Wenn es am Abend oder in der Nacht an Doris Schröders Fenster: tock – tock! machte, dann wußte sie, daß Hanna Wienk es war, die plötzlich klopfte. Sie zog sich an, ging zu ihr, die im Armeleutekaten rechter Hand vom Teich wohnte, und blieb eine Stunde oder zwei bei ihr. Hanna Wienk saß dann am Tisch, einen Korb am Arm, das große, blaugewürfelte Tuch umgeschlagen wie eine, die eine Reise machen oder für immer fortgehen will. Sie hatte das auch gewollt. Sie war wirklich auf dem Wege gewesen. Und sie hatte dann doch wie stets den Weg an Doris Schröders Fenster vorüber genommen, hatte – obwohl ihr das innerlich widerstrebte – den Finger krumm gemacht und hatte damit an der kleinen, runden Scheibe: tock – tock! gemacht. Und darauf war es wie eine Erleuchtung über sie gekommen, sie hatte plötzlich gewußt, wer und wo sie sei und wohin sie in dieser Nachtstunde gehöre, und war wieder umgekehrt, saß nun und erwartete Doris Schröder.
Die aber stand vor ihr am Tisch und schalt und sagte ihr in lauter Sprüchen aus Hiob und Weisheit Salomonis, was über solche Torheit gesagt werden mußte. –
Hanna Wienk ging schon als junges Mädchen mit ganz tiefen Augen, in denen verhaltene Lichter brannten, unter den Menschen. Der, den man zwischen dem Hohen Ende und dem Brink nur mit einem guten und starken Spruch zusammen nennt, folgte ihr in allen ersten Vollmondnächten, wohin sie auch ging.
Als sie ihn das erste Mal sah, da saß er am Wasserloch hinter dem Brink. Er saß auf einem alten Weidenstubben; die Beine steckten in gelben Stulpenstiefeln; er rauchte auf einem Ende eines Hirschgehörns. Dürr und mit krummem Rücken, aber mit grinsendem Gesicht saß er da. Seinen Leib hatte er frech hingespreizt, so daß Hanna Wienk sich die Augen bedecken mußte; und er sagte zu ihr: „Schlage mich, ich schlage dich wieder.“
Und mit diesem Spruch verfolgte er sie dann ihr ganzes Leben lang. Denn sie blieb unbegeben, unverheiratet, und keiner weiß, wie es gekommen wäre, wenn sie einen Mann und vielleicht ein paar Kinder gehabt hätte. So aber mußte sie alles allein abmachen.
Oft, wenn Hanna Wienk gar nicht an ihn dachte, stand er plötzlich neben ihr: auf der Wiese beim Heuen, am Brink auf der Bleiche, in der Stube beim Stricken; ja, er stand wohl plötzlich im Garten, wenn sie Kartoffeln aufgrub, auf dem Bülten, auf der Kartoffelstaude, klatschte auf seinen Leib und sagte: „Schlage mich, ich schlage dich wieder.“ Durch diese ewige Plage bekam Hanna Wienk irre Augen und ein Gesicht, das zuweilen häßlich war. Wie hätte es auch anders sein können? Alle auf dem Dorfe wußten, woran sie litt, und verstanden sie.
Zuweilen meinte sie, ihr bliebe nur ein Sprung in ein tiefes Wasser, und danach müsse es gut sein. Sie band ihr Umschlagetuch um den Kopf und ging auf die Straße. Aber wenn sie dann an Doris Schröders Fenster vorbeiging, konnte sie doch nicht weiter. Das lag eigentlich nicht an Doris. Alle im Dorfe wußten es, und Mina Wreth erzählte es zuweilen – nur Doris selbst sprach nie darüber –, daß Hanna Wienk Heinrich Schröder sehr geliebt habe, als sie beide noch jung gewesen seien. Aber Hanna Wienk habe sich ihm verweigert, als er sie einmal an einem Abend nach einer Tanzmusik nehmen wollte. Und da sei er am selben Abend noch zu Doris Thieß gegangen, und bei der habe er es besser gehabt. Und nun sagte Mina Wreth es ziemlich laut, daß Hanna Wienk eigentlich nach ihm klopfe, wenn sie so sehr von dem andern – „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ – geplagt würde.
Nun, Mina Wreth sagt manches. Heinrich Schröder hat damals jedenfalls Doris Thieß geheiratet. Und wenn seine Doris nun an solchen Abenden zu Hanna Wienk geht, dann tut sie es ganz gewiß deshalb, weil ihr Heinrich es gern sieht, wenn sie an der armen Hanna ein gutes Werk tut; aber er schläft, wenn sie geht, und er schläft ganz gewiß auch noch, wenn sie zurückkommt. Dafür nimmt Doris dann Hiob und den König Salomo mit; und das sind gute Nothelfer.
Die Leute im Dorf sagten: „Hanna Wienk hat den Zwang.“ Und sie begriffen nicht, warum sie den andern – „Alle guten Geister“ – nicht schlage, wenn er sie doch zum Schlagen auffordere.
Einmal aber muß die Stunde gekommen sein, in der Hanna Wienk es nicht mehr zu tragen vermochte. Es war ganz helle Mondnacht, in der das folgende geschah: Doris Schröder hörte unter ihrem Fenster einen lauten Schrei, noch einen; und sie sagte es später oft zu ihrem Mann, daß sie auch ganz deutlich von der Stimme wie im größten Jammer seinen Namen, den Namen: Heinrich! Heinrich!, gehört hätte. Heinrich Schröder aber hat zu dieser ihrer Rede nichts gesagt; und sie hat das auch für sich behalten, um Mina Wreth nicht noch mehr Anlaß zu ihren Reden zu geben. In jener Nacht ist sie jedenfalls schnell aufgestanden, hat sich das Nötigste umgeworfen und ist, während ihr Heinrich schlief, schnell nach draußen gegangen. Und da hat sie Hanna Wienk auf der Erde liegend vor ihrer Türe gefunden. Nur ein Hemd hat sie auf dem Leibe gehabt, aber sie ist doch heiß wie von Feuer gewesen. Sie hat sie aufgehoben und in ihre Kate getragen, und dabei hat sie von ihren Lippen ganz deutlich wieder: Heinrich! gehört. Im übrigen redete Hanna Wienk irre und lallte wie ein kleines und hilfloses Kind.
Im Dorf hat man es sich später so erklärt: Hanna Wienk ist in dieser Nacht wieder in einer großen Plage gewesen. Sie hat es nicht aushalten können und ist, so wie sie aus dem Bett aufgesprungen ist, auf die Straße gelaufen. Aber der Verfolger ist bei ihr geblieben; und da hat sie in größter Not wohl einen Stein, einen Stock genommen und hat – „schlage mich, ich schlage dich wieder“ – zugeschlagen. Und daraufhin ist sie niedergefallen.
Hanna Wienk ist nicht wieder gesund geworden. Man fand am nächsten Tage an ihrer linken Schläfe ein kleines Mal wie von einem Fingertupf. Das war das Zeichen. Sie ist einige Monate später an Gesichtskrebs gestorben.
„Sie hat den Zwang“, sagten die Leute und erzählten sich ihre Geschichte so, wie es hier getreu nacherzählt ist. –
Ihr Menschen von heute, ob wir die Geschichte einer Menschenschwester, die unter uns lebt und die leidet, wie Hanna Wienk litt, auch so tief, so richtig und so zart erzählen können, wie die Alten die Geschichte der Hanna Wienk erzählten?
Ihr dürft nicht denken, daß, wenn die Alten erzählten, das ein regelloses, plätscherndes Geplauder gewesen wäre. Die Rede eines Winterabends am grünen Ofen im Zuhause zwischen dem Hohen Ende und dem Brink war voll Kunst und Weisheit aufgebaut. Sie war wie eine Wanderung auf einen Berg. Schwer geht es hinauf; aber wenn man auf dem Gipfel steht, dann sieht man die liebliche Ebene. Ernst war das Gespräch im Anfang, handelte von Krankheiten des Leibes und bitteren Nöten der Seele; aber danach kam Fröhlichkeit auf, kam mit dem breiten Lachen des Genießers oder dem listigen, augenzwinkernden Lächeln des Spötters. Wie arm sind wir doch, daß wir Bücher und Bücher lesen müssen, und werden nicht klug und dürfen nicht einmal, nicht einen Winterabend lang, zuhören einem der alten Erzählermeister.
Denke einmal, du wärest wieder jung, lägst im Schragen neben dem grünen Ofen und hörtest etwa Johann Peters, dem großen Johann Jürn vom Hohen Ende, zu. Der Abend ist dahin. Ernst ist die Rede gewesen, Hanna Wienk hat man ins Grab gelegt: „Es hat dem allmächtigen Gott gefallen, unsere Schwester zu sich zu nehmen von dieser Zeitlichkeit in die Ewigkeit.“
„Ja, so hat der Pastor gesprochen, an diesem Grab wie an jedem. Aber das Wort ‚gefallen‘ bringt mich auf etwas, davon muß an diesem Abend noch berichtet werden. Das gibt einen guten Traum für die Nacht“ – so spricht Johann Jürn. Und seine Rede geht nun von Hans Rohwedder.
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