Oben auf dem Ofen liegt ein Paar Strümpfe. Von den langschäftigen grauen sind es, wie Hans Harder sie trägt. Sie sind am Tage in den Stiefeln feucht geworden und sollen nun trocknen. Daneben liegt die Handvoll Stroh, die Hans jeden Morgen in die Stiefel legt, um warme Füße zu haben. Unter dem Ofen sieht der Stiefelknecht hervor.
Die Strümpfe plieren an Johann Peters vorbei zu ihrem Nachbar hinunter. „Gestern abend konnten wir dich besser sehen“, sagen sie, „nun geht es bloß dann ganz gut, wenn der alte Krübbensetter sich da unten einmal nach rechts hinüberlegt. Was soll das überhaupt? Weshalb bleibt er nicht, wo er zu Hause ist, anstatt geplagten Wesen das Leben sauer zu machen? Es ist ein Elend. Wir möchten ihm mal auf den Kopf fallen. Das würde helfen. Naß genug sind wir dazu.“
Der Stiefelknecht knurrt. „Da sitzt er nun und döst vor sich hin und tut den Mund nicht auf. Den ganzen Tag hat man hier zu liegen und zu warten, ob es Hans Harder nicht paßt, einem den Mund voll Dreck zu schmieren. Und am Abend, wenn man endlich an sich selber denken kann, ein Stündchen über sich und die große Welt nachsinnen und sich dem Edlen hingeben will, dann kommt Johann Peters, spuckt einem fast auf die Nase und tritt einem in die Zähne.“
„Ja, ja“, sagen die Strümpfe, „du hast es noch schlimmer. Uns läßt er immerhin noch in Ruhe und kommt uns nicht zu nahe, wenn es auch schon schlimm genug ist, so von der Aussicht auf alle möglichen Dinge abgeschnitten zu werden. Gott, eben war da eine Maus. Wir meinen ganz bestimmt, daß wir ihre Schwanzspitze gesehen haben. Nun ist sie wieder unter Johann Peters Stuhl verschwunden. Ist das nicht ein Jammer? Wenn man doch bloß ein wenig Aussicht hätte.“
„Nein, eine Maus war das nicht. Und wenn es auch eine gewesen wäre, so schlimm ist es doch nicht, wenn einem die Aussicht auf Mäuse genommen wird.“
„Du bist ein Grobian“, sagen die Strümpfe, „und verstehst es aus deiner ewigen Ofenecke heraus nicht. Wir dagegen sind bestimmt, überall, wo etwas ist und wo nichts ist, zuerst hinzukommen und alles aus erster Hand zu beobachten. Da muß es uns ärgern, wenn Johann Peters uns dies Recht nehmen will.“
Nun lacht der Stiefelknecht. „Überall zuerst hin? In Stiefeln, ja.“
Dieser heimtückische und hinterlistige Angriff auf ihr wohlbegründetes Selbstbewußtsein läßt sie zornig schweigen. Sie kümmern sich nicht mehr um ihren Nachbarn da unten, dem Johann Peters von Zeit zu Zeit scharf an der Nase vorbeispuckt.
Von den Menschen im Zimmer hat keiner dies kleine Gespräch gehört. Ihre Ohren sind schon zu hart dazu. Sie schweigen; und ihre Gedanken ziehen langsam wie Wolken an ruhigen Abenden. Tick-tack, tick-tack, so macht die alte Standuhr. Und so machen auch die Seelen Hans Harders, Jörn Helwigs und Johann Peters’; einmal hierhin, einmal dorthin; einmal wiegt sie nach links, und damit sie nicht aus dem Gleichgewicht herausfällt, wiegt sie gleich darauf auch einmal nach rechts. Den Zeiger der Uhr kann man genau verfolgen, nichts ist verborgen; wenn er geht, das hört und sieht man, und wenn er nicht mehr gehen mag, das wird man auch gewahr. Ist es mit der Seele Hans Harders, Jörn Helwigs und Johann Peters’ nicht auch so? Sie umschließt einen kleinen, genau vorgeschriebenen Kreis, geht, wenn sie ihn durchläuft, immer vom selben Punkt aus und läuft nie in verkehrter Richtung.
Hans Harders Freunde brauchen mit dem Munde nicht mehr zu sprechen. Die Gedanken erzählen miteinander. Einmal in jeder Woche sitzen sie hier, im Sommer und Winter, und besuchen Hans Harder. Sie erzählen den ganzen Abend und sprechen doch nur zehn Worte miteinander. Und wenn die Menschen einmal ganz schweigen, dann sprechen die Steine. –
Ursch legt den Strumpf auf den Tisch; er ist fertig. „So, Hans, nu hest en Poor nie Strümp.“
„Nu kannst up Söcken lopen, Hans“, sagt Jörn Helwig.
Johann Peters steht auf. „Is lat worden, Hans; nu möten wie tau Klapp. Ward hoch Tied.“
Sie freuen sich im Innern herzlich über den schönen Abend, den sie wieder mit ihrem Hans hatten. Sie haben über die Neuigkeiten gesprochen, die sich im Dorfe und in der Gemeinde zugetragen haben, über Krieg und Frieden, über Krankheit und Tod, über das Heranwachsen des jungen Geschlechts. Und sie haben wie richtige Schwerenöter obendrein auch noch mit Ursch Harder geschäkert.
„Wer wedder schön bi di vanabend, Hans“, sagen sie; „gode Nacht, Hans! Gode Nacht, Ursch!“
Und Hans Harder sagt: „Gode Nacht! Wie willen bald wedder en beten vertellen, Jörn. Hest hürt, Hans? Passiert doch ümmer wat.“
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