Ich lade Sie ein, die vorliegenden Geschichten einfach so zu nehmen wie meine Lieben daheim: nicht als streng journalistische oder gar wissenschaftliche Berichte, sondern als Schnappschüsse aus geheimnisvollen Gegenden. Schnappschüsse sind nie neutral, sie zeigen selten das große Ganze, und manchmal sind sie ein bisschen verwackelt. Aber sie sind fast immer nah am Geschehen, oft überraschend, beizeiten sogar entlarvend. Und wenn der eine oder andere Sie zum Schmunzeln bringt, haben wir beide schon gewonnen.
Ich verbleibe mit herzlichen Grüßen aus den wilderen Ländern
Ihr ergebener Kurt Arbeiter,
Abenteurer
1„Der Reitclub von Kinshasa“ für die Internationale Reiterrevue
Faustin
ARM UND REICH
DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO
DIE DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO IST EINES DER REICHSTEN LÄNDER DER WELT.
Groß wie ganz Mitteleuropa, reicht es von schneebedeckten Bergen im Osten bis zu weißen Stränden im Westen. Dazwischen schattige Wälder, durchzogen von mächtigen, fischreichen Flüssen, fruchtbares Ackerland und fette Weiden. Aber unter der Krume spielt sich’s erst richtig ab: Gold und Edelsteine, Kupfer und Uran, Erdöl und Erdgas.
DIE DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO IST EINES DER ÄRMSTEN LÄNDER DER WELT.
Dann nämlich, wenn man es an Einkommen, Sicherheit, Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur misst, wie es der „Human Development Index“ tut, der jährlich von den Vereinten Nationen erstellt wird. Da findet sich dieser fruchtbare, vor Bodenschätzen überquellende Gigant regelmäßig im tiefsten Keller, gemeinsam mit bitterarmen Wüstenstaaten wie Mali, Niger und Tschad.
Warum das so ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Weil unsere Politiker und Beamten korrupt bis ins Mark und unfähig bis in die Haarspitzen sind“, sagen die einfachen Kongolesen. Mitnichten, sagen die wenigen, denen ihre Eltern eine westliche Ausbildung bezahlen konnten. Die anhaltende Rückständigkeit des Kongo sei vielmehr auf den verheerenden Einfluss des imperialistischen, kolonialistischen Westens zurückzuführen.
Ich habe mich nie auf Diskussionen darüber eingelassen, wo zwischen diesen beiden Polen die Wahrheit liegt. Tatsache ist: nach mehr als fünfzig Jahren Unabhängigkeit gibt es im Kongo immer noch Regionen, größer als Österreich, neben denen sich das „Herz der Finsternis“ ausnimmt wie ein Platz an der Sonne. Landstriche, in denen Mörderbanden ganze Dörfer abschlachten und die abgetrennten Köpfe ihrer Opfer am Straßenrand aufschlichten. Und niemand gebietet ihnen Einhalt. Dafür bräuchte es nämlich eine funktionierende Armee. Und so was hat die Demokratische Republik Kongo nicht. Es gibt nur einen Haufen bewaffneter Müßiggänger namens FARDC, Forces Armées de la République Démocratique du Congo.

FARDC
Um diese Truppe auf Vordermann zu bringen, hat die EU von 2006 bis 2016 die Beratermission EUSEC in den Kongo entsandt. Ihr Auftrag war es, Verwaltung, Ausbildung und Logistik der FARDC zu organisieren und die notwendigste Infrastruktur auf die Beine zu stellen. Ich war von 2013 bis 2015 mit von der Partie. Wir haben Millionen von Euros investiert, in Unterkünfte, Schulen, Computer, Internet und Stromaggregate. Unsere Berater waren in allen Militärregionen unterwegs, um die kongolesischen Kader zu schulen. Einer unserer Schwerpunkte lag darauf, dass die Soldaten ihren Sold und ihre Verpflegung erhalten sollten. Damit haben wir uns allerdings eine starke Gruppe natürlicher Feinde gemacht, nämlich die höheren Offiziere der FARDC, die es als ihr ererbtes Recht betrachten, Sold und Kostgeld ihrer Männer in die eigene Tasche zu stecken. Dass sie ihre Soldaten damit zum Plündern zwingen, ist ihnen völlig egal.
Rückblickend war EUSEC wie eine Windmühle, gegen die eine Horde von Don Quichottes mit den roten Schulterklappen der kongolesischen Generalität ununterbrochen angeritten ist. Am Ende haben die Don Quichottes gewonnen. „The wind of change“, der die Flügel der Windmühle hätte antreiben sollen, ist in der Großen Flaute der kongolesischen Korruption und Tatenlosigkeit zum Erliegen gekommen. Was wir gelehrt haben, ist schon so gut wie vergessen, was wir gebaut haben, wird bereits vom Urwald überwachsen.
So wie die Mannschaftsdusche in der Unteroffiziersschule von Kitona. Als ich sie zum letzten Mal gesehen habe, war sie voller Brennholz. „Was ist da los?“, habe ich den zuständigen Offizier gefragt.
„Der Abfluss ist verstopft, außerdem benutzen die Rekruten die Duschkabinen immer als Abtritt.“ Alles klar. Den Abfluss zu reinigen und die Rekruten den Unterschied zwischen Dusche und Toilette zu lehren, wäre vermutlich zu viel verlangt. Aber immerhin hat EUSEC den teuersten Holzschuppen Afrikas gebaut, vollverfliest.
Brennholzschuppen, vollverfliest
Das Holz wird übrigens für die Kochfeuer gebraucht. Natürlich hat EUSEC auch eine Truppenküche gebaut. Aber die funktioniert nicht, weil es keinen Strom gibt.
Natürlich hat EUSEC auch ein Stromaggregat installiert. Aber das funktioniert nicht, weil die FARDC nicht einmal die rudimentärsten Wartungsarbeiten ausgeführt haben.
Und so wird die Verpflegung an der Unteroffiziersschule von Kitona in Kesseln über offenem Feuer zubereitet, wie schon zu den Zeiten, ehe die ersten portugiesischen Schiffe in die Kongomündung eingelaufen sind.
Ob das frustrierend ist? – Schon.
Andererseits: Schauen Sie sich unsere Köchin einmal näher an, wie selbstbewusst sie an ihrem Feuer steht, die Herrin des Kessels. Ich schwöre Ihnen: Eine Nirostaküche ist ihr aber so was von wurst. Und Sie sollten die Unteroffiziersschüler sehen, wenn sie sich mittags bei ihr anstellen um ihren Schöpfer Maniokbrei, ihr zuzwinkern und sich die nahrhafte Pampe schmecken lassen wie junge Könige. In der Früh bekommen sie noch ein halbes Baguette, das ist dann die ganze Tagesration. Dennoch sieht man sie beim Morgensport tanzen und lachen. Eine Dusche danach? – Ach, pfeif doch auf den Pipifatz!
Old-school
Frühsport mit Pirouetten
Die Dusche im Gästehaus von Papa Nepa-Nepa funktioniert auch nicht oft und die Klimaanlage überhaupt nicht. Ich steige trotzdem jedes Mal bei Papa Nepa-Nepa ab, wenn ich in Kitona bin. Das Lächeln von Maman Marie, seiner Köchin, funktioniert nämlich immer. Wenn ich ankomme, strahlt sie mich an, dann geht sie in die Küche und kocht mir Bondu, gedünstete Maniokblätter mit Bohnen, warm und nahrhaft. Ich gebe zu, manchmal hätte ich gern was anderes gehabt, zur Abwechslung. Aber Bondu kann Maman Marie eben am besten. Wenn es dunkel wird, setzt sich Papa Nepa-Nepa zu mir. Wir machen uns ein dunkles Bier auf. „Morgen repariere ich die Klimaanlage“, sagt Papa Nepa-Nepa. Ich lache und proste ihm zu. Er lacht auch, und die Klimaanlage ist vergessen. Morgen ist vergessen. Was soll auch „morgen“, wenn heute die Sterne funkeln, die Nacht warm ist und das Bier kühl? Ich gebe zu, ich habe dieses zufriedene Aufgehen im Jetzt nie erlernt, und die völlige Verdrängung des Morgen hat mich dienstlich manchmal zur Weißglut gebracht. Aber irgendwo in meinem verkrusteten Europäerherzen hege ich eine tiefe Sympathie dafür, wenn nicht gar eine Sehnsucht danach. Im Genießen des Augenblicks sind die Kongolesen Weltmeister. In keinem Land habe ich so viele freundliche und fröhliche Menschen getroffen. Sogar die verlotterten Grenzsoldaten, die mich eines Tages bei einer Kajaktour am Kongo abgestoppt und mir mit vorgehaltener Kalaschnikow dreißig Dollar abgeknöpft haben, waren freundlich. Es tut mir immer noch leid, dass ich sie nicht um ein Erinnerungsfoto gebeten habe. Ich bin sicher, sie hätten sich lachend in Positur geworfen.
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