»Thom!« Milla konnte nicht anders, als zurückzustrahlen.
»Hallo, Fremde! Wo warst du gestern Nacht?«
Während sie Thom mit dem funkelnden Meer im Hintergrund anlächelte, wurde für einen kurzen Moment die Erinnerung an ihren Traum wieder lebendig: an das Gefühl von Freiheit und jene flüchtige Melodie. Dann verschwand sie wieder und ließ Milla voller Sehnsucht zurück.
»Ich war mit den Zwillingen im Palast.« Sie wies den Hügel hinauf. »Aber egal. Warum fahrt ihr erst um diese Zeit raus?« Als sie die leeren Kisten bemerkte, die er gerade eingeladen hatte, neckte sie ihn: »Bist wohl spät dran nach gestern Abend?«
»Du machst wohl Witze, Milla. Wir fahren schon zum zweiten Mal raus. Vater würde nie ausschlafen. Er kann nicht anders, als vor der Dämmerung aufzustehen.« Thom sah müde aus. Er hatte dunkle Ringe unter den großen braunen Augen. »War trotzdem ein tolles Fest. Und erst das Feuerwerk! Hast du es von dort oben gesehen?«
»Klar. Aber warum fahrt ihr heute zweimal raus?« Milla wusste, dass Simeon Windlass ein hart arbeitender Mann war, trotzdem stimmte hier etwas nicht.
»Der Wind ändert sich. Vater meint, ein Sturm zieht auf. Der erste in diesem Herbst, und ein großer dazu. Wir werden für ein paar Tage nicht aus dem Hafen kommen, also müssen wir doppelt ran, bis er sich zusammenbraut.«
»Dann lasse ich euch mal fahren«, sagte Milla. »Mögen euch die Winde günstig und die Wellen gnädig sein«, fügte sie den alten Segensspruch der Seeleute hinzu. Sie stellte ihre Körbe ab und suchte in einem von beiden. »Hier, Rosa hat mir diese Pfirsiche obendrauf gelegt – fang!«
»Danke«, sagte Thom. »Nimm dich in Acht vor dem Sturm.« Es war typisch für ihn, zuerst an sie zu denken, obwohl er derjenige war, der den Sturm draußen zu spüren bekam.
»Jetzt, Thomsen!«, rief Simeon, der mit den Vorbereitungen fertig war.
Thom beeilte sich, seinem Vater zu gehorchen. Er löste das schwere Tau, schlang es sich lose um den Arm und sprang dann über die größer werdende Lücke zwischen Kai und Boot. Mit seinen langen Beinen überwand er sie mühelos.
»Wann kommt er?«, fiel Milla auf dem Weg zur Treppe ein. »Wie lange dauert es noch, bis der Sturm losbricht?«
Simeon schaute zum Himmel. »Morgen bei Tagesanbruch ist er da.«
»Glückliche Heimkehr euch beiden!«
Mit dem Pfirsich zwischen den Zähnen nickte Thom zum Abschied, während er gleichzeitig die Taue verstaute.
Milla sauste zur Treppe. Sie drehte sich noch einmal um, als die Delfin das gewaltige Hafentor passierte, wo das Meer mit einem Mal rauer wurde und das Boot hin und her warf. Es erklomm eine Welle und verschwand im Tal der nächsten.
Dann wandte sie ihrem Freund den Rücken zu und lief los. Hoffentlich hatte niemand ihr Geheimnis entdeckt. Die Worte des Hauptmanns gingen ihr nicht aus dem Kopf: der bezahlt mit seinem Leben, der bezahlt mit seinem Leben.
Sie hörte erst auf zu rennen, als sie die Räucherkammer erreichte. Ohne nachzudenken, ließ sie die Körbe fallen und stürmte geradewegs hinein, um nach dem Rechten zu sehen.
Seufzend strich sie zärtlich über die Packtasche. »Hallo, du, wie geht es dir?«, flüsterte sie, als sie den blauen Beutel öffnete.
Sie sang dem blauen Ei die halb erinnerte Melodie aus ihrem Traum vor und drückte sich in der Räucherkammer herum, bis man draußen nach ihr rief und sie zurück an die Arbeit musste.
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