Allerdings war nach der Ankündigung des Projektes ein Streit darüber entbrannt, was unter dem Begriff „verbindlicher Synodaler Weg“ denn nun eigentlich zu verstehen sei. Das liegt daran, dass es für Beratungen und Entscheidungen in der katholischen Kirche eine Reihe von Versammlungsformen mit jeweils unterschiedlicher Verbindlichkeit gibt. Diese folgen bestimmten Regeln und Abläufen und sind im Kirchenrecht genau festgelegt. Auf Weltkirchenebene gibt es zum Beispiel Bischofssynoden, die den Papst zu bestimmten Themen beraten. Wenn hingegen auf Ebene der Kirche eines bestimmten Landes Bischöfe zu Beschlüssen zusammentreten, wird dies Partikularkonzil oder auch Nationalkonzil genannt. Damit deren Vorschläge oder Beschlüsse rechtskräftig werden können, müssen sie in der katholischen Kirche grundsätzlich vom Papst abgesegnet werden. Die bisherigen Formate passten für den Synodalen Weg alle nicht, und je mehr man über das Projekt erfuhr, desto verwirrender wurde es: Hatte das Ganze nicht den Zuschnitt eines Konzils? Wie verbindlich sollte es werden? Ging es nur um Beratungen oder auch um Entschlüsse? Diese Diskussion schlug ebenso in der Weltkirche Wellen. Kardinal Marx bemühte sich in der Vorbereitungsphase des Synodalen Weges um eine Eingrenzung. Der Synodale Weg sei „keine Synode im klassischen kirchenrechtlichen Sinn“, die Veranstaltung bewege sich „aber auch nicht außerhalb des Kirchenrechts“, erklärte er Journalisten. (1) Die deutschen Bischöfe hätten für den Reformdialog bewusst keines der üblichen Formate gewählt, man wolle den Synodalen Weg als „eigenen Prozess“ verstanden wissen, erklärte er dem Vatikan. (2) Warum diese Vagheit? Das wurde einen Monat vor dem offiziellen Startschuss deutlich: „Eine Synode bedarf der Zustimmung durch den Heiligen Stuhl, die oft erst nach einem längerfristigen Verfahren erteilt werden kann. Das verlangsamt das notwendige Tempo in der Behandlung der anstehenden Fragen“, schrieb die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Homepage. (3)
Ist der Synodale Weg wieder ein Gesprächsprozess? Ist der Synodale Weg wieder ein Gesprächsprozess? Bereits zwischen 2011 und 2015 haben sich Bischöfe und Laien in Deutschland landesweit zusammengesetzt, um über Herausforderungen ihrer Kirche zu sprechen. In der Tat nennt die Deutsche Bischofskonferenz diesen „Überdiözesanen Gesprächsprozess ‚Im Heute glauben‘“ als einen Wegbereiter des Synodalen Weges. (1)
Ist der Synodale Weg eine zweite Würzburger Synode? Ist der Synodale Weg eine zweite Würzburger Synode? Als einen weiteren Wegbereiter des Synodalen Weges nennen die deutschen Bischöfe die Gemeinsame Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland, also der westdeutschen Bistümer, die von 1971–1975 im Würzburger St.-Kilians-Dom stattfand und deshalb auch „Würzburger Synode“ genannt wird. (1)
Bewahren und Verändern
Gibt es Vorgaben vom Vatikan?
Was sagt Papst Franziskus zum Synodalen Weg?
Frauen in der Kirche – auch im Vatikan ein Thema?
Was hat die Amazonas-Synode mit dem Synodalen Weg zu tun?
Was hat der Synodale Weg mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu tun?
Was kann uns die Bibel zu solchen Fragen sagen?
Der Blick von außen
Wie geht die Evangelische Kirche (EKD) mit so was um?
Gibt es in anderen Ländern auch Synodale Wege?
Die Entscheidungsprozesse
Wie werden beim Synodalen Weg Beschlüsse gefasst?
Warum gibt es eine Geistliche Begleitung?
Wie kann man beim Synodalen Weg mitmachen?
Erwartungen, Ängste, Hoffnungen
Warum wurde der Synodale Weg so heiß diskutiert?
Droht jetzt ein Sonderweg der deutschen Kirche?
Wird jetzt bald der Pflichtzölibat abgeschafft?
Gibt es jetzt bald Diakoninnen und Priesterinnen?
Wird der Synodale Weg die katholische Kirche verändern?
Anhang
Quellenverzeichnis
Linksammlung
Die Autorin
Wie kam es zum Synodalen Weg?
Es kriselt und brodelt in der katholischen Kirche in Deutschland. Mit dem Priestermangel, dem Glaubensschwund sowie Skandalen rund ums Geld und sexuellen Missbrauch hatte sie ja schon länger zu tun. Im Herbst 2018 war dann ein neuer Tiefpunkt erreicht. Laut einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, der ersten bundesweiten Auswertung, lagen bei 1.670 Klerikern Beschuldigungen vor. (1)
Die Rede war von 3.677 durch Missbrauch Betroffenen im Zeitraum von 1946 bis 2014, die Dunkelziffer wurde noch höher geschätzt. Die Studie bescheinigte der katholischen Kirche zudem verheerende Fehler im Umgang mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs. Statt es an der Wurzel zu packen, wurde versetzt, vertuscht und vergeben, wie die kirchlichen Akten zeigten, die ausgewertet wurden. Auch für die jüngere Zeit waren zahlreiche Fälle vermerkt.
Die Bischofskonferenz sprach mit Blick auf diese Ergebnisse von „Erschütterungen“ und einer „Zäsur“ für die katholische Kirche. (2) Die Emotionen schlugen hoch, die Debatte wurde hitziger. Mit der Frauengruppe Maria 2.0 gingen Teile des katholischen Kernmilieus auf die Barrikaden, andere Menschen wandten sich ganz von der Kirche ab. Kritik kam jetzt zunehmend auch aus der Kirche selbst, und der Ruf nach grundsätzlichen Reformen wurde lauter. Diskussionen über klerikale Macht und „Risikofaktoren“ für Missbrauch in der Kirche, über mehr Mitsprache für Laien und Frauen gewannen an neuer Fahrt. Vor dem Hintergrund immer neuer Enthüllungen auch in anderen Ländern der Welt und in höchsten kirchlichen Kreisen geriet das System Kirche zunehmend ins Visier. Angesichts der offenbar gewordenen Vertuschungen war der „Verdacht entstanden, die Kirche diene nur ihrem eigenen Vorteil und der Sicherung ihrer Macht“, brachte der päpstliche Missbrauchsbeauftragte Pater Hans Zollner dies auf den Punkt. Die Kirche müsse jetzt „über ihre jahrzehnte- und jahrhundertelang eingeübten Denkmuster streiten. Keine Beschäftigung mit dem Einzelfall und kein päpstliches Machtwort kann das ersetzen“, so der Jesuit, der im Februar 2019 eine internationale Kinderschutzkonferenz im Vatikan ausrichtete. (3)
Fehlendes Vertrauen in die Kirche
Mehr als 200.000 Menschen traten 2018 in Deutschland aus der katholischen Kirche aus. Es war die zweithöchste Zahl seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Bis 2060 könnte sogar die Hälfte der Kirchenmitglieder wegbrechen. (4) Eine Ursache dafür dürfte der sexuelle Missbrauch sein. Das Vertrauen in die Kirche hat sehr gelitten. Der Gemeinwohlatlas 2019 zeigt wie sehr, laut dem die katholische Kirche aktuell auf Platz 102 liegt, das ist ziemlich weit hinten und knapp vor dem Deutschen Fußballbund. (5)
Ein Weg der Erneuerung und Umkehr
Vom Missbrauchsdebakel und dem Aufruhr im Kirchenvolk umgetrieben beschlossen die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung 2019 in Lingen einen „verbindlichen Synodalen Weg“. (6) Angesichts der „schweren Krise“ der Kirche setzen sie sich ab Dezember 2019 mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zusammen, um über kirchliche Reformen zu sprechen. Dabei wird im Rahmen einer strukturierten, zunächst zweijährigen Debatte über Macht und Ämter in der Kirche, Priester, Sexualmoral und die Beteiligung von Frauen und Laien diskutiert. Grundsätzlich geht es um einen „Weg der Umkehr und Erneuerung“, heißt es in der Präambel zum Synodalen Weg. Dabei setze man auf das „große Engagement aller, die in der Kirche aktiv mitarbeiten“. (7)
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