»Ich habe meine am Vormittag eingegangenen Mitteilungen gecheckt.«
»Gratuliere, sind Sie jetzt auch schon digital?«
Ohne ihre Lässigkeit zu kommentieren, redete er weiter. Er kannte die Kommissarin nun schon seit etwa vier Jahren und hatte gelernt, ihre manchmal etwas zu kumpelige Art einzuschätzen. »Die letzte Mitteilung beziehungsweise Mail lese ich Ihnen mal vor: [LOG] Owner: Venter 65 found GC. Dann folgt eine Kombi aus Zahlen und Buchstaben. Und weiter Glashagen (Traditional Cache) .«
»Ich kann auch deutsch.«
»Ja, kann mich erinnern, aber hier steht es so.«
»Sie würden mich nicht anrufen, wenn Sie diese kryptische Botschaft nicht entschlüsselt hätten.«
»Die Erklärung ist tatsächlich ganz einfach und vielleicht tatrelevant. Ich bin seit einigen Monaten Geocacher.«
»Geo-was?«
»Geocacher«, wiederholte er. »Ich habe mich bei geocaching-international.com registrieren lassen und eine App runtergeladen, über die ich geocachen kann.«
Kerstin Semlock wurde ungeduldig. Wenn der Doc ihr alle seine Hobbies aufzählen wollte, dann sollte er sich vielleicht eine andere Gelegenheit suchen. »Nun erzählen Sie schon, was das ist und was das mit unserem Fall und mit mir zu tun hat!«
Er spürte ihre Ungeduld, überlegte kurz, ob er es weiter spannend machen sollte, entschied sich aber, schnell sachlich voranzukommen. »Also, Geocacher sind mit einem selbst gewählten Spielernamen über eine Datenbank vernetzt. Wenn jemand meint: ›Mensch, tolle Gegend hier, die alte Schlossruine, dazu noch ein herrlicher Blick übers Land, das möchte ich anderen zeigen‹, dann geht er online und reicht die Geokoordinaten sowie eine kurze Beschreibung des Ortes bei geocaching-international.com ein. Die prüfen, ob die Spielregeln eingehalten werden und schalten den Eintrag frei. Am Ort selbst hinterlässt der ›Owner‹ in einer wasserdichten Box oder in einem verschraubten Röhrchen ein kleines Logbuch, das andere Mitspieler über die Geokoordinaten finden können, aber doch so versteckt, dass zufällig vorbeikommende Spaziergänger, im Sprachgebrauch übrigens sehr treffend als ›Muggels‹ bezeichnet, den Cache nicht entdecken. Der Finder hinterlässt handschriftlich einen Eintrag mit Datum und oft auch Uhrzeit des Auffindens. Viel mehr Platz bietet das Logbuch nicht. Damit der Fund auch offiziell registriert wird, wiederholt der Finder das Loggen online, nun auch mal mit einem Dankeschön oder sogar ausführlichen Beschreibungen, wie er den Cache gefunden hat und dergleichen.«
»Schön, Doc! Neues Spiel neues Glück? Hat die Geschichte außer ihrem Neuigkeitswert noch irgendeine Finesse, die Ihren Anruf bei mir rechtfertigt?«
»Frau Semlock, das Smartphone von Hannes Köster. Nehmen wir mal an, er hat es benutzt, während er vom Schlag getroffen wurde, dann könnte er einen Cache gesucht haben.«
»Das kann er uns nicht mehr sagen. Vielleicht wollte er auch nur telefonieren.«
»Aber sein Handy könnte uns das sagen.«
»Okay, die IT-Forensiker haben das Gerät schon im LKA, wie Sie wissen.«
»Schön und gut, selbst wenn Sie herausfinden, dass er solch eine App hatte und die auch gestartet war, bekommen sie keinen Zugang, weil sie Muggels sind.«
»Ah, Herr Doktor, ich ahne, dass Sie Ihre Unersetzlichkeit über ein Alleinstellungsmerkmal demonstrieren wollen?«
»Na ja, ich würde mich zur Verfügung stellen, wobei der Konjunktiv hier falsch gesetzt ist, denn ich habe es bereits getan.«
»Sie haben das Handy doch gar nicht!«
»Richtig, aber ich habe die sicher unersetzlichen Kompetenzen der IT-Forensiker flankiert, in dem ich selbst online gegangen bin.«
»Ja, und? Macht das Spielen Spaß?«
»Ich höre da so eine Mischung aus Spott und Sarkasmus, Frau Semlock. Gänzlich unangebracht an dieser Stelle.«
»Nun reden Sie schon weiter, mein Gott und nehmen Sie mich bitte mit auf Ihre geoakademischen Höhenflüge!«
»Mit dem größten Vergnügen. Nehmen Sie Platz und halten Sie sich fest! Ich habe mir die Umgebung des Tatortes mappen lassen. Da befinden sich fünf Caches in einem Vier-Kilometer-Radius.«
»Holger, die Waldfee, lassen Sie mich raten!«, rief Frau Semlock nun tatsächlich begeistert. »Die Koordinaten des Tatortes sind mit den Koordinaten eines Caches identisch?«
»Yep, ein Cache mit dem beziehungsreichen Namen ›Grundloses Moor‹ und der Kennung GC7PCQW.«
»Herr Doktor, das ist ja wirklich mal was. Grundloses Moor klingt ja schön schaurig, passt zu einem Tatort. Wir wollen nun natürlich wissen, wer sich da in letzter Zeit eingeloggt hat.«
»Ja, kann ich ihnen sagen, mit Datum und Uhrzeit.«
»Hä?«
»Yep, kein Problem, nur dass sich die Namen lesen wie aus dem Telefonbuch vom Melmac. Will sagen: Das sind Spielernamen! Und will weiter sagen, was Sie mir sicher auch gleich sagen, dass Sie jetzt ein prozessuales Problem bekommen. Wie wollen Sie an die Klarnamen herankommen?«
»Wie ich Sie kenne, schwebt die Antwort schon im Äther.«
»Nö.«
»Was, nö?«
»Na eben nö oder nee oder niente. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, welcher Spielername etwa dreißig Minuten vor der von uns geschätzten Sterbezeit eingeloggt wurde.«
»Wie bitte?« Jetzt schrie sie fast in den Hörer. »Damit kommen Sie jetzt erst? Nun lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!«
»Koloss.«
»Bitte?«
»Koloss um 12:30 Uhr. Das ist der Spielername, eine E-Mail-Adresse ist auch dabei, die schicke ich Ihnen mit meiner Dankesmail für das freundliche Telefonat, dann brauchen Sie nur noch draufklicken. Ich könnte Ihnen übrigens noch mehr schicken.«
»Ich bin schon reichlich beschenkt, Doc, obwohl es bis Weihnachten noch ein paar Tage hin ist.«
»Ich habe trotzdem noch etwas für Sie. Die E-Mail-Adresse des Owners von Grundloses Moor.«
»Was für ein Owner?«
»Das ist der, der den Cache angelegt hat. Weiterhin habe ich die Spielernamen von den Cachern, die sich in die Logbücher der anderen Caches in der näheren Umgebung des Tatortes eingeloggt haben. Da sind zwei, offenbar am Vormittag desselben Tages, im selben Wald, wenn auch nicht direkt am Grundlosen Moor, aber doch potenzielle Zeugen, oder? Die Namen und E-Mail-Adressen schicke ich Ihnen auch. Jetzt sind Sie dran, machen Sie was daraus und dabei wünsche ich Ihnen maximale Erfolge. Ach übrigens, grüßen Sie Ihre Tochter von mir.«
Sie verabschiedete sich, klickte zeitgleich in ihrem E-Mail-Postfach auf Senden/Empfangen , in der Hoffnung, Brandenburg hätte schon ein paar Fakten geschickt, und legte den Telefonhörer auf. ›Was hat der noch gesagt?‹ Erst jetzt waren die letzten Worte des Rechtsmediziners in Kerstin Semlocks Kopf angekommen. ›Ich soll meine Tochter grüßen? Ach, du ahnst es nicht!‹, dachte sie, ›hat sie es doch wahrgemacht und sich für das Wahltertial in der Rechtsmedizin angemeldet?‹ Die Zeit war eben vorbei, in der man alles über seine Kinder wusste.
Keine neuen Nachrichten. »Nun mach schon, mach schon!« Wenig später und es ploppte ein Signal für eingehende Post auf. Sie las: Spielername Koloss , dazu eine E-Mail-Adresse. Zwei weitere Namen: Vesta und Poweron . Schnell setzte sie an Koloss einen Text auf, in dem sie sich als Kriminalbeamtin vorstellte, der aber keine Abwehr erzeugen sollte. Schließlich brauchte sie diese Geocacher. Möglicherweise waren Koloss und die anderen Geocacher Zeugen. Sie aktivierte also alle Formulierungskünste, ohne auf den eigentlichen Hintergrund der beabsichtigten Vernehmung zu kommen. Sie gab als Vernehmungsgrund nur die Klärung eines Sachverhaltes an und drückte auf Senden. Die gleiche E-Mail schickte sie an die zwei anderen Cacher.
Nun galt es, den Cache am Tatort zu finden, der den Kriminaltechnikern am Vorabend offenbar entgangen war. Also ein wirkliches Versteck und sie musste sich zusammen mit ihren Kollegen damit abfinden, dass sie eben wirkliche Muggels waren und an einem Tatort etwas Wichtiges übersehen hatten.
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