1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Ich zuckte mit den Achseln. »Kein Ahnung«, log ich.
Selbstverständlich wusste ich genau, welches Wetter diese Stadt an jedem einzelnen Tag der letzten viereinhalb Jahre gehabt hatte. Ja, die globale Erwärmung bereitete meiner Mutter schon seit geraumer Zeit Probleme, aber die seit einer knappen Woche anhaltenden Stürme und Regengüsse waren dennoch ungewöhnlich. An der See schlug das Wetter normalerweise recht schnell um, so nah an den Kesseln meines Volkes wechselten sich Wolkenbrüche quasi im Minutentakt mit sonnigen Phasen ab und der Wind wehte zwar oft kräftig, aber das hier … So schlimm war es noch nie gewesen. Seit meiner Begegnung mit dem Anderen beschlich mich ohnehin das Gefühl, dass irgendetwas vor sich ging. Etwas Wichtiges, das mit den Hexen zu tun haben musste …
Als der Bus schließlich mit viertelstündiger Verspätung auftauchte und ächzend vor dem Wartehäuschen hielt, schoben wir uns rasch zwischen die anderen Schüler. Unsere Erleichterung über das Auftauchen des Busses hielt sich jedoch in Grenzen, als wir feststellten, dass es im Gedränge des überfüllten Innenraumes kaum noch Sauerstoff gab. Die Scheiben waren bereits komplett beschlagen. Noch dazu stand ich eingequetscht zwischen Fiona und einem Typen aus dem Basketball-Team, sodass ich selbst bei klarer Sicht nicht hätte rausgucken können.
Stattdessen blieb mir nichts anderes übrig, als an der Achsel der Sportskanone vorbei auf den schmalen Gang zwischen den Sitzreihen zu spähen, wo ich schließlich Vivien und Marie entdeckte. Beide waren ziemlich bleich um die Nase und zuckten bei jedem Stoppen und Schlingern des Busses (der Fahrer hatte offenbar Schwierigkeiten, seiner Route zu folgen) alarmiert zusammen. Tatsächlich schienen sie so sehr in ihren Gedanken gefangen zu sein, dass sie nicht einmal den Fünftklässlern um sich herum das Taschengeld abknöpften oder sie wenigstens so lange in die Rippen boxten, bis diese ihnen ihre Sitzplätze überließen.
Als Vivien dann, kurz bevor wir endlich die Schule erreichten, zufällig in meine Richtung schaute, wurde sie noch eine Spur blasser und hakte sich schutzsuchend bei Marie unter. Mit gesenkten Köpfen hasteten die beiden schließlich an mir vorbei ins Freie und ich wollte schon die Verfolgung aufnehmen, um ihnen irgendeine fadenscheinige Geschichte aufzutischen. Zum Beispiel von halluzinogenhaltigen Zigaretten, die ich ihnen gestern bei unserer Auseinandersetzung angeblich untergejubelt hätte oder so.
Doch dann bog ich um die Ecke und verschwendete plötzlich keinen einzigen Gedanken mehr an Marie oder Vivien, sondern blieb vor lauter Überraschung einfach stehen. Genau wie meine Mitschüler, die sich schockiert vor dem Schultor versammelt hatten.
Denn uns bot sich ein Bild der totalen Verwüstung.
Offenbar musste der Schulhof das Zentrum des Sturms gewesen sein. Überall lagen die zerbrochenen Schindeln des zur Hälfte abgedeckten Schuldachs herum, unzählige Bäume waren entwurzelt worden und wie Mikadostäbchen übereinandergepurzelt. Dazwischen ragten Teile der Fensterrahmen und eine aus den Angeln gerissene Tür hervor. Jemand, vermutlich der Hausmeister, hatte das gesamte Gelände notdürftig mit rot-weiß gestreiftem Flatterband abgesperrt. Daran hing ein Schild, auf dem stand, dass der Unterricht bis auf Weiteres leider entfallen müsse und die Sekretärin noch dabei sei, alle Eltern zu benachrichtigen.
In der Ferne war eine Sirene zu hören, die langsam lauter wurde.
»Vielleicht ist irgendwas explodiert«, vermutete ein Junge mit Kopfhörern in den Ohren und Kaugummi im Mund inmitten einer Gruppe Sechstklässler, die sich in einer Traube um das Flatterband gedrängt hatten. »Megacool, es dauert bestimmt Wochen, das alles zu reparieren.«
»Ob Schwimmen im Südbad dann auch nicht stattfindet?«, wollte ein Mädchen zu seiner Linken wissen und schlenkerte einen Sportbeutel.
»Eine defekte Gasleitung?«, überlegte derweil ein anderer Junge. »Oder kann das der Sturm gewesen sein?«
Ich nickte. »Sollte man nicht meinen, oder?«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu den rätselnden Unterstufenschülern. Noch immer starrte ich fassungslos auf das Chaos vor uns. Das konnte doch nicht wirklich passiert sein! Stand denn seit gestern die ganze Welt kopf? Diese Bäume waren jedenfalls nicht einfach nur von einer kräftigen Bö aus dem Erdreich gerissen worden. Ihre Rinden trugen Einkerbungen, wo etwas sie gepackt haben musste. Tiefe Striemen waren das, Spuren von … Klauen!
»Okay«, sagte Louisa zu mir und seufzte. »Wenn wir uns beeilen, erwischen wir den Bus zurück in zwei Minuten.« Fiona hatte sich natürlich längst zusammen mit Jonas aus dem Staub gemacht und auch Louisa hielt nichts an diesem Ort der Zerstörung. »Wie wäre es mit einem zweiten Frühstück und dann legen wir uns noch ein wenig hin?« Sie gähnte und versuchte, mich hinter sich herzuziehen.
Doch ich rührte mich nicht vom Fleck.
Auch nicht, als in diesem Moment unmittelbar hinter uns ein Löschzug der Feuerwehr hielt und die mit Motorsägen bewaffnete Mannschaft kurz darauf begann, alle versammelten Schüler fortzuscheuchen.
»Ich brauche noch ein bisschen frische Luft«, erklärte ich Louisa. »Fahr du ruhig schon, ich komme dann zu Fuß hinterher, ja?«
Louisa hob eine Augenbraue, als wollte sie etwas fragen. Mir war klar, dass ich noch ungesünder als sonst aussehen musste. Doch dann nickte sie und ließ mich los. »Sicher, bis später«, sagte sie. »Aber ruf mich an, falls dir wieder schwindelig wird oder so.«
Einen Herzschlag später verschwand sie in der Menge meiner menschlichen Mitschülerinnen und Mitschüler, die sich nun geballt auf die beiden ramponierten Bushaltestellen um die Ecke zuschoben.
Ich wandte mich erneut dem Unfassbaren zu.
Auch der Asphalt des Schulhofs trug tiefe Kratzspuren und sogar die Fassade war links neben dem Haupteingang zum Teil aufgerissen worden. Dabei schienen sich Tiefe und Breite der Kerben ein wenig voneinander zu unterscheiden, als wären mehrere Donnerdrachen am Werk gewesen. Zwei oder drei, vielleicht sogar vier, überlegte ich, während ich mich über das Flatterband beugte und die Augen zusammenkniff, um die Furchen besser begutachten zu können.
»Junge Dame, das gilt auch für dich«, riss mich einer der Feuerwehrmänner aus meinen Ermittlungen. Ich fuhr herum und sah mich einem imposanten Kerl mittleren Alters gegenüber. »Hier ist es nicht sicher. Der Rest des Dachs könnte jeden Moment einstürzen. Also ab mit dir«, erklärte er. »Außerdem brauchen wir Platz zum Arbeiten.«
»Ach so«, entgegnete ich. »Natürlich, äh, Entschuldigung. Dann werde ich mal …«
Mein Gestammel ging im Aufheulen seiner Motorsäge unter und ich brachte ein paar Schritte Abstand zwischen mich und die Absperrung. Für einen Moment tat ich sogar so, als wollte ich ebenfalls zum Bus gehen … Ich versicherte mich mit einem raschen Blick über die Schulter, dass der Typ mir nicht nachsah. Im nächsten Augenblick hechtete ich bereits zwischen zwei einsame (und seit heute Nacht noch dazu schrottreife) Autos auf dem Lehrerparkplatz. Durch eine zerbrochene Windschutzscheibe beobachtete ich, wie ein paar der Feuerwehrmänner weiteres Equipment abluden und Warnschilder aufstellten, während andere sich bereits mithilfe ihrer Motorsägen einen Weg auf das Gelände zu bahnen versuchten.
Schon bald würden die Spuren der Nacht unkenntlich sein, ich würde mich also ranhalten müssen. Mit der einen Hand zog ich das Haargummi um meinen hoffnungslos zotteligen Zopf fester, mit der anderen fuhr ich mir über die Augen, so als könnte ich dieses ganze Durcheinander einfach fortwischen. Als wäre das alles bloß ein weiterer wirrer Albtraum. Aber das war es nicht. Ich blinzelte und die Lage veränderte sich kein bisschen. Noch immer entdeckte ich überall um mich herum Hinweise auf Donnerdrachen. Wütende Donnerdrachen, um genau zu sein.
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