Als Monsieur Bertrand es nach weniger als einer Stunde geschafft hatte, erst Erich und dann auch Hans auf seinen Schultern reiten zu lassen, war klar, wie seine Entscheidung ausfallen würde. Da hatte zum ersten Mal Wilhelm den Blick seiner Frau gesehen. Es war nur ein Moment, denn sie musste gespürt haben, dass er beobachtete, wie sie den Franzosen ansah, und senkte den Blick auf die Bleistifte vor ihr auf dem Tisch.
Jedenfalls: Wenn sie jetzt ein wenig für den blonden Franzosen schwärmte, störte ihn das nicht. So war sie beschäftigt und beschwichtigt. Und damit seine größte Angst: Dass sie so plötzlich, wie sie eines Tages hochschwanger in Anatolien bei ihm aufgetaucht war, wieder verschwinden könnte. Er traute ihr zu, dass er eines Morgens neben sich ins noch warme Bett greifen würde und ihr Platz leer wäre. Und sie wäre fort für immer. Mit den Kindern natürlich. Monsieur Bertrand war dagegen das kleinere Übel. Ein sehr kleines.
***
Auch Ana war aufgefallen, wie Maria Monsieur Bertrand ansah. Während sie mühsam versuchte, den Kindern ein bisschen Disziplin abzuringen, erlaubte er ihnen zu viel. „Nicht auf dem Tisch sitzen“, sagte sie zu Hans. Frederic sah sie fragend an. Sie schüttelte den Kopf und drohte dem Kind mit der Hand. War ihr selbst die Benutzung dieser seltsamen, hohen Möbel suspekt, wusste sie doch, dass Wilhelm Wert auf deren sachgemäße Benutzung legte. Also war Sitzen auf einem Tisch verboten. Sie scheuchte Hans herunter, der heftig protestierte, und verließ den Raum. In den Unterrichtsstunden musste sie die Kinder dem Franzosen überlassen.
„Sie ist eifersüchtig“, sagte Frederic zu Maria.
„Sie fürchtet, dass du ihr den Rang bei den Kindern ablaufen könntest. Eigentlich ist sie ihre Göttin, ihre vielgeliebte, vielgefürchtete Ana. Und dann kommst du.“
„Und zeige ihnen so unnötige Dinge wie Theodoliten“, lachte er. Hans wollte wieder auf den Tisch klettern, aber er rückte ihm einen Hocker heran. „Da, setz dich hin“, sagte er. Hans gehorchte.
„Ich lasse euch jetzt allein“, sagte Maria. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Schreibtisch ihres Mannes. Er hasste es, wenn sie seine Bleistifte durcheinanderbrachte. Sie nahm einen in die Hand und prüfte seine Spitze an ihrem Handrücken. Dann legte sie ihn sorgfältig an seinen Platz zurück. Sie wollte Wilhelm nicht unnötig herausfordern. Von nebenan hörte sie das Lachen der Kinder.
Ana trat hinter sie. Sie hatte die Gabe, plötzlich irgendwo im Haus aufzutauchen wie ein Gespenst. Dabei ging sie nur leise. Im Unterschied zur dicken Emine, die man immer schon von Weitem die Stufen heraufpoltern hörte, war Ana schlank und durchtrainiert. Sie legte als Hebamme viele Meilen zu Fuß zurück, eilte auch nachts zu den Gebärenden in den umliegenden Dörfern. Sie war die Einzige im Umkreis, die die Frauen und ihre Babys versorgte. Alle schätzten sie und doch lebte sie allein. Sie, die bereits hunderte Kinder auf die Welt gebracht hatte, war selbst kinderlos.
„Was ist?“, fragte Maria. Ana legte ihr die Hand auf die Schulter. Maria erschrak unter der Berührung. Ana hatte sie nur während der Schwangerschaften berührt. Und bei den Geburten. Sie hatte ihr die verschwitzen Haare aus der Stirn gestrichen, immer wieder den Kopf lauschend auf den straffen Bauch gelegt, ihr vorgemacht, wie sie stoßweise atmen sollte. Sie hatte ihr einen Tee gebraut, als die Wehen die ganze Nacht andauerten, aber nicht stärker wurden. Maria hatte sich zuerst geweigert, das bittere Gebräu zu trinken, aber nachdem sich nach acht Stunden Hecheln, Seufzen und Stöhnen der Muttermund noch immer nicht geöffnet hatte, willigte sie ein.
Wilhelm hatte längst nach dem Arzt in Kayseri schicken lassen, aber bis er eintraf, war das Kind vielleicht tot. Oder Maria. Oder beide. Maria hatte ihr erstes Kind unbedingt zu Hause auf die Welt bringen wollen, auch wenn „zu Hause“ ein Steinhaus ohne Elektrizität und Fließwasser mitten in Anatolien war. Sie erinnerte sich genau, wie ihr Ana in der Morgendämmerung endlich Hans auf die Brust gelegt hatte: Er war winzig und über und über mit goldenem Flaum bedeckt. Wie ein kleiner Affe. Erichs Geburt war nicht minder kompliziert gewesen, weil er sich auch im neunten Monat nicht gedreht hatte und weiter stur mit dem Kopf nach oben lag. Oder hockte. Maria stellte sich das Kind gern in ihrem dicken Bauch in Denkerpose vor, das kleine Kinn auf der kleinen Faust.
Ana hatte ihr täglich den Bauch abgetastet. Der Kopf blieb oben. Ana war sehr beunruhigt. Sie machte ihr Kräuterwickel an Bauch und Beinen, ließ sie diverse Tinkturen trinken – umsonst. Schließlich musste sich Maria auf dem Bett hinlegen und Ana räucherte ihre Füße, indem sie ihr Blätterrollen mit Kräutertabak zwischen die Zehen steckte und anzündete. Wilhelm protestierte, aber Maria war inzwischen so überzeugt von Anas Künsten, dass sie alles tat, was die Hebamme ihr sagte. Auch das Räuchern half nicht. Erich blieb sitzen.
„Das sind sehr eigenwillige Kinder“, sagte Ana, „die mit den Beinen zuerst kommen. Glückskinder, aber auch sehr gefährlich – für die anderen. Für dich. Du wirst sterben, wenn er sich nicht dreht.“ An Schlaf war für Maria nicht mehr zu denken, weil sie in keiner Position schmerzlos liegen konnte, der Kopf des Kindes drückte an ihren Rippenbogen und nahm ihr die Luft. Sie konnte die Stiegen in den ersten Stock kaum mehr gehen und lag die meiste Zeit auf dem Diwan im Schlafzimmer. Aber Erich drehte sich nicht.
„Heute ist es so weit“, sagte Ana an einem Dienstag.
„Warum weißt du das?“, fragte Maria.
„Weil ich es beschlossen habe“, sagte Ana. „Wenn wir weiter warten, wird er dich vergiften.“
„Warum weißt du, dass es ein Bub ist?“, fragte Maria.
Ana sagte nichts. „Hab keine Angst. Ich lasse Emine das Wasser heiß machen. Dann trinkst du, was ich dir bringe. Es nimmt dir die Schmerzen. Ich werde ihn umdrehen und dann kommt er auf die Welt.“
Maria erinnerte sich nur sehr undeutlich, was Ana mit ihr gemacht hatte. Nachdem sie den Tee getrunken hatte, war ihr angenehm kühl geworden und schläfrig betrachtete sie ihren dicken Bauch, als gehörte er zu einer anderen. Es tat gar nicht weh. Es war nur ein schneller Griff, Ana hatte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf sie gelehnt. Dann spürte sie Erleichterung, die Presswehen gingen los und die Geburt selbst dauerte viel kürzer als bei Hans. Erich war in die Plazenta eingesponnen wie in einen Kokon. Aber er brüllte gleich los, als hätte man ihn bei einem wichtigen Gedanken gestört.
Traudls Geburt ein Jahr später war völlig unproblematisch gewesen, wie schon die Schwangerschaft mit ihr völlig unproblematisch gewesen war. So ein braves Kind! Maria schob den Gedanken zur Seite. Anas Hand lag noch immer auf ihrer Schulter. Warm und schwer. Wie sie es bloß herausgefunden hatte? Man sah noch gar nichts, sie konnte erst im dritten Monat sein. Und doch wusste die Hebamme mit Sicherheit, dass sie wieder schwanger war.
***
Wilhelm hatte bemerkt, dass Maria frühmorgens manchmal aus dem Bett hochfuhr und aus dem Schlafzimmer huschte. Sie dachte wohl, er schliefe noch, aber er hörte, wie sie sich nebenan in einen Eimer übergab. Danach spülte sie sich in der Waschschüssel auf der Kommode Hände und Mund ab, während er laut weiterschnarchte. Wenn sie wieder zu ihm ins Bett stieg, achtete sie darauf, ihm den Rücken zuzuwenden.
Sie war also wieder schwanger. Er freute sich sehr. Er dachte daran, wie sie an jenem Junitag 1896 vor ihm gestanden war: hochschwanger, erschöpft und rot im Gesicht. Omar hatte ihm bereits gemeldet, dass eine Pferdekutsche aus Kayseri herauf unterwegs war. Wilhelm war gerade dabei, seinen monatlichen Bericht an die Studienkommission für die Gesellschaft für den Bau der Eisenbahn Eskischehir – Konia GmbH zu verfassen, und gar nicht erfreut über die überraschende Störung. Eine Kutsche kam herauf aus Kayseri. Na und? Was ging ihn das an? Er scheuchte Omar aus seinem Arbeitszimmer.
Читать дальше