Bevormundende Autoritäten sind zweifellos ein wichtiges und nach wie vor aktuelles Hemmnis für die Anliegen der Aufklärung. Denken wir an totalitäre Systeme, an Pressezensur, Verfolgung von politisch Andersdenkenden, an politischen oder religiösen Fanatismus. Sie sind aber längst nicht das einzige Hindernis für einen unvoreingenommenen Erkenntnisprozess.
Auch auf der persönlichen Ebene gibt es viele Hindernisse, die sich einem aufgeklärten Verständnis der Welt und einem darauf basierenden vernünftigen Handeln in den Weg stellen. Es sind Hindernisse, die damit zu tun haben, wie die menschliche Vernunft und die menschliche Psychologie konstruiert sind. Das wiederum hat mit der evolutionären Entwicklung des Menschen zu tun. Die von Kant genannten persönlichen Haltungen, Bequemlichkeit und fehlender Mut, sind hier nicht einmal die Spitze eines riesigen Eisbergs, der den meisten Menschen unbekannt ist. Von diesem Eisberg, seinen Konsequenzen, aber auch von möglichen Lösungsansätzen wird in diesem Buch die Rede sein.
Menschliche Psychologie und menschliche Vernunft
Zwar hat Kant recht: Die Vernunft ist die entscheidende Fähigkeit des Menschen, um die Wirklichkeit zu erkennen und ein autonomes Leben zu führen. Das Beispiel des Urzeitmenschen zeigt aber, dass die menschliche Vernunft zweischneidig ist. Sie hat ein immenses Potenzial, ist jedoch auf der anderen Seite aus guten evolutionären Gründen mit vielfältigen Schwachpunkten ausgestattet. Diese beiden Seiten bestimmen die Chancen und die Risiken, die mit ihr verbunden sind. Dabei bewegt sie sich nicht in einem luftleeren Raum. Sie ist eingebunden in die psychologische Grundstruktur und damit Teil der allgemeinen menschlichen Natur. Diese menschliche Natur bewegt sich selbst zwischen zwei entgegengesetzten Polen. An dem einen Pol verfügt sie über ein großes Potenzial für Kooperation und die Gestaltung tragfähiger Beziehungen. Auf der anderen Seite findet sich eine grenzenlose egoistische Dynamik, die in diesem Buch als »egoistische Selbstbehauptung« bzw. »Wille zur Macht« bezeichnet wird. Auch diese beiden Pole der allgemeinen menschlichen Natur sind Ergebnis evolutionärer Prägungen. Sie entspringen also nicht unseren Wünschen und unseren Idealvorstellungen darüber, wie die menschliche Natur sein sollte. Aus der Perspektive der Evolution haben diese beiden Seiten ebenso einen Sinn wie die zwei entgegengesetzten Seiten der menschlichen Vernunft. Der Sinn erschließt sich aus einer evolutionären Entwicklung, die sich über Hunderttausende von Jahren vollzogen hat. Aber sind diese Baupläne, die sich in unvorstellbar langen Zeiträumen entwickelt haben, für den modernen Menschen noch sinnvoll? Stimmen die grundlegenden Konstruktionselemente der allgemeinen menschlichen Psychologie und der menschlichen Vernunft in der heutigen Zeit noch? Stimmt das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken für das Leben in unserer heutigen Welt, die sich fundamental vom Umfeld der Urzeitmenschen unterscheidet? Jedenfalls sind die Risiken beträchtlich. Diese Risiken sind Folge der Prägungen, die uns die Evolution aus einst guten Gründen in unsere psychologische Grundstruktur und unsere Vernunft über Hunderttausende von Jahren eingebrannt hat.
Das, was ich hier einleitend mit wenigen Worten skizziere, ist der Leitgedanke dieses Buches. Die beiden entgegengesetzten Pole der menschlichen Natur im Allgemeinen und der menschlichen Vernunft im Speziellen haben vielfältige Wirkungen. Sie erklären individuelle menschliche Verhaltensweisen ebenso wie gesellschaftliche, wissenschaftliche, geschichtliche oder politische Phänomene.
Dieses Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steht die Analyse der allgemeinen menschlichen Natur und insbesondere der menschlichen Vernunft im Vordergrund. Im Verlauf dieses ersten Teils werde ich ein übergeordnetes Erklärungsmodell präsentieren, das die vielfältigen, evolutionär geprägten Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft und damit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit abbildet. Es handelt sich um das RSG-Modell (Registrieren-Subjektivieren-Generalisieren), auf das ich auch im zweiten Teil des Buches immer wieder Bezug nehmen werde ( Kap. 5). Ebenfalls noch im ersten Teil stelle ich auch eine praktische Vorgehensweise vor, die den Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft Rechnung trägt. Es ist die pragmatisch-phänomenologische Vorgehensweise (vgl. Kap. 7).
Die grundlegenden Konstruktionsbedingungen der menschlichen Natur und vor allem der menschlichen Vernunft finden sich in allen Bereichen, die mit Menschen und menschlichen Aktivitäten zu tun haben. Das ist der Fokus des zweiten Teils dieses Buches. Hier werden die Folgen dieser Bedingungen – und die damit verbundenen Chancen und Risiken – anhand verschiedener Beispiele in Gesellschaft, Geschichte, Politik, Wissenschaft oder Ökonomie dargelegt. In den Blick geraten dabei so unterschiedliche Facetten dieses Themas wie die menschliche Tendenz, Regeln, Gesetze und Normen bis zur Absurdität zu generalisieren. Es lassen sich aus dieser Perspektive aber gleichfalls Fehlleistungen in der Wissenschaft, in der modernen Informationsgesellschaft oder in der Ökonomie zeigen. Am Schluss des zweiten Teils nimmt das aktuelle Thema des Populismus einen breiten Raum ein. Grob gesagt, lassen sich die Empfänglichkeit für Populismus und populistische Propagandamethoden auf die Mechanismen des RSG-Modells zurückführen. Das gilt für die individuelle Empfänglichkeit vieler Menschen für populistische Agitation. Das gilt aber auch für klar benennbare gesellschaftliche Schwachstellen in westlichen Demokratien. Diese Schwachstellen schaffen ein Klima, in dem populistische Agitation gut gedeihen kann.
Grundlage der folgenden Analyse ist, dass wir zunächst einmal genau die konkreten Schwachstellen der menschlichen Vernunft in den Blick nehmen. Diese Schwachstellen begegnen uns auf drei verschiedenen Ebenen.
− Ebene 1: Grundlegende erkenntnistheoretische Grenzen unseres Denkens
Denken und Wahrnehmung bewegen sich in einer vorgegebenen Struktur. Diese Struktur ist mit einem Betriebssystem vergleichbar, ohne das die »Maschine« gar nicht laufen würde. Das Betriebssystem als solches nehmen wir gar nicht wahr. Es ist ein Raster, das wir in alles und jedes automatisch hineinprojizieren. Da wir ohne Betriebssystem gar nichts wahrnehmen und denken können, ist es allgegenwärtig, ohne dass es uns bewusst ist. Mit diesen erkenntnistheoretischen Grenzen hat sich die Philosophie ausgiebig beschäftigt.
− Ebene 2: Allgemeine psychologische Schwachstellen der menschlichen Vernunft
Wenn die erkenntnistheoretischen Grenzen dem Betriebssystem entsprechen, dann sind die allgemeinen psychologischen Schwachstellen mit den vielen unterschiedlichen Programmen verbunden, die den operativen Betrieb unserer Wahrnehmung und unseres Denkens gewährleisten. Sie sind vorab installiert. Hier hat uns die Evolution allerdings zahlreiche »Bugs« eingebaut.
− Ebene 3: Persönlichkeitsprofile mit individuell akzentuierten Schwachstellen der menschlichen Vernunft
Die Schwachstellen der ersten beiden Ebenen betreffen mehr oder weniger alle Menschen. Manche Menschen können damit besser umgehen, andere schlechter. Selbstverständlich bin ich der Überzeugung, dass es sehr nützlich ist, die Schwachstellen genau zu kennen, um den mit ihnen verbundenen Risiken möglichst aus dem Wege zu gehen. Die dritte Ebene geht aber über den Umgang mit den Schwachstellen hinaus. Denn Menschen haben höchst unterschiedliche Charaktereigenschaften. Es gibt zahlreiche Persönlichkeitsprofile, durch die jene Schwachstellen der menschlichen Vernunft auf individueller Ebene drastisch verschärft werden.
Teil 1: Begrenzungen und Schwachstellen menschlichen Denkens und Handelns
1Erkenntnistheoretische Grenzen der menschlichen Vernunft
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