»Wie geht es dir?«, fragte er leise.
Und erst seine Stimme … die einst so wunderbare Dinge gesagt, geflüstert, geraunt hatte. Ihr Blick wanderte von seinen Augen, die jetzt logen, zu seinem Mund, der jetzt nicht mehr lächelte. Sie wollte ihm nicht antworten. Was sollte sie ihm auch sagen? Die Wahrheit verdiente er nicht mehr und schwindeln wollte sie nicht.
Um die Erwiderung kam Rosa herum, weil ein neuer Wechsel anstand. Gabriel übergab sie an Edward und tanzte mit der Rothaarigen weiter. Noch immer lachte er nicht.
Als das Musikstück endete, gab Edward dem König ein Zeichen, woraufhin der sich zu seiner Gemahlin beugte, ein paar Worte mit ihr wechselte und die Musiker dann aufforderte, die Instrumente schweigen zu lassen.
Rosa ahnte, was folgte. Ausgerechnet jetzt.
Als Edward ihre Hände nahm und vor ihr auf die Knie ging, bildeten die Gäste einen Kreis um sie.
Alles in ihr sträubte sich gegen das scheinbar Unvermeidliche, doch sie konnte das nicht tun! Edward die Blamage ersparen wollend, versuchte sie, ihm ihre Hände zu entziehen, doch er hielt sie fest. Auch ihr beschwörendes Flüstern deutete er falsch und begann zu sprechen: »Meine liebe Rosa, treue Freundin in all den Jahren meines Lebens. Ich bitte dich heute, meine Gefährtin auch für den Rest unserer Zeit zu sein und mein Königreich an meiner Seite zu regieren. Erweise mir die Ehre, meine Gemahlin zu werden.«
Rosa begann zu weinen, und was alle für Tränen der Rührung hielten, war in Wirklichkeit das Zeichen tiefster Verzweiflung. Mucksmäuschenstill war es im Saal. Ihr Ja wollte man hören. Stattdessen hörte man ihr Schluchzen, woraufhin sich die ersten zu wundern begannen, ob die Rührung so groß sein konnte.
Noch immer kniend sah Edward zu ihr auf. Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund, und in seinen Augen stand nicht der leiseste Zweifel. Liebte er sie auch nicht, wie ein Mann eine Frau lieben sollte, so war er dennoch bereit, diesen Schritt zu gehen. Doch Rosa war das nicht. Sie schluchzte noch einmal und löste eine Hand aus seiner, um sie an ihre Brust zu legen und ihr Herz zu beruhigen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir leid, Edward, aber ich kann nicht.«
Überraschung flackerte in seinen Augen, doch dann verdunkelten sie sich vor Enttäuschung. Er stand auf, fragte nicht nach dem Grund für ihre Entscheidung, sondern suchte ihn noch einen Moment in ihrem Blick. Ob er ihn erkannte oder nicht blieb ungewiss, denn ohne ein weiteres Wort gab er ihre andere Hand frei, wandte sich ab und verließ den Saal.
Rosas Vater erhob sich vom Thron. »Ich erkläre diesen Ball für beendet«, dröhnte seine Stimme über das anschwellende Raunen hinweg. »Rosa, dich möchte ich sofort sprechen.«
Sie sah zu ihm hin, doch sein Zorn war ihr gleich. Auch das leidvolle Gesicht ihrer Mutter rührte sie nicht. Sie wollte niemanden sprechen und niemanden sehen. Sie wollte allein sein, ganz allein. Also raffte sie ihren nachtblauen Rock und wollte aus dem Saal stürmen, stieß auf ihrem Weg hinaus jedoch mit Gabriel zusammen.
Er fasste sie bei den Armen, hielt sie fest und wollte etwas sagen, doch sie riss sich von ihm los, hob beschwörend die Hände.
»Verkünde es vom Schlossturm!«, presste sie hervor. »Schreib es in den Himmel! Sag allen, dass ich glücklich war, dass mein Herz gebrochen und meine Wunde unheilbar ist.« Mit Mühe hielt sie ein Schluchzen zurück. »Sag ihnen, dass alles, was wir uns erträumt haben, ein Traum bleiben wird!«
Damit wandte sie sich um und rannte davon. Tränen verklärten ihre Sicht, als sie durch die Flure des Schlosses hastete, durch den Wintergarten und in den vom Mondlicht in ein Silber getunkten Garten. Der Brunnen war ihr Ziel gewesen, doch dort angelangt, lief sie weiter – plötzlich angetrieben von einem Gefühl, für das sie keinen Namen fand. Die sonst immer verschlossene Tür in der Schlossmauer stand offen, was sie zwar wunderte, aber nicht stoppte.
Als der Turm in Sicht kam gesellte sich Angst zu ihrer Verzweiflung. Eine Ahnung drängte sie, anzuhalten und umzukehren, doch sie kam nicht an gegen das, was die Führung über ihren Geist übernommen zu haben schien. Vor dem Turm gelang ihr der Stopp. Er war so abrupt, dass sie stolperte und beinahe fiel, doch sie fing sich und betrachtete, um Atem ringend, was sie da vor sich hatte: Der Turm war von Rosen eingeschlossen, deren Blüten und Blätter in der Dunkelheit schwarz glänzten. Der Wind ließ sie wispern, und in manchem Augenblick war es ihr, als sprachen sie mit ihr, als riefen sie sie herbei. Rosa wollte zurückweichen, konnte sich aber nicht von der Stelle rühren. Eine Gänsehaut kroch von ihrem Nacken bis zu ihren Fersen, weil sich die Pflanzen teilten und eine Tür freigaben, die mit einem Knarren aufschwang.
Wieder war da dieser Drang, weiterzugehen. Sie wollte nicht, wollte nur noch in ihr Zimmer, sich die Bettdecke über den Kopf ziehen und diesen schlimmen Abend vergessen, dennoch ging sie durch die Tür, hinter der düsteres Licht flackerte. Erzeugt wurde es von beinahe vollständig heruntergebrannten Kerzen, die auf jede zweite Stufe einer schmalen Steintreppe gestellt worden waren. Höher und höher wand sich die Treppe in den immer schmaler werdenden Turm und mündete in einem runden Zimmer, das nur ein einziges Fenster besaß und vollkommen leer war.
Rosa erschrak, als aus einer dunklen Ecke eine Gestalt trat. Eine Frau war es, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten gewesen wäre, hätte in ihren Augen nicht ein so kalter Ausdruck geschimmert. Hilfesuchend blickte Rosa über die Schulter zurück, wohl wissend, dass niemand in der Nähe war, der ihr zu Hilfe eilen konnte. Hilfe, die sie dringend benötigte, denn dies hier – da war sie sich sicher – würde kein gutes Ende finden. Wieder tat sie einen unfreiwilligen Schritt nach vorn, gefolgt von noch einem und einem weiteren.
Die Frau lächelte und hob den Arm. Was sie in der Hand hielt, brachte Rosas Puls zum Rasen. Eine Rose.
»Nein«, flüsterte sie. »Ich will sie nicht.«
Nur noch ein Schritt trennte sie von der Frau, und sie tat ihn, streckte die Hand aus.
»Ich will sie nicht!«, sagte sie abermals, diesmal in flehendem Ton, allerdings hatte sie die Kontrolle über ihre Handlung gänzlich verloren.
Vor Furcht zitternd nahm sie die Rose, umschloss ihren Stil mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger und keuchte, als sich ein Dorn in die Haut ihres Daumens bohrte. Sie ließ die Blume los, sah sie fallen – was unendlich langsam zu geschehen schien, als flösse die Zeit mit einem Mal zäher. Ohne jeden Laut prallte die Rose auf den Dielen auf und verlor ein paar Blütenblätter.
Rosa wurde schwindelig. Sie legte eine Hand an die Stirn, die seltsam kühl war, dann schwand die Kraft aus ihren Beinen und ihr Körper klappte zusammen. Ihre Lider wurden schwer. Das Atmen kostete sie Mühe. Schwärze zog um sie auf.
Das letzte, was sie hörte, war die Stimme der Frau.
»Schlaf gut, Dornröschen!«, höhnte sie. »Ewig wirst du warten auf den Kuss der wahren Liebe.«
Ein neuer Mond stand längst am Himmel, da drang die merkwürdige Kunde in alle Länder. Von einem Schloss war die Rede, das von einer dichten Rosenhecke umgeben war, die niemand zu durchdringen vermochte. Zahlreiche Bauern und Händler, die den Hof überlicherweise mit ihren Gütern belieferten, hatten es versucht und dabei ihr Leben gelassen. Sie waren von den Dornen der Pflanzen gefangen genommen und nicht mehr freigegeben worden.
Als Prinz Edward davon erfuhr, wusste er sogleich, dass sich die Prophezeiung erfüllt hatte. Rosa hatte sich an einer Rose gestochen und schlief nun. Dass die Hecke den Versuch sie aufzuwecken verhindern sollte, war weiter anzunehmen, doch er würde sich gewiss nicht von einer Pflanze aufhalten lassen. Hatte sie ihn auch zurückgewiesen, so stand es doch in seiner Pflicht, sie zu befreien. Ein Kuss war hierzu erforderlich, den sie von ihm natürlich bekommen würde. War sie erst wieder wach, konnte sie tun und lassen, was sie wollte – vielleicht dachte sie dann noch einmal darüber nach, seine Gemahlin zu werden. Befreit von der Befürchtung, dass er ihr bloß einen Gefallen tun wollte. Er hatte sie nämlich wirklich sehr gern. Wie konnte er auch nicht, wo er sie doch so lange schon kannte?
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