einzige, und es gab Mittel und Wege, die Lübecker zu stoppen.
KAPITEL 2 • LÜBECK, FEBRUAR 1370
»Schachmatt!« Pietro nahm einen tiefen Schluck Wein aus seinem Becher, während Reinekin Kelmer die Bernsteinfigur mit dem Kreuz umkippte.
»Weißt du, früher habe ich mich gefühlt wie ein König, wenn ich gegen dich gewonnen hatte – es kam selten genug vor. Heute denke ich, was spielt er da für einen Mist. Non è vero, come un stupido.«
»Morgen ist es ein Jahr.«
»Lo so. Ich weiß. Deshalb bin ich hier, weil ich dich nicht alleine lassen möchte.« Pietro schenkte sich italienischen Rotwein in seinen Messingbecher.
»Vielleicht ist es besser, wenn ich alleine bin.«
»Reinekin, du bist schwermütig wie dieses Land. Trink noch einen Becher mit mir, dann wirst du dich leichter fühlen. Dieser Wein schmeckt nach der Erde des Veneto. Er bringt Sonne in dein Herz.« Pietro nahm die noch gut gefüllte Kanne und goss seinem Freund den Becher voll. Sie saßen in der Diele von Reinekin Kelmers Haus am Kohlmarkt. Der einäugige Claas legte zwei dicke Holzscheite in den Kamin und schürte das Feuer.
»Kannst du dich noch an den Abend erinnern, an dem du diesen Wein zum ersten Mal probiert hast? Wahrscheinlich nicht, denn du warst so betrunken, dass Niccolò und ich dich nach Hause tragen mussten. Und Messer Ammaniti hätte mir fast den Kopf abgerissen.«
»Du solltest auf mich aufpassen. Stattdessen hat es dir gefallen, einen sechzehnjährigen Jüngling, der zuvor noch nie einen Fuß aus seiner Heimatstadt gesetzt hatte, schamlos abzufüllen.« »Stimmt. Wir haben uns köstlich amüsiert, weil du den Wein gesoffen hast, als sei es euer deutsches Dünnbier.«
»Ich war zwei Tage krank.«
»Beschwer dich nicht, schließlich hat der Wein dich reich gemacht.«
»Ja, der Wein hat mir Glück gebracht.« Reinekin nahm einen tiefen Zug aus seinem Becher und dachte an das Frühjahr des Jahres 1358 zurück, als er sich nach dem Ende seiner Lehrzeit bei Messer Ammaniti mit sechs Fuhrwerken voller Weinfässer über die Alpen und quer durch Deutschland gequält hatte. In Frankfurt und Köln hatten die reichen Kaufleute und Ratsherren noch gezögert, des hohen Preises wegen und weil man nur den billigen deutschen Wein kannte und den französischen. Als er nach Lüneburg und Hamburg kam, war ihm der Ruf seines Weines schon vorausgeeilt, und die Fässer wurden ihm vom Wagen gerissen, ohne dass die reichen Käufer die Köstlichkeit vorher auch nur probierten. Jeder wollte etwas von dem besonderen Wein abhaben, und der Preis spielte keine Rolle. Mit dem letzten Wagen war er in Lübeck angekommen. Auch hier hatte sich die bevorstehende Ankunft dieser Rarität schon herumgesprochen. Reinekin wurde in das Haus des Bürgermeisters gebeten. Und während Balthasar Grevenrode den Wein probierte und sich nach dem Preis erkundigte, war sie hereingekommen.
»Soll ich später wiederkommen?«, hatte sie höflich gefragt.
»Nein, setz dich zu uns. Ich stelle dir Reinekin Kelmer vor, einen Kaufmann aus Frankfurt, oder sollte ich besser sagen: aus Venedig.«
Während Reinekin auf die junge Frau starrte, sagte Balthasar Grevenrode: »Meine Tochter hilft mir bei den Geschäften. Sie ist talentiert. Ich habe keine Söhne. Nur dieses eine Kind, und da blieb mir nichts anderes übrig, als einen Kaufmann aus ihr zu machen.« Grevenrode lachte laut, und seine Tochter blickte verlegen zu Boden. Sie war eine Schönheit, groß und schlank, mit braunen Locken, die sich nicht mit Haarnadeln bändigen ließen. Sie berichtete von einem Schiff, das aus Brügge eingelaufen sei, und dass die Preise für Pelze in ganz Flandern gefallen seien und man deshalb die Kogge aus Nowgorod besser nach England schicke.
»Aber wir brauchen die Tuche aus Brügge«, hatte Grevenrode eingewandt und sie hatte ihm vorgerechnet, dass er an die dreißig lübische Mark mehr gewinnen würde, wenn die Kogge London anlaufen würde, um dort die Pelze zu verkaufen, und dann mit englischer Wolle nach Brügge fahre und von dort die Tuche mitbringe. Balthasar Grevenrode hatte lächelnd genickt. Dann hatte er Reinekin die Fuhre Wein abgekauft.
»Kommt morgen zum Abendessen, Reinekin, und erzählt uns von Italien.«
Reinekin hatte die Einladung gerne angenommen, diese und noch viele andere bis zu seiner Abreise nach Frankfurt. Schon damals wusste er, dass seine Zukunft nicht in Frankfurt oder Italien lag, wie es sein Vater geplant hatte, sondern in Lübeck.
»Kommst du wieder, Reinekin?«, hatte Johanna gefragt.
»Ja«, hatte er geantwortet und sie zum ersten Mal geküsst.
Im nächsten Jahr hatte er noch einmal die beschwerliche Reise vom Mittelmeer an die Ostsee auf sich genommen, doch diesmal war er in Lübeck geblieben, hatte sich die Bürgerschaft der Stadt gekauft und das Haus eines Kaufmanns, der auf der Ostsee mit Schiff und Waren untergegangen und dessen Besitz mangels Erben an die Stadt gefallen war. Im Jahr darauf hatte er Johanna Grevenrode, die Tochter des Bürgermeisters, geheiratet.
»Der Wein hat mir wahrlich Glück gebracht.«
Die Haustür flog auf und riss Reinekin aus seinen Erinnerungen. Jan und Geseke schossen herein. Sie schleuderten die hölzernen Trippen in eine Ecke und stürzten auf Reinekin und Pietro zu.
»Papa, Pietro, schaut euch das an: ein Pferd.« Der achtjährige Jan hielt Reinekin eine Holzfigur vor die Nase.
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