Das alles sind natürliche Begabungen oder Talente, zumindest würde ich es so bezeichnen. Sie entwickeln sich im Laufe unseres Lebens durch unser Temperament, unsere Lebenserfahrungen und den Einfluss unserer Familie und enger Freunde. Ich besaß in einem beträchtlichen Maße genau die Begabungen, die ich brauchte, um im Pastorendienst einen Blitzstart hinzulegen.
Wenn ich Blitzstart sage, meine ich damit all die Dinge, die ehrgeizige und leicht zu beeindruckende junge Männer und Frauen schnell blenden (es aber nicht tun sollten!), egal, welche Berufung sie haben. Der Begriff Blitzstart gehört in die gleiche Kategorie wie sichtbarer Erfolg: riesige Zahlen, das große Geld, plötzliche Erfolge, schnelle Anerkennung und „Vitamin B“ (die richtigen Leute treffen bzw. kennen). Heute halte ich all das für eher unbedeutend, während ich früher versucht war, diese Dinge ziemlich ernst zu nehmen.
Das war also mein Blitzstart: Im Alter von 28 Jahren berief man mich direkt von der Universität als Pastor in eine Gemeinde mit einigen hundert Mitgliedern im Mittleren Westen. Und in den ersten Jahren lief alles, was ich machte, auch richtig gut. Nun, natürlich nicht alles. Aber zumindest schien es so.
Zusätzlich zu den natürlichen Begabungen, die ich schon erwähnt habe, gab es aber auch noch einige andere Ursachen für meinen rasanten Einstieg. Zum einen hatte ich eine bemerkenswert reife und einsichtige Ehefrau, die sich nach Kräften (sowohl geistlich als auch in anderer Hinsicht) für meinen Dienst engagierte und mich vor unzähligen Fehlentscheidungen bewahrte. Zum anderen hatte mein Vorgänger einige gravierende Fehler in der Leitung der Gemeinde begangen, sodass nun fast alles, was ich tat, von der Gemeinde mit Wohlwollen betrachtet wurde.
Menschlich gesehen sah meine Zukunft rosig aus. Und selbst diejenigen, die mich schon seit der Schulzeit kannten und sich manchmal gefragt hatten, ob jemals etwas aus mir werden würde, begannen zu glauben, dass ein ganz besonderer Weg vor mir lag. Wenn Pastorendienst bedeutete, dass man natürliche Begabungen besitzt, rechtzeitig Gelegenheiten ergreift und von denen unterstützt wird, die einen mögen, dann war ich auf dem richtigen Weg. Wir alle haben natürliche Begabungen; manche wahrscheinlich mehr als andere. Sie können einen jungen Mann bzw. eine junge Frau eine ganze Zeit lang tragen. Bei mir war das zweifellos der Fall.
Natürliche Begabungen wie persönliche Ausstrahlung, Klugheit, emotionale Stabilität und Organisationstalent können andere eine ganze Weile beeindrucken und motivieren. Unter Umständen hält man diese Eigenschaften fälschlicherweise für Zeichen von geistlicher Vitalität und Tiefgründigkeit. Leider sind viele Christen heutzutage aber nicht mehr in der Lage, zwischen einer Person mit echter geistlicher Tiefe und einer mit bloßem Talent zu unterscheiden. Wie Getreide und Unkraut im Gleichnis von Jesus kann man sie oft nur schwer auseinanderhalten. Was dazu führt, dass viele Menschen einer Täuschung aufsitzen. Sie glauben, einem geistlichen Riesen zu folgen, während sie in Wirklichkeit nur von einem Zwerg manipuliert werden.
Wir müssen uns bewusst sein, dass es Führungspersonen gibt, die allein auf der Grundlage natürlicher Begabungen gewaltige Organisationen (auch Gemeinden) gründen. Wer die richtigen Worte gebraucht, klug genug ist, um die richtigen Dinge zu tun, und einen Blick dafür hat, sich mit den richtigen Leuten zusammenzutun, kann viel erreichen, ohne dass irgendjemand merkt, dass er innerlich praktisch leer ist.
Als meine emotionale Überschwemmung schließlich nachließ, blieb ich für den Rest des Tages, wo ich war. Ich wollte verstehen, was geschehen war.
Ich erinnere mich noch, dass ich damals betete: „Jesus, gibt es etwas, das ich aus dieser Erfahrung lernen soll?“ Ich betete dieses Gebet mehrmals im Laufe des Nachmittags, und die Antwort war: Ja. Es gab tatsächlich eine Botschaft, die ich nicht ignorieren durfte, wenn mein Leben und meine Berufung nicht im Chaos enden sollten. Die Botschaft – stille Worte in meinem Herzen – kam plötzlich, klar und überzeugend, so wie die Textnachricht eines Freundes. Ich habe sie nie vergessen.
Jetzt weißt du, wie es ist, aus einer leeren Seele heraus zu leben.
Dieser eine Satz war die Botschaft!
Eine leere Seele. Was bedeutet es, eine leere Seele zu haben?
Meine Antwort auf diese Frage? Eine Seele – unser geistlicher Raum – ist leer, wenn man versucht, Dinge zu tun, für die sie die Grundlage bildet, aber wenige oder gar keine Anstrengungen unternimmt, dafür zu sorgen, dass diese Seele gefüllt ist. Das wäre so, als würde man versuchen, ein Rennauto mit leerem Benzintank zu fahren.
Die Vorstellung, dass meine Seele in einem gefährlichen Maße leer und unorganisiert sein könnte, wirbelte an jenem Nachmittag in meinem Kopf herum. Und zum ersten Mal begann ich zu begreifen, wie sehr ich diesen inneren Raum vernachlässigt hatte.
Die Wahrheit war, dass ich die frühen Jahre meines Erwachsenenlebens damit verbracht hatte, mich selbst in den Vordergrund zu spielen – die Menschen hatten einen Gordon zu sehen bekommen, der potenziell beeindruckend war. Ich verließ mich auf meine Talente: Ich konnte gut reden, versuchte, es allen recht zu machen und sie mit meinen Träumen und Visionen und meiner Begeisterungsfähigkeit zu bezaubern. Kurz gesagt, eine erstklassige, leistungsstarke Führungskraft zu sein.
Ich schäme mich zuzugeben, dass die Menschen in diesen ersten Jahren vor allem mehr diesen tollen Leiter sahen als den Mann, den Jesus aus mir machen wollte: tiefgründig, liebevoll, ruhig und sanft.
Letzten Endes kann man wohl sagen, dass ich an diesem Tag so etwas wie eine Lebenswende hatte. Ich beschloss, mein Leben umzukrempeln. Ich wollte alles daransetzen, mein Leben und meine Arbeit von nun an nicht mehr auf natürliche Begabung zu gründen, sondern auf Disziplin und einen Plan. Oder um es mit dem Titel des Buches auszudrücken: Ich wollte mein Leben ordnen.
In den folgenden Stunden versuchte ich nun, so gut ich konnte, Gott mitzuteilen, wie leid es mir tat, dass ich bisher nicht verstanden hatte, wie ich mein Leben führen und meine Begabungen einsetzen sollte. Das wollte ich ändern. Und wenn er meine geistliche Reise lenken und mir die Art von Disziplin zeigen würde, die für mich dran war, wollte ich so gut wie möglich auf ihn hören. Oder um es anders auszudrücken: Ich wollte eine Grunderneuerung meines Lebens.
Bitte glauben Sie nicht, dass sich alles sofort änderte. Das war nämlich nicht der Fall. Vor mir lag eine Menge harter Arbeit. Genau genommen lagen Jahre harter Arbeit vor mir. Ich sage „harte Arbeit“, weil es keine geringe Herausforderung ist, die eigene innere Welt und das, was andere von außen sehen können, neu zu ordnen.
Und eigentlich ist diese Aufgabe auch nie ganz erledigt. Mittlerweile habe ich begriffen, dass es Probleme gibt, die ich wahrscheinlich mit ins Grab nehmen werde.
Der erste Schritt in meinem Prozess der Lebenserneuerung bestand darin, dass ich ein spiralgebundenes Notizbuch zur Hand nahm. Darin wollte ich von nun an Tagebuch führen. Ich hatte schon früher ab und zu davon gehört, dass viele große Männer des Glaubens Tagebuch geführt und ihre Gedanken und Erlebnisse an spätere Generationen überliefert hatten. Außerdem stellte ich fest, dass auch einige zeitgenössische Autoren, die ich sehr schätzte, seit Jahren Tagebuch schrieben.
So listete ich in meinem Tagebuch auf, was dazu geführt hatte, dass meine Innenwelt leer war:
Mein Lebenstempo ist zu hoch.
Mir bieten sich zu viele Möglichkeiten, und ich kann einfach nicht Nein sagen.
Die Komplexität meiner Organisation wächst mir über den Kopf.
Ich vergleiche mich mit anderen Menschen … und habe immer das Gefühl, dabei den Kürzeren zu ziehen.
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