Bei meiner Arbeit hatte ich ein paar Monate lang viel (und ich meine wirklich viel!) zu tun. Nun gibt es eine Form von Geschäftigkeit, der ein Plan zugrunde liegt, bei der Prioritäten gesetzt werden und bei der man erkennen kann, welches Ziel erreicht werden soll. Diese Art von Geschäftigkeit ist sehr gut und befriedigend. Durch sie entwickelt man sich weiter und gewinnt an Erfahrung hinzu.
Aber es gibt auch eine Form von Geschäftigkeit (eigentlich eine destruktive Geschäftigkeit), die einen chaotischen Lebensstil widerspiegelt. Bei ihr geht es lediglich darum, die jeweils nächste, unmittelbar vor einem liegende Aufgabe anzugehen. Die nächste Aufgabe! Ganz gleich, ob diese wichtig ist oder nicht. Es steht einfach die nächste Aufgabe an, und man nimmt sie in Angriff, weil sie eben erledigt werden muss.
Ich war 30, und ich wurde von dieser zweiten Art der Geschäftigkeit hin- und hergeworfen wie von den Stromschnellen eines reißenden Flusses. Außer Kontrolle. Voller Angst davor zu kentern und mit dem Gefühl, ihr schutzlos ausgeliefert zu sein.
Seit Monaten brachte ich mich rund um die Uhr in die Gemeinde ein und tat alles, um den Menschen zu beweisen, dass ich als Leiter alles im Griff hatte. Es gab jede Menge öffentliche Reden, Beerdigungen, Hochzeiten, Ausschusssitzungen, Planungsgespräche und Problemlösungstreffen. Ein endloser Strom von Menschen, die alle etwas von mir wollten. Und um all diesen Anforderungen zu begegnen, sagte ich immer nur: „Ja, ja, ja … kein Problem … kein Problem … betrachten Sie es als erledigt … ich freue mich, Ihnen helfen zu können …“ Nein kam in meinem Vokabular nicht vor.
Und das Ergebnis all dieser Hektik?
Der unermüdliche Einsatz, meine trübe Stimmung und meine Unsicherheit darüber, ob ich einen guten Job machte, brachten mich fast um. Ich war geistlich, emotional, intellektuell und körperlich erschöpft. Erschöpft ist sicherlich das richtige Wort. Und das war ein überraschendes Gefühl, denn wie die meisten jungen Menschen nahm ich an, dass meine Kraft und meine Energie grenzenlos und unerschöpflich wären. Meine Gedanken rasten unablässig, und ich versuchte, allen einen Schritt voraus zu sein. Ich war emotional überempfindlich gegenüber Beschwerden und Kritik anderer Menschen. Körperlich war ich nicht mehr in Form und von einer ständigen inneren Unruhe getrieben. Vor allem aber war meine Seele – also zumindest der kleine Teil, der mir bewusst war – blockiert und vollgestopft, was mir natürlich auch alles andere als willkommen war. Jesus schien sehr weit weg zu sein. Ich konnte über ihn predigen und öffentlich zu ihm beten, aber das bedeutete nicht, dass ich seine Nähe spürte.
Ich muss hinzufügen, dass auch die Zeit für Gail, unsere Kinder und meine wenigen Freunde knapp bemessen war. Zurückblickend wird mir klar, dass ich ihnen nur die schlechte Version meiner selbst bot: müde, gereizt und überkritisch.
Nun war es, wie bereits erwähnt, Samstag. Ich eilte an diesem Tag die Treppe unseres Hauses hinunter und betrat die Küche. Gail bereitete dort gerade das Frühstück für die Familie vor.
„Ich muss das Frühstück ausfallen lassen“, sagte ich und schlüpfte in meinen Mantel. „Muss ins Büro. Ich bin mit den Vorbereitungen für die Predigt morgen noch nicht fertig. Oh, und ein paar Mitarbeiter wollen sich mit mir zum Mittagessen treffen, um über ein Problem zu sprechen, das sie haben. Also werde ich wahrscheinlich erst –“
„Tu, was du tun musst“, unterbrach Gail mich, „aber wenn du gehst, solltest du einmal darüber nachdenken, dass du in letzter Zeit kaum Zeit mit den Kindern verbracht hast. Wo wir gerade davon reden: du und ich auch nicht.“
Ich erstarrte und überlegte, was ich antworten sollte.
Aber bevor mir etwas einfiel, sprach Gail weiter: „Sag mal, Gordon: Willst du wirklich so leben? Möchtest du, dass die kommenden Jahre so verlaufen? Haben wir uns so unser Leben vorgestellt, als wir geheiratet haben?“
Gails Fragen erwischten mich kalt. Ich hätte sofort entgegnen sollen: „Nein! So will ich nicht leben.“ Aber dann hätte ich erklären müssen, warum ich genau das tat: auf diese Weise leben.
Stattdessen brach ich in Tränen aus. Und es flossen nicht nur ein paar Tränen, und sie flossen nicht nur kurz. Ich weinte mindestens vier Stunden lang … tiefe, heftige Schluchzer brachen aus den Abgründen meiner Seele empor.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich rasch abwandte, als ich hörte, dass die Kinder die Treppe hinunterkamen. Schlimm genug, dass Gail Zeugin meines Weinkrampfs war. Aber die Kinder mussten das nicht auch miterleben.
Ich stürzte ins Wohnzimmer, warf mich auf die Couch und weinte schließlich den ganzen Morgen ununterbrochen. Und gerade als ich dachte, der Tränenfluss würde enden, ging es wieder los. Es war beängstigend.
Eine solche Gefühlsexplosion hatte ich noch nie erlebt. Habe ich gerade einen Zusammenbruch? Ich erinnere mich noch, dass ich mich das fragte. Brauchte ich einen Arzt, sollte ich ins Krankenhaus fahren? Warum hatte mich niemand auf einen solchen Moment vorbereitet?
Ich hörte, wie Gail eine Nachbarin anrief und fragte, ob unsere Kinder den Morgen dort verbringen könnten. Dann kam sie zu mir. Sie umarmte mich und sagte immer wieder, wie sehr sie mich liebte. Und sie versicherte mir, dass Gott bei uns sei. Nur das. Es gab keine demütigenden Bemerkungen darüber, dass echte Männer nicht weinen, keinen Versuch, alles in Ordnung zu bringen, keine selbstgefällige Erinnerung daran, dass das alles meine Schuld sei – was es ja auch war. Sie stand mir einfach nur still zur Seite.
Ich erinnere mich noch erstaunlich gut an die Einzelheiten dieses Morgens. Mein Inneres war wie ein überfluteter Keller. Überflutet durch unverarbeitete Gefühle und das, was diese verursacht hatte. Und genau wie bei einem überfluteten Keller mussten sie „ausgepumpt“ werden. Dazu trug die Tränenflut bei.
Ich habe seither oft auf diesen Tag zurückgeblickt und mich gefragt, warum ich eigentlich weinen musste. Vielleicht wegen einiger Verletzungen und Sorgen, die bereits seit Generationen in meiner Familie vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden waren? Aber vielleicht weinte ich auch aus Trauer über Dinge, die ich als Junge erlebt und nie verarbeitet hatte? Oder waren die Tränen schlicht und ergreifend die Folge von wochenlangem Stress, der pausenlos auf mir gelastet hatte, ohne dass ich einmal seelisch und geistlich aufgetankt hatte? Oder spielten alle diese Dinge eine Rolle?
An diesem Samstag lernte ich auf die harte und angsteinflößende Tour, dass ich nicht so weiterleben konnte wie bisher und gleichzeitig ein geistlicher Leiter für andere Menschen sein konnte. Ich bezeichne diesen Morgen gern als den Tag, an dem ich an meine Grenzen stieß.
Ich wollte immer schon Pastor werden. Mein Vater war einer und mein Großvater praktisch auch. Die Berufung lag mir also gewissermaßen im Blut. Und schon in jungen Jahren strebte ich dieses Ziel mit großer Vorfreude an. Selbst als Junge sah ich mich bereits eines Tages auf der Kanzel stehen. In meinen Teeniejahren verschloss ich mich eine Zeit lang trotzig geistlichen Dingen. Doch selbst dabei war mir klar, dass der Moment kommen würde, an dem ich der Einladung Gottes folgen würde, das zu werden, wozu er mich erschaffen hatte: ein Pastor, ein geistlicher Hirte für andere Menschen.
Mein Vater verstand es zu lehren. Er brachte mir alles bei, was man wissen musste, um eine Gemeinde zu leiten. Schon seit meiner frühesten Kindheit fiel es mir leicht, Reden zu halten. Und ich besaß soziale Kompetenz. Ich kam gut mit Menschen klar, konnte schnell mitdenken und Probleme aus dem richtigen Blickwinkel betrachten. Von Natur aus war ich immer ein Mensch mit Ideen, voller Visionen, und ich verstand es, andere davon zu überzeugen, mir zu folgen.
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