Milla murmelte irgendetwas Unverständliches.
»Du solltest besser reingehen …« Nestan tätschelte ihren Arm und ging.
Also trat Milla in die Küche und stellte das Tablett ab.
Josi stand mit dem Rücken zu ihr am Arbeitstisch, die kurzen schwarzen Haare hatte sie hinter die Ohren geschoben. Sie schlug mit einem Hackbeil auf eine Lammkeule ein, die eine solch grobe Behandlung eigentlich nicht nötig hatte. Über Josis Kopf baumelten Bratpfannen, zwei Hasen, die darauf warteten, gehäutet zu werden, ein geflochtener Strang Zwiebeln und ein paar Stängel frisch gepflücktes Basilikum, das die Luft mit seinem intensiven Duft erfüllte.
Allein in der Küche zu stehen, half Milla, sich besser zu fühlen. Wenn das Gelbe Haus ihr Zuhause war, dann war die Küche sein Herz. Angezogen von der Wärme und den unwiderstehlichen Düften, die den ganzen Tag aus dem Fenster drangen, kamen früher oder später alle hierher. Josi mochte für ihre Launen berühmt sein, aber sie war es ebenso für ihre Kochkunst und ihre guten Ratschläge.
»Josi?«, fragte Milla, bemüht, sie nicht zu erschrecken. Sie sprachen immer auf Sartoli miteinander, schwenkten aber sofort ins Norländische um, sobald jemand zur Tür hereinkam.
Mit einem lauten Knall grub sich das Hackbeil in das Holzbrett.
»Was ist los?« Milla erschrak, als sie die Tränen entdeckte, die Josi übers Gesicht liefen. Sie hatte sie noch nie weinen sehen. Sie hatte auch Nestan und Josi noch nie so zusammen gesehen. Ihr war, als würde sich der Boden unter ihren Füßen bewegen.
»Nichts – sind bloß die Zwiebeln!«, erwiderte Josi brüsk, als sie das Fleisch in den Topf warf und scheppernd den Deckel darauflegte.
Von wegen. Milla erhaschte einen Blick auf die Zwiebeln. Die waren mit Thymian und Knoblauch gründlich angedünstet und verursachten schon lange keine Tränen mehr.
»Warum bist du überhaupt auf den Beinen?«, wollte Josi wissen. »Ich habe Lanys aufgetragen, das Frühstück zu servieren, damit du dich ausruhen kannst.« Sie fuhr sich mit der Schürze über das Gesicht.
»Ich weiß.«
»Du meinst, du wolltest dich bei mir bedanken«, sagte Josi streng, doch ihre dunklen Augen blickten warm und funkelten wieder vor Leben. Dann bemerkte sie Millas Gesichtsausdruck. »Was ist los?« Sie ging zu ihr, legte Milla die Hände auf die Schultern und sah sie prüfend an.
»Ach, Josi«, begann Milla, die spürte, dass eine ganze Flut von Worten aus ihr herauszubrechen drohte: über den Mord, die Eier, den Ball des Herzogs letzte Nacht. Wie gern würde sie Josi um Rat fragen. Die Worte drängten regelrecht auf ihre Zunge. Sie musste etwas über den Mann erfahren, der direkt vor ihrer Küchentür ermordet worden war.
Doch dann erstarrte sie. Wenn Josi jetzt zu Nestan gehörte, änderte das alles. Dann waren sie nicht mehr gleichgestellt. Josi würde bald die Dame des Hauses sein. Die Leute heirateten ständig außerhalb ihrer Kreise: Selbst der Herzog hatte das getan. Die Mutter ihres Freundes Thom war Sartolanerin, sein Vater Norländer. Aber Nestan und Josi … das hatte Milla nicht kommen sehen. Also schluckte sie ihre Worte hinunter wie bittere Arznei. Was sie Josi erzählte, würde direkt bei Nestan landen; Nestan würde es dem Herzog berichten, und ehe der Tag vorüber war, würde man diesem die Packtasche und ihren wertvollen Inhalt übergeben.
»Alles wird gut, mein Kätzchen.« Josi nahm Milla in den Arm. »Du kannst es mir erzählen.«
Aber Milla machte sich los. Nichts erschien ihr mehr sicher. Sie setzte sich auf einen kleinen Schemel beim Feuer. Skalla, der Küchenkater, kam und miaute, bis er auf ihren Schoß springen durfte. Geistesabwesend strich sie über sein schwarzes Fell.
»Hier.« Josi reichte ihr einen mit Ziegenkäse bestrichenen Kanten Brot, außerdem eine Schüssel warme Milch, in die sie Honig und Muskatnuss gerührt hatte.
Getröstet von dem guten Essen und Skallas behaglichem Schnurren, starrte Milla in die Flammen und tauchte das Brot in die Milch.
»Erzählst du mir jetzt, was los ist?«, versuchte Josi es noch einmal. »Geht es um Lady Taryas Verlöbnis?«
Milla nickte. Das war erst einmal sicheres Terrain. »Lanys hat gesagt, wenn Tarya in den Palast zieht, brauchen sie keine zwei Dienstmädchen mehr. Was passiert dann mit mir? Wird Nestan« – sie flüsterte die Worte – »mich entlassen?«
»Führt Lanys hier den Haushalt?«, fauchte Josi.
»Nein.«
»Warum hörst du dann auf sie? Lanys ist einfach nur eifersüchtig. Du und Tarya seid seit dem Tag befreundet, an dem du hier ankamst, und nichts kann das ändern. Du wirst hier immer ein Zuhause haben.«
Josis Worte wärmten Milla wie die Hitze des Feuers. Sie ließ Skalla die Krümel von ihren Fingerspitzen lecken und musste lächeln, als seine kleine raue Zunge über ihre Haut schabte.
»Was passieren wird«, sagte Josi, »das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht.«
»Jemanden wie mich werden sie im Palast vermutlich nicht haben wollen, oder?«, fragte Milla. »Aber wenn Tarya verheiratet ist, wird sie mich trotzdem brauchen.«
»Das wird sie, Liebes, das wird sie«, stimmte Josi ihr zu. »Aber etwas brauchen oder es zu bekommen, sind zwei völlig verschiedene Dinge, wie wir beide wissen.« Sie begann, pudriges Mehl in eine Schüssel zu schütten.
Wie dumm von mir, dass ich nicht selbst daran gedacht habe, was eines Tages geschehen könnte, dachte Milla. »Aber … aber wenn Tarya geht, gehe ich dann auch? Ich will dich nicht verlassen, Josi!« Die Dinge veränderten sich so schnell, dass ihr fast schwindlig wurde.
Milla kannte nur das Leben und die Arbeit hier in diesem Haus. Bei den Zwillingen war das anders: Die Erinnerungen an ihre Mutter verblassten allmählich, genau wie das wunderschöne Mosaik von Vianna, das in der Eingangshalle eine ganze Wand einnahm. Und so wie das Porträt hin und wieder aufgefrischt wurde, damit die Farben lebendig blieben, so hielten die Geschichten über Vianna die Erinnerung an sie wach.
Milla hatte keine Erinnerungen an etwas anderes. Keine Geschichten. Keine Mutter.
Schlagartig fiel ihr ein, wie die alte Frau sie letzte Nacht angestarrt hatte. Sie nahm die Kette mit ihrer Schmuckmünze in die Hand und rieb das von der Haut erwärmte Gold an ihrer Unterlippe, spürte die winzigen Umrisse des Drachen und des Mondes. Lanys Worte hafteten noch schmerzhaft frisch in ihrem Gedächtnis. »Wo hat die Mutter der Zwillinge mich gefunden, Josi?«
Josis Stimme wurde weicher: »Es tut mir leid, mein Kätzchen, das wissen wir nicht. Deine Geschichte ist mit Vianna gestorben«, sagte sie, während ihre Hände emsig Fett in das Mehl kneteten.
»Und wann war das? Wie alt bin ich genau?«
»Das weißt du doch alles«, sagte Josi, ohne Milla anzusehen. »Wir haben dich damals auf zwei geschätzt, also bist du jetzt zwölf. Nächstes Frühjahr wirst du dreizehn.«
»Aber ein richtiger Geburtstag ist das nicht. Ihr habt ihn bloß erfunden.«
»Er hat sich richtig angefühlt«, sagte Josi, den Blick stur nach unten gerichtet.
Milla beobachtete sie aufmerksam. Was verschwieg Josi ihr? »Dann könnte also jeder mit mir verwandt sein?« Darüber hatte sie schon viel nachgedacht. Sie stellte sich eine reiche Familie aus Sartola vor, mit dunkeläugigen Brüdern und Schwestern, die aussahen wie sie. Oder die Familie eines Seemanns, die bei jedem Wetter auf dem Meer war. Oder einen Clan von Händlern, deren Mitglieder die Welt bereisten, Tauschhandel trieben und Gewürze, Seide und Keramiken mit nach Hause brachten.
»Möglicherweise«, sagte Josi. »Aber warum willst du das wissen? Du hast einen Platz zum Schlafen und Menschen, die für dich sorgen. Das ist mehr, als andere haben. Reicht dir das nicht?«
Früher hatte Milla diese Geschichten geliebt, weil sie glaubte, sie verbänden sie mit Josi, den Zwillingen und Nestan. Doch an diesem strahlenden Morgen, am Tag nachdem sich alles verändert hatte, war es plötzlich nicht mehr genug.
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