Erst als die Kutsche tatsächlich die alte Karawanenstraße heraufwackelte und genau vor seinem Haus stehenblieb, legte er seinen Koh-i-Noor-Stift, Härtegrad sechzehn, zwischen jene der Härtegrade fünfzehn und siebzehn und trat ans Fenster. Omar diskutierte wild gestikulierend mit dem Kutscher, bevor er den Verschlag öffnete. Es war eine gedeckte Kutsche, die beste, die es in Kayseri zu bekommen gab. Die meisten Gefährte hier waren einfache Eselskarren. Wilhelm sah, dass sich Omar bückte, um die dreistufige Leiter auszuklappen.
Da war sie. Sie sah klein aus neben Omar, winzig. Fast verdeckt von ihrem eigenen, riesigen Bauch, der sich spitz nach vorne wölbte und ihren ihm wohlvertrauten Umriss aus dem Gleichgewicht brachte. Sie sah monströs aus. Jeden Moment würde sie umkippen und aus seiner Sicht verschwinden. Aber sie verschwand nicht. Sie blieb. Stützte die Hände in den Rücken, hieß Omar einen Koffer abladen.
Er widerstand dem Impuls davonzulaufen nur schwer. Aber wohin hätte er denn laufen sollen? Noch weiter ins Taurusgebirge? Oder bis auf den Ararat und wieder hinunter nach Mesopotamien?
Wilhelm beschloss, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. In Marias Gesicht. Seine Geliebte hatte ihn also aufgespürt, mitten in Anatolien. Und das, obwohl er sich in seinen Briefen immer sehr vage über seinen Aufenthaltsort geäußert hatte: Er wohne in den Unterkünften der Eisenbahngesellschaft, mal an diesem, mal an jenem Streckenabschnitt der Anatolischen Eisenbahn. Wo er eben gerade gebraucht würde.
Wie hatte sie herausgefunden, dass er sich nach den Monaten in dreckigen Baracken, durch die der Wind pfiff, doch für eine eigene Bleibe entschieden hatte? Es blieb ihm keine Zeit zum Nachdenken, weil bereits der völlig verstörte Omar vor ihm stand und an seinem Ärmel zerrte: „Eine Wahnsinnige“, stieß er hervor. „Sie will Sie sprechen.“
Wilhelm ging an ihm vorbei hinaus. Und da stand sie in der Nachmittagshitze und zitterte vor Erschöpfung. „Willst du Tee oder Kaffee?“, fragte er.
„Ich will Schatten“, sagte sie und ging ins Haus, das zu diesem Zeitpunkt – so viel war klar – bereits ihres war. „Warum hast du mich nicht vom Bahnhof abgeholt? Ich hatte eigens telegrafieren lassen.“
Er konnte sein Glück nicht fassen: Dass er sie hatte sitzen lassen, erwähnte sie mit keinem Wort. Das sollte auch in den kommenden Jahren so bleiben. Sie tat vor sich, ihm und allen anderen so, als wäre immer verabredet gewesen, dass sie ihm nach Anatolien folgen sollte. Keine Rede davon, dass er plötzlich aus Linz verschwunden und erst nach Wochen der erste Brief mit vagen Entschuldigungen eingetroffen war: Er müsse erst einmal Geld verdienen, eine Existenz aufbauen, er käme wieder, gewiss. Wann aber, stehe in den Sternen. Bald, sehr bald, nur ein paar Jahre. Er sendete keine Adresse, sie konnte nicht antworten, das hätte er nicht ertragen.
Statt einer Antwort stand sie jetzt vor ihm. Hochschwanger. Sie machte ihm keinen Vorwurf. Nach einer Heiratsurkunde fragte hier keiner. Sie reiste an als Wilhelms Frau und damit war sie es. Sie tat, als sei alles in Ordnung. So lange, bis es alle glaubten. Sogar sie beide.
***
Beim ersten Anlauf traf sie ins Nadelöhr. Und das bei Kerzenlicht. Maria war stolz auf ihre guten Augen. Mit fünf Stichen nähte sie den Knopf an, nicht zu knapp am Revers, so wie sie es von ihrer Großmutter gelernt hatte: „Immer dem Knopf einen Hals aus Faden lassen, sonst reißt er bald wieder ab“, hatte sie gesagt. Maria wusste, dass sich Hassan ärgern würde. Er hasste es, wenn sie Näharbeiten selbst übernahm. Da haben sie einen Schneider im Haus und sie näht selbst, würde er denken, der Liebe. Dabei mochte sie Näharbeiten nicht.
Mit Abscheu erinnerte sie sich daran, wie die Mutter sie zum Ausbessern der immer an denselben Stellen an den Knien aufgerissenen Hosen des Bruders gezwungen hatte, während dieser draußen mit den anderen in der Sonne spielen durfte. Sie hatte das ungerecht gefunden. Wenn die Stiche nicht exakt waren, hatte die Mutter sie wütend wieder aufgetrennt: „So findest du nie einen Ehemann! Kochen kannst du auch nicht! Die Kartoffelknödel zerfallen dir im Topf, obwohl ich dir schon hundertmal gezeigt habe, wie die Konsistenz sein muss: nicht zu hart und nicht zu weich.“ Nicht zu hart und nicht zu weich. Wie ging das? Der Teig klebte ihr pampig an den Fingern. Niemals kochen und nähen zu müssen, das war der Traum ihrer Kindheit. Ein sehr vager Traum. Sie hatte keine exakte Vorstellung von einem besseren Leben, sie kannte nichts anderes als den Alltag ihrer Handwerkerfamilie in bescheidenen Verhältnissen.
Trotzdem war Maria zuerst dagegen gewesen, als die Köchin mitsamt ihrer Familie hier in Anatolien bei ihnen im Haus einziehen wollte. Sie konnte ihr Glück nicht fassen, sie fand es unangemessen, Dienstboten zu haben. Neben der zentralen Küche im Erdgeschoss gab es links und rechts je ein Zimmer, Platz genug für Emine, Hassan und die drei Kinder, hatte Wilhelm gesagt. Sie war gegen Dienstboten. Sie wollte auf einmal selbst kochen, sogar Kartoffelknödel. Aber hier in Anatolien waren sie wohlhabend. Niemand im Dorf hätte verstanden, warum sie geizig waren und niemandem Arbeit gaben. So zogen Emine und ihre Familie nach langen Diskussionen doch bei ihnen ein. In ein Zimmer. Das zweite Zimmer machte Hassan zu seiner Schneiderstube. Maria mochte den Mann, der nur so lange tollpatschig wirkte, bis man ihn mit winzigen, flinken Stichen wahre Kunstwerke schaffen sah. Sie liebte die Kleider, die er für sie nähte.
Ein- – wenn sie großes Glück hatte –, zweimal im Jahr konnte Wilhelm in Angora eine Ausgabe der „Wiener Mode“ für sie ergattern. Kürzlich hatte es in dem Journal ein Preisausschreiben für das beste „Fin de Siècle-Costüm“ gegeben. Maria liebte die fuß- und schleppenfreien Tailormade-Kostüme fast genauso wie die Reformkleider mit ihren schwingenden Volants und den Keulenärmeln. Am Anfang hatte Hassan sich geziert, die für ihn völlig verruchten Modelle anzufertigen. Aber nach und nach nähte er selbst Sommerblusen mit kurzen Ärmeln gern.
Ihr war klar, dass Emine hinter der Sache mit den neuen Stoffen steckte. Maria hatte sie einmal mit einem Kopftuch erwischt, das genau das Muster von Marias neuestem Kleid hatte: eine Kette von zartroten Früchten auf himmelblauem Grund, Erdbeeren an Hagebutten gereiht. Unverkennbar. Sie lächelte über den Mehrwert ihrer modischen Tollheiten und vergönnte es der Köchin von Herzen. Nur, dass das neue Tischtuch Wilhelms langweiligen Hemden täuschend ähnlich sah, freute sie nicht. Sie würde mit ihrem Mann ein ernstes Wort darüber sprechen müssen.
Maria biss den Faden ab und legte die Bluse in die Kommode zu den anderen. Sie zögerte. Suchend griff sie mit der Hand unter den Stapel, zog das Hemdchen heraus. Mit den Fingerspitzen strich sie über die Stickerei auf dem feinen Musselin. Wilhelm hatte es extra kommen lassen aus Mossul, das für seine Spinnereien berühmt war. Sie selbst hatte die Veilchen an den Kragen gestickt. Und die Initialen: T. P. Mit dem zweiten, identen Hemdchen war Traudl begraben worden. Sie war so klein und zart gewesen, dass sie auch nach drei Monaten noch in das Gewand passte, das sie zur Geburt bekommen hatte.
Ana hatte alles versucht, um das Baby aufzupäppeln. Aber anders als ihre Brüder trank die Kleine schwach und nahm Woche für Woche ab statt zu. Sie wirkte blass und eingefallen, als würde sie an Marias Busen vertrocknen. Die war völlig verzweifelt. Nie hätte sie gedacht, dass sie ausgerechnet beim dritten Kind Schwierigkeiten beim Stillen bekommen würde. Ana machte ihr Kräuterwickel, bis sich Marias Brustentzündung gelegt hatte. Doch diese vier Tage waren der Anfang vom Ende. Ana brachte sogar die Muttermilch einer anderen Frau aus dem Dorf. Da fieberte das Baby bereits. Traudl schrie und spuckte unter Koliken und wurde dabei noch schwächer.
Читать дальше