Jetzt, wo sie in Sicherheit waren, umarmten sie sich.
»Wie geht’s dir? Wie war es gestern Abend?«, wollte Milla wissen.
Mit einem breiten Grinsen hievte sich Rosa auf den hölzernen Tresen des Verkaufsstands ihrer Familie, wo Obst, Käse und vom Festland importierter sartolischer Wein angeboten wurden. »Du hättest runterkommen sollen – wir haben dich beim Straßenfest vermisst …«
»Hast du wirklich Wein mitgenommen?«, wisperte Milla. »Ich habe es gewusst!«
»Ich habe ihn geteilt«, sagte Rosa und gab sich schuldbewusst. »Hat mir zu ein paar neuen Freunden verholfen, die Flasche. Und das waren nicht nur Langeweiler.« Als sie Milla von ihrem Abend berichtete, musste die zum ersten Mal an diesem Tag lachen.
»Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen …«
»Haben sie dich wieder zu Hause gelassen?« Wie ein Schatten wanderte die Sorge über Rosas schönes herzförmiges Gesicht. Sie hatte große braune Augen, die immer zu lachen schienen, und ihre fest geflochtenen Zöpfe standen zu beiden Seiten unter ihrem roten Tuch hervor.
»Sag mir zuerst, was das hier zu bedeuten hat«, forderte Milla sie auf und wies mit dem Kopf zu den Soldaten des Herzogs. »Was erzählen die Leute? Was ist los?« In Arcosi flossen die Gerüchte wie Quellwasser bergab in die Unterstadt und nahmen dabei immer mehr an Fahrt auf. Rosa war stets auf dem Laufenden.
»Hast du es denn noch nicht gehört? Es heißt, der Herzog hätte auf seinem wunderbaren Ball unerwarteten Besuch bekommen, und jetzt herrscht Weltuntergangstimmung.« Sie erzählte Milla eine übertriebene Version des Auftritts der alten Frau im Palast. »Das ist der Fluch von Arcosi, sagt Vater, genau wie in den alten Zeiten.«
»Welcher Fluch? Das ist doch Unsinn. Bis gestern Abend hat kein Mensch je behauptet, Arcosi wäre verflucht.« Milla schauderte. Sie wollte nichts von Flüchen wissen. Nicht heute.
»Aber vom Vermächtnis des verrückten Königs hast du gehört? Rufus, der letzte Herrscher im Alten Arcosi. Der mit seinem Drachen den Krieg gegen Sartola gewonnen hat und dann verschwunden ist?«, hakte Rosa nach. »Die Geschichte kennt jedes Kind.«
»Ich arbeite für Norländer, die erzählen sich andere Geschichten.« Milla sah die Soldaten von einem Stand zum nächsten ziehen. »Dann suchen sie also nach ihr? Der alten Frau vom Ball?« Sie erinnerte sich, dass der Herzog eine Belohnung für ihre Ergreifung ausgesetzt hatte.
»Ach was, sieh sie dir doch an. Die suchen nach etwas sehr Kleinem, etwas, das in die Kisten passt.«
Milla stieg das Blut ins Gesicht. Sie suchten bestimmt nach den Eiern.
Während ihr Herz aufgeregt klopfte, sah sie mit an, wie die Soldaten den Verkaufsstand gegenüber durchwühlten. Hatten sie schon das Gelbe Haus durchsucht? Milla umklammerte die Griffe ihrer Körbe und widerstand dem Drang, nach Hause zu laufen und nachzusehen. Hoffentlich bemerkte niemand ihre glühenden Wangen.
»Schau nur, wie nett sie mit den norländischen Händlern umgehen.« Rosa schickte den Soldaten einen leisen Fluch hinüber. »Ich wette, bei uns wird es schlimmer. Das geht den Sartolanern immer so, selbst wenn wir in der Überzahl sind. Besonders dann …«
»Ich bleibe bei dir«, sagte Milla. »Und um deine Frage zu beantworten, nein, sie haben mich nicht zu Hause gelassen. Ich war da …«
»Was? Du hast den Herzog gesehen?« Rosa fiel fast vom Holzbrett des Marktstandes. »Wie ist er so? Und sein Sohn – sieht er gut aus?« Sie legte Milla die Hand auf den Ärmel und lächelte versonnen: »Ich habe ihn letztes Jahr gesehen. Er hat wunderschöne Augen …«
Milla vernachlässigte die Soldaten einen Moment lang, weil sie an Vigo dachte und sofort auch an Tarya. Wenn es zu dem Verlöbnis käme, würde man auch über Tarya so reden. Jedes Kleid, jede Geste, jedes Wort würde kommentiert werden, bis sie irgendwann mehr und gleichzeitig weniger war als ein echter Mensch. Wie würde Tarya mit diesen prüfenden Blicken leben können?
Rosa beobachtete sie und missdeutete ihr Zögern. »Also gut, wenn du es mir nicht erzählen willst –«
»Nein, nein«, sagte Milla schnell. »Ich musste nur an etwas denken, was Vigo gesagt hat …«
» Vigo? Ach, sind wir schon beim Vornamen? Du hast doch nicht wirklich mit ihm gesprochen?«
Milla nickte und bemerkte, wie Rosas Miene sich veränderte.
»Na, wenn du dort warst, muss ich dir das alles ja gar nicht erzählen!«, fauchte sie gekränkt. »Wenn du das nächste Mal im Palast mit dem Sohn des Herzogs tanzt, vergiss nicht, wer deine wahren Freunde sind …«
»Ich habe nicht mit ihm getanzt«, wollte Milla gerade antworten, als sie von den Soldaten des Herzogs unterbrochen wurde, die bei ihnen ankamen.
Einer der jüngeren Männer nahm ungeschickt den Deckel von einer Obstkiste und ließ ihn dann fallen.
»He!«, rief Rosa. »Vorsicht! Du zerquetschst die Früchte!«
Der Hauptmann verpasste dem jungen Mann eine Ohrfeige und knurrte: »Hast du die Befehle des Herzogs vergessen? Die Fracht ist zerbrechlich. Wer sie kaputt macht oder versteckt, der bezahlt mit seinem Leben, kapiert?«
Der bezahlt mit seinem Leben? Millas Mund wurde so trocken wie sonnenheißer Sand. Der Herzog wollte diese Eier also unbedingt. Wahrscheinlich hatte der Mörder für ihn gearbeitet und ihm alles berichtet. Womöglich durchsuchten sie genau in diesem Moment das Gelbe Haus. Wer würde mit dem Leben bezahlen, wenn sie die Eier dort fanden?
Sie leckte sich die trockenen Lippen. »Nach was suchen Sie denn?«, fragte Milla mit rauer Stimme.
»Hüte deine Zunge, mein Fräulein. Das geht dich nichts an!«, fuhr der Mann sie an und murmelte im Weggehen etwas über Sartolaner.
Der jüngere Soldat fing Millas Blick auf. Auch er war kein Norländer: Da die Armee des Herzogs beständig wuchs, war man gezwungen, für die niederen Ränge auch Männer anderer Herkunft aufzunehmen. »Tut mir leid!«, formte er tonlos mit den Lippen und eilte dem Älteren nach.
»He, und was ist mit den Pfirsichen? Ihr könnt mir doch nicht einfach das Obst verderben und dann davonlaufen!«, rief Rosa ihnen nach. »Meine Eltern drehen durch.« Sie sprang auf den Boden und sammelte die verstreuten Früchte auf.
»Sieh sie dir an, sie sind ganz zerquetscht. Ich wette, heute holen wir nicht mal die Miete für den Stand rein. Das ist so ungerecht. Irgendwann«, sagte sie empört, »nicht mehr lange, werde ich etwas dagegen unternehmen.« Die Schürze voller staubiger Pfirsiche, stand Rosa vorsichtig auf und starrte voller Groll über den Markt. »Wirklich. Ich schwör’s!«
Die schattige Seite des Marktes war für die Stände der Norländer reserviert: Die kühleren Temperaturen schützten ihre Waren. Milla hätte auch dort einkaufen können – Nestans Papiere erlaubten es –, doch sie hielt Rosa die Treue. Sie wusste, wie hart die Zeiten waren. Milla hatte Rosa noch nie so verbittert erlebt, es fehlte nicht viel und sie rastete aus.
»Josi braucht jede Menge Sachen, pack die Pfirsiche einfach dazu, sie kann sie heute Abend einkochen«, sagte Milla und gab Rosa ihre Liste. »Danke, Rosa.« Sie bemühte sich, ihre Stimme möglichst normal klingen zu lassen. »Du weißt, dass ich gestern Abend gern bei euch gewesen wäre, nicht?« Das stimmte weitgehend. »Dann sehen wir uns nächste Woche, ja? Versprochen?« Milla hatte jede zweite Woche einen halben Tag frei, den sie immer mit Rosa und Thom verbrachte.
Sie küsste ihre Freundin auf beide Wangen und eilte, an jedem Arm einen Korb, zur Schmugglertreppe, um weiteren Patrouillen aus dem Weg zu gehen. Als sie den belebten Kai entlangging, schallte ein gellender Pfiff durch die Luft.
»Milla!« Thom Windlass stand neben dem dicken Tau, mit dem die Delfin , das Fischerboot seines Vaters, festgemacht war. Sein breites, hübsches Gesicht strahlte bei ihrem Anblick.
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