»Das tut mir sehr leid, Frau von Wenzlow, aber was kann ich denn bei diesem von Ihnen offenbar sehr unglücklich empfundenen Status nun für Sie tun?«
»Ich verweise auf den sehr kurzen Polizeibericht im Netz, der gestern Abend veröffentlicht wurde. Wissen Sie, ich lebe schon lange in einem Dörfchen bei Schwerin und ein guter Freund von mir ist bei der Kripo dort. Hauptkommissar Thomas Berger meinte, ich könnte Sie vielleicht kurz dazu telefonisch befragen. Er hat mir aber auch gleich gesagt, dass Sie mir wegen der laufenden Ermittlungen sicherlich keine Auskunft erteilen würden. Deshalb dachte ich, ich fahre direkt zu Ihnen. Ich gebe zu, ich habe Thomas Berger etwas bedrängt, aber ich bin so aufgeregt, weil im Polizeibericht ja nur so wenig bekannt gegeben wurde …«, antwortete sie gehetzt.
Doktor Brandenburg war einigermaßen verblüfft, kannte er doch Hauptkommissar Berger nun auch schon ein paar Jahre. ›Wahrscheinlich hat sie sich nicht abwimmeln lassen‹, dachte er.
Die Frau fuhr ohne eine Reaktion abzuwarten fort: »… demnach habe man am Grundlosen Moor eine Leiche gefunden. Die Wälder dieser Gegend sind in der Blütezeit unseres Geschlechts in einem hervorragenden Zustand gewesen. So etwas hätte es damals nicht gegeben. Ich bin entsetzt und überlege mir, einige weitere Schritte zu gehen. Zudem habe ich allen Grund zu der Annahme, dass einige der von mir schon erwähnten, unrühmlichen Nachkommen unserer Linie dahinterstecken. Anders ist das nicht zu erklären.«
»Hochverehrte Frau von Wenzlow«, schraubte Brandenburg zurück, »ich habe allen Grund zu der Annahme, dass dieser Fall schnellstmöglich und mit aller Sorgfalt aufgeklärt wird. Sie haben natürlich die freibleibende Möglichkeit, den Polizeibericht bei der Polizei zu hinterfragen und ergänzende Angaben zu machen. Das würde ich Ihnen sogar ausdrücklich empfehlen. Meine ausgezeichneten Beziehungen dorthin bieten sich an, Sie zu avisieren.«
»Das würden Sie für mich tun?«
»Aber selbstverständlich. Ich schlage vor, dass wir diese fraglos sehr interessante Unterredung schnell beenden, damit ich dazu Gelegenheit habe.« Er stand auf und überströmte sie mit einem breiten Lächeln, als ob ihm ihr Besuch den Tag gerettet hätte.
Die Wirkung blieb nicht aus. Frau von Wenzlow erhob sich und war entzückt, so angenommen worden zu sein. Sie verließ unter sorgfältiger Mitnahme aller Gepäckstücke und sich wiederholenden Dankesbezeugungen das Institut.
Brandenburg war überrascht, aus diesem Gespräch schneller als erwartet herausgekommen zu sein und flüchtete zurück in sein Dienstzimmer. Sein Gedanke, der ihm beim Öffnen der E-Mail gekommen war, hatte geduldig auf ihn gewartet. Er spann ihn so lange zurecht, bis er ihn für mitteilenswert hielt.
Zur selben Zeit kam ein Treffen mit den Eltern von Hannes Köster zustande. Der Erstkontakt, das Überbringen der traurigen Gewissheit, dass ihr Sohn nicht mehr lebte, war Kommissarin Kerstin Semlock zugekommen, erste Sachbearbeiterin im Fachkommissariat 1. Ihre Kollegen schätzten ihr Einfühlungsvermögen und ihre fachliche Expertise. Sie war seit vielen Jahren eine extrem engagierte Polizistin, Kriminalhauptkommissarin. Eine schlanke, attraktive Frau und Mutter, die sich daran gewöhnt hatte, immer mal Avancen zu parieren, die sie als Ausgeburt der Männerdominanz in ihrem Beruf bezeichnete. Sie konnte sie weglächeln, ebenso wie die zugegeben nur anfänglichen Vorbehalte, die dieselben Kollegen ihr gegenüber hervorbrachten. Als unverzichtbare Leistungsträgerin hatte sie sich mit ihrer direkten und fokussierten Art längst durchgesetzt und den Respekt erarbeitet, den ihre männlichen Kollegen viel einfacher gewinnen konnten. Also schauten wie immer alle auf sie. Aus dieser Situation kam sie nicht heraus.
Die Eltern von Hannes Köster waren an diesem Donnerstagmorgen nach einer langen Nachtfahrt aus ihrem Urlaub in der Eifel zurückgekehrt und hatten ihren Sohn nicht zu Hause angetroffen. Ungewöhnlich war das keineswegs, da er meistens schon gegen sechs Uhr in die Tischlerei fuhr. Nichts ahnend öffneten sie am frühen Nachmittag Kerstin Semlock und einer sie begleitenden Psychologin die Tür. Von der freundlichen Begrüßung bis zum sprachlosen Nicht-fassen-können vergingen Sekunden. Den Schrecken und das Aufnehmen der schlimmen Nachricht konnte man den Eltern nicht ersparen. Die beiden Frauen ließen sich und ihnen aber Zeit, in der sie die Verfassung der Unglücklichen einzuschätzen lernten und in der sie auch merkten, zu welchem Zeitpunkt sie etwas sagen oder fragen konnten. Dabei konnte Kerstin Semlock ihre, für viele ihrer Kollegen beeindruckende situative Kompetenz ausspielen.
Das Elternpaar wollte man danach nicht allein lassen und man bot ihnen an, mit auf die Dienststelle zu fahren, um eine erste Vernehmung durchzuführen. Es erschien etwas heikel, so schnell vorzupreschen, und vielleicht unzumutbar. Letztlich erwies sich die Entscheidung aber als richtig. In der Dienststelle erschien das sonst benutzte Vernehmungszimmer zu kalt und ungemütlich, sodass die beiden in den Videoraum geführt wurden. Der war wohnlich eingerichtet und sah nicht so büromäßig aus. Hier wurden auch Kinder und Jugendliche gehört, wenn sie zu vernehmen waren.
Kerstin Semlock bot beiden etwas zu trinken an, hatte etwas Gebäck gereicht und bemühte sich redlich, um die Atmosphäre so erträglich wie möglich zu gestalten. So schwierig die Vernehmung der älteren Leute war, so unergiebig war sie auch. Die Kommissarin hatte nach einer Stunde längst nicht alles angesprochen, was sie sich zurechtgelegt hatte, spürte aber, dass es für die beiden genug war. Sie beendete das Gespräch mit der Ankündigung eines zweiten Treffens und entließ Hannes’ Eltern in den mittlerweile späteren Nachmittag, der sie draußen mit der gleichen Schwere empfing, die sich auch um ihre Herzen gelegt hatte.
Die Kriminalbeamtin hatte nichts wirklich Substanzielles erfahren. Demnach hatte ihr Sohn Hannes kürzlich eine Ausbildung bei einem bekannten Tischlermeister begonnen. Er hatte zurzeit keine Freundin, traf sich unregelmäßig mit ehemaligen Klassenkameraden, war kein Diskogänger. Alkohol und Drogen hätten für ihn nie eine Rolle gespielt. Er sei sehr häuslich und besorgt gewesen. Alle reagierten freundlich auf ihn. Alles fast auffällig unauffällig. Mehr war in der ersten Vernehmung nicht zu erfahren.
Deutlich mitgenommen lehnte sich Kerstin Semlock zurück in ihren Sessel, als das Telefon klingelte. »Semlock.«
»Brandenburg.«
»Na, Doc, heute mal keinen Spruch?«
»Ich habe da etwas Anderes für Sie.«
Kerstin Semlock hatte Schwierigkeiten, am Telefon so unvermittelt umzuschalten. Der Doc klang nicht so locker wie sonst, wobei das im Moment auch nicht in den Nachklang der gerade beendeten Vernehmung gepasst hätte. »Sie haben doch gerade obduziert und noch immer nicht genug? Dann raus damit, höre mit Füneff.«
Die Frau war immer wieder gut für eine kleine Überraschung, dachte Brandenburg. »Füneff«, den Begriff kannte er noch aus DDR-Zeiten: GST, Nachrichtensport, Ausbildung zum Sprech- und Tastfunker. So wurde die »Fünf« im Sprechfunk ausgesprochen, um sie unverwechselbar zu machen. Unverwechselbar, um nicht zu sagen einmalig, wie eben diese Frau. »Haben Sie schon mit der Staatsanwältin telefoniert, Frau Semlock?«
»Ja, sie hat mir das Obduktionsergebnis zusammengefasst.«
»Wie schade, dass Sie nicht selbst kommen konnten. So muss ich etwas weiter ausholen.«
»Tun Sie das, aber bitte konzentriert und nicht so viel Prosa.«
»Ja, ja, es geht mir nur um das Smartphone von Hannes Köster, weil es am Tatort nicht in einer seiner Taschen steckte, sondern unter seiner rechten Hand lag. Daraufhin habe ich in meinem Büro erst mal mein eigenes gesucht.«
»Klingt spannend, Doc.«
Читать дальше