Aber das konnte natürlich nicht sein. Ich erinnerte mich an jede Einzelheit jener schrecklichen Nacht und der Ostwind war nicht –
Ich hastete weiter in die Tiefe. Obwohl ich diesen Traum bereits viele Male geträumt hatte, konnte ich nicht anhalten. Sosehr ich auch versuchte, auf den Absätzen meiner samtenen Pantöffelchen kehrtzumachen, den Kerkern den Rücken zuzuwenden und einfach weiter die Prinzessin zu sein, die mein Volk sich wünschte – es ging nicht. Als würde ein unsichtbares Band mich weiter und weiter voranziehen. Als wäre die Erinnerung an damals unausweichlich.
Vermutlich wollte irgendetwas in meinem Innern mich dazu zwingen, meine dunkelste Stunde wieder und wieder und wieder zu erleben. Und nun hatte sich wohl auch noch die Stimme des Ostwindes vorgenommen, mich zu schikanieren. Na super!
Unaufhaltsam bahnte ich mir also auch heute meinen Weg durch das Labyrinth aus Zellen und Wachstuben, in dem es weder Quallen noch andere Lichtquellen gab. Stattdessen hing der Geruch von Verzweiflung in der stickigen Luft und das Rauschen der See klang hier unten seltsam dumpf und bedrohlich.
Wie grauenhaft musste es sein, sein gesamtes Leben in einer dieser Zellen zu verbringen!
Eine Gänsehaut kroch über meinen Nacken, während ich mich zum gefühlt tausendsten Mal am schlaksigen neuen Lehrling des Kerkermeisters vorbeischlich, der in einer Ecke jenes finsteren Gangs eingenickt war und leise schnarchte. Jenes Gangs, an dessen Ende ein seit Generationen gequälter Gefangener darauf hoffte, von mir befreit zu werden …
Was ich da tat, war natürlich Hochverrat. Sogar viel mehr als das.
Aber ich konnte es nicht länger zulassen.
Eilig raffte ich meine Röcke noch ein bisschen mehr zusammen, um sie am Rascheln zu hindern, und beschleunigte meine Schritte. Das verbotene Verlies lag vor mir und schließlich griff ich nach dem Amulett der Winde und schob es in das erste der zahlreichen Schlösser. Es ließ sich tatsächlich wie ein Schlüssel darin herumdrehen. Schon vibrierte der Boden unter meinen Füßen.
Ich hasste dieses Gefühl, hasste diese Erinnerung. Mein Unterbewusstsein würde mir wieder einmal alles haarklein vor Augen führen: wie ich die Tür öffnete und das Orakel befreite. Wie ich dabei versehentlich die Schutzflüche Ihrer Majestät aktivierte und eine Kettenreaktion auslöste, die den halben Kerker in Schutt und Asche legte. Und natürlich auch, wie das Amulett der Winde bei alledem irgendwie abhandenkam.
Ich umklammerte den Talisman mit beiden Händen, gerade so, als bestünde noch eine Chance, ihn meiner Mutter zurückzugeben.
Da ertönte plötzlich ein weiteres Geräusch, das es zuvor in keinem meiner Träume gegeben hatte: Es war ein Knall, und zwar ein so lauter, dass ich erschrocken aus dem Schlaf fuhr. Fröstelnd blinzelte ich in die Dunkelheit.
Dies war definitiv die Menschenwelt und nicht der düstere Palast von Atlantis. Ich lag in meinem Bett in der WG, kein Zweifel. Bloß, wieso war es so kalt?
»Ist alles in Ordnung?«, rief Louisa von nebenan.
»Mir geht’s gut«, murmelte ich, noch immer verwirrt und frierend und –
»Krasser Sturm, was?«, fuhr Louisa fort. »Ist irgendwas bei dir kaputtgegangen?«
»Äh …« Noch einmal blinzelte ich, dann fiel mein Blick auf das Fenster und ich war endgültig wach.
Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, im nächsten Moment lehnte ich mich bereits über das Fensterbrett in die Nacht hinaus und angelte nach dem Griff. Die Scheiben klirrten, als ich den Flügel wieder zuzog, während eine weitere Bö daran zerrte.
»Der Wind hat bloß mein Fenster aufschlagen lassen«, erklärte ich Louisa durch die Wand. »Aber ich hab’s wieder geschlossen. Alles okay.«
»Und mein Besuch soll gestern zu laut gewesen sein?«, beschwerte sich derweil Fiona durch die Wand der gegenüberliegenden Zimmerseite, während Andreas plötzlich in meiner Tür stand und mir mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht leuchtete.
»Was ist hier los?«, wollte er wissen. Er trug einen gestreiften Schlafanzug und Badeschlappen und schien wild entschlossen, jedweden männlichen Gast mitten hinaus ins Unwetter zu treiben.
»Sorry«, murmelte ich. »Der Wind.« Ich nickte in Richtung des uralten Fensters, gegen das nun prasselnder Regen peitschte.
»Aha.«
Andreas ließ den Lichtkegel der Taschenlampe zur Sicherheit trotzdem noch einmal durchs Zimmer gleiten, schaute in alle Ecken und kurz sogar unters Bett (zum Glück nicht bis in die hinterste Ecke, wo Bos Goldfischglas stand), dann endlich verzog er sich wieder und ich warf mich erschöpft zurück in die Kissen.
Wenigstens das Wetter da draußen war kein weiterer Grund zur Aufregung. Nur ein kleiner, allenfalls ein mittlerer Sturm, nichts Ungewöhnliches in dieser Region.
Aber der Wind kam in dieser Nacht eindeutig von Osten und in seinem Wispern und Summen und Heulen schien tatsächlich so etwas wie eine Warnung zu liegen.
Am nächsten Morgen kämpfte ich volle zehn Minuten mit meinem Haar. Die Strähnen hatten sich über Nacht dermaßen ineinander verknotet, dass ich mich wieder einmal fragte, warum ich mich nicht endlich von ihnen trennte. Ich betrachtete mein bleiches, spitzes Gesicht im Badezimmerspiegel, während ich versuchte, einen halbwegs ordentlichen Pferdeschwanz zu binden.
Eigentlich war ich rotblond, doch natürlich wäre diese Farbe viel zu auffällig. Eine derart helle, bis fast zur Hüfte reichende Mähne wäre quasi einem Leuchtfeuer gleichgekommen und hätte meine Verfolger sicher im Handumdrehen auf mich aufmerksam gemacht. Also hatte ich schon kurz nach meiner Ankunft an der Oberfläche zu einem Haarfärbemittel gegriffen und damit nicht nur meinen Schopf, sondern auch meine Brauen in einen kräftigen Ebenholzton getaucht. Doch die Farbe stand mir nicht wirklich, sie ließ mich blass aussehen wie eine wandelnde Leiche, fand ich manchmal. Wenn ich hingegen einen rötlichen Kurzhaarschnitt trüge –
»Brauchst du noch lang?« Louisa klopfte an die Badezimmertür. »Der Bus kommt gleich und ich muss mal.«
Seufzend gab ich es auf und legte die Bürste beiseite. Solange mich niemand erkannte, war es sowieso egal, wie ich aussah, oder? Ich räumte meinen Platz vorm Waschbecken.
Kurz darauf hasteten Fiona, Louisa und ich zur Haltestelle am Ende der Straße. Wir waren alle drei keine Frühaufsteherinnen und um diese Uhrzeit daher meistens etwas miesepetrig drauf. Dass der Bus heute auch noch auf sich warten ließ, machte es leider nicht besser.
»Toll, da hätten wir gar nicht so zu rennen brauchen«, beschwerte sich Louisa.
Wir lehnten mit dem Rücken gegen die Wand des Wartehäuschens. Während Fiona auf ihr Handy starrte und vermutlich mit Jonas (der Liebe ihres Lebens und dem auserwählten Wäscher unserer Schmutzwäsche im nächsten Monat) textete, glitt mein Blick die neblige Straße vor uns entlang. Der Sturm war wohl doch ein bisschen heftiger gewesen, als ich zunächst angenommen hatte. Überall hatten sich Pfützen auf dem Asphalt gebildet und dazwischen lagen abgerissene Äste herum. Ein Stück von uns entfernt versperrte eine umgekippte Mülltonne eine Einfahrt. Ihr Inhalt schien sich gleichmäßig über die Vorgärten der Nachbarschaft verteilt zu haben.
»Vielleicht kommt er schlecht durch«, murmelte ich. »Die Straßen sehen nicht gerade frei aus.«
Tatsächlich schienen sogar die Autos Mühe zu haben, eine freie Spur zu finden, und tuckerten nur langsam an uns vorbei.
»Hmpf«, machte Louisa und zog den Reißverschluss ihrer Jacke weiter nach oben. »Ist das Wetter hier im Herbst eigentlich immer so grauenhaft? Oder liegt das am Klimawandel? Ich dachte, ich ziehe in einen Badeort …«
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