Sind wir freudig erfüllt, so neigen wir dazu, auf die Welt zuzugehen, positiv zu denken, wohlwollend und offen zu sein, das Gute im Menschen zu sehen, unterstützend tätig zu werden und zukunftsorientiert zu handeln. Wir haben gute Laune und stecken Andere mit dieser an, so dass in unserer Umgebung der Geist der Zusammenarbeit, der Liebe und des gegenseitigen Respekts gefördert wird. Wenn dadurch auch nicht unbedingt und zwangsläufig Bewusstheit und Sachverstand gefördert werden, so schafft dieser Zustand doch eine Atmosphäre des Fortschritts und der Gemeinsamkeit, in der Krieg und Hass nicht gedeihen können, die aber statt dessen für Zusammenarbeit und Einheit offen ist – und das ist etwas, von dem wir nicht genug haben können und das wir für unseren Planeten dringend benötigen.
Sind wir mit unserem sexuellen Leben einigermaßen zufrieden, dann gehen wir vielleicht nicht ganz so freudig auf andere Menschen zu, aber wir sind immer noch grundsätzlich offen für neue Kontakte und Erfahrungen, und wir sind bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten. Wir arbeiten konzentriert, wenn auch nicht unbedingt inspiriert, und verbreiten eine Atmosphäre der Ruhe und Verlässlichkeit. Allerdings neigen wir dann auch dazu, das Leben einfach so hinzunehmen, keine Ansprüche an die Zukunft zu stellen und keine Visionen zu haben. In diesem Zustand sucht man keinen Streit, verwendet aber auch kein Herzblut dafür, ihn zu verhindern.
Ist man dagegen sexuell unzufrieden und frustriert, sei es weil der Sex schlecht war oder man nicht damit zurecht kommt, aus welchen Gründen auch immer, keinen sexuellen Ausdruck zu finden, dann wirkt sich das sehr deutlich auf die Stimmung und das Verhalten aus. Man wird unzufrieden, gereizt, unleidlich, aggressiv, unkooperativ, und das Bewusstheitsniveau und die Fähigkeit zur Selbstreflektion und zu Objektivität sinken. Statt dessen tritt das trennende Ego-Bewusstsein in den Vordergrund und beginnt, sich an allem zu reiben: an Einzelheiten der Arbeit, an der Arbeit an sich, an Eigenheiten der Mitmenschen (die immer weniger als solche empfunden werden), an den Lebensumständen, an Abläufen jeglicher Art und natürlich an den prominenten Vertretern anderer Ego-Bewusstseine. Dieser Zustand ist geprägt von Hass, Misstrauen, Ablehnung, unsozialem bis antisozialem und soziopatischem Verhalten. Wirkliche Zusammenarbeit findet nicht statt, und man sucht rücksichtslos den eigenen Vorteil und empfindet vor allem die etwas glücklicheren Menschen als Feinde. In dieser Atmosphäre gedeihen Macht- und Besitzstreben, Krieg, Ausbeutung, Manipulation, Intriganz und allgemein destruktives Verhalten – was eine sehr klare Beschreibung der gegenwärtigen Lage auf unserem Planeten darstellt und bedingt zu Rückschlüssen auf die globale Lage der sexuellen Kultur einlädt.
Natürlich gibt es für all diese Verhaltensweisen auch andere Ursachen, die letztlich alle zusammenwirken, aber wie schon Freud erkannte, ist die Sexualität neben dem Egoismus, wenn nicht von ihrem Wesen, so doch von ihrer aktuellen Bedeutung her, eine der wichtigsten davon. Und wenn wir uns den gegenwärtigen Zustand der Welt ansehen, dann liegt, wie schon angedeutet, der Schluss nahe, dass eine frustrierte Sexualität zu einem guten Teil dafür mitverantwortlich ist. Wir haben unsere Welt nicht frei gestaltet, weil wir nicht frei waren und es auch immer noch nicht sind, denn die Emotionen, die mit einer frustrierten Sexualität verbunden sind, halten uns mit festem Griff gefangen und färben oder diktieren unser Verhalten. Man könnte also sagen, dass unsere Welt das Resultat von Unbewusstheit, sexueller Frustration und Unreife ist, ein nie bewusst gestaltetes Zufallsprodukt.
Eine der Möglichkeiten, unsere Zukunft bewusst zu gestalten und aus unserer Welt einen besseren Ort zu machen, liegt also, neben einem generellen Bewusstseinswachstum, einer Entfaltung der Liebe und der Beziehungsfähigkeit, einer neuen Einstellung zu Besitz und neuen Beziehungsformen, einer reformierten Politik und Anderem auch und vor allem in einer freien und befreiten Sexualität, in einem neuen sexuellem Bewusstsein, für das eine Geisteshaltung nötig ist, deren Wachstum und Entfaltung den unerlässlichen Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch eine neue Grundeinstellung und Offenheit deutlich erleichtern würde. All diese Bereiche bilden ein System gegenseitiger Beeinflussung, und darum hat jeder Fortschritt, der in einem Bereich erzielt wird, Einfluss auf alle übrigen Bereiche.
Mitursache für die vielen Probleme ist ein mangelndes Verständnis für die Sexualität und ihre Natur. Vor allem manche Kirchen möchten den Menschen Sex einzig und allein dann zugestehen, wenn eine bewusste Zeugungsabsicht innerhalb einer kirchlich geschlossenen Ehe der Grund für die sexuelle Aktivität ist. Selbstbefriedigung, Homo- und Bisexualität, Partnerwechsel, vorehelicher Geschlechtsverkehr, Polygamie, Polyamorie, Promiskuität, Sex um der Freude willen oder gar Verhütung sind mit dieser Einstellung dann natürlich tabu, obwohl sich diese Kirchen seltsamerweise meist nicht weigern, Paare zu trauen, die auf Grund ihres Alters oder wegen Unfruchtbarkeit keine Kinder bekommen können. Diese ungesunde Einstellung zur Sexualität, die in einem eigenartigen Naturrechtsbegriff begründet ist, sichert der Kirche zwar eine enorme moralische Machtstellung, ist aber neben der allgemeinen menschlichen Unbewusstheit die Hauptursache für unseren verkrampften Umgang mit unserer naturgegebenen und – wenn man an Gott glaubt – gottgewollten Sexualität und für die daraus resultierenden Vorurteile und Neurosen.
Um den Umgang mit der Sexualität auf den Boden der Tatsachen zu bewegen, müssen wir uns ein wenig mit der Geschichte und der Natur der Sexualität befassen. Diese wurzelt in wirklich prähistorischen Zeiten und so mit einem Fuß auch in der Genetik. Die allerersten Lebensformen waren Einzeller, und diese vermehrten sich durch Zellteilung, was im Grunde genommen einer Klonung entspricht, denn die daraus entstehenden Individuen sind genetisch identisch. Evolution, und damit die Ausbildung verschiedener Arten, erfolgte zu diesem Zeitpunkt dadurch, dass infolge chemischer Unfälle oder Strahlungseinflüssen Mutationen im Genom entstanden, die unverändert an die Nachkommen weitergegeben wurden. Dieser evolutive Prozess war selbst für den Zeitbegriff der Natur etwas langsam. Aber im Laufe der Zeit bildeten sich andere Vermehrungsstrategien heraus, welche den Ablauf der Evolution ein wenig beschleunigten.
Schließlich erschien die geschlechtliche Vermehrung auf der irdischen Bühne, die Trennung des überwiegenden Teiles des irdischen Lebens in männlich und weiblich, die dafür sorgte, dass sich verwandte, aber leicht unterschiedliche Genome miteinander mischen konnten, so dass aus dieser Verbindung einzigartige Nachkommen mit einem jeweils individuellen Genom entstehen konnten. Diese Erfindung der Natur beschleunigte die Evolution ungemein und führte zu dieser überbordenden taxonomischen und genetischen Vielfalt, die wir heute kennen und die von der auf Alleinstellungsmerkmale bedachten Saatgutindustrie bei Nutzpflanzen bereits bekämpft wird.
Die Rolle der Sexualität zu diesen Anfangszeiten der Geschlechtlichkeit lag also, zumindest in der Tierwelt, darin, männliche und weibliche Vertreter einer Spezies dazu zu bewegen, Nachkommen zu zeugen und die Vielfalt zu fördern. Zu diesem Zweck, um also einen Anreiz für die sexuelle Betätigung zu bieten, entstand der Sexualtrieb, der bei geschlechtlicher Vermehrung für die Erhaltung der Art bei gleichzeitig fehlendem Bewusstsein, absolut unerlässlich ist, weshalb er auch tief in unserem tierischen Erbe verankert ist, und die Pheromone und Hormone, um die richtige Richtung vorzugeben und den Einsatz der sexuellen Betätigung zu steuern. In diesen Anfangszeiten und in der entsprechend primitiven Tierwelt fand Sexualität in einer periodischen, kompulsiven Kopulation ihren Ausdruck, während sie in der übrigen Zeit nicht existierte. Und das scheint wohl auch der Zustand und die Zeitzone zu sein, auf die sich zumindest die katholische Kirche mit ihrem nicht-christlichen Naturrecht beruft und in denen es Homosexualität nicht oder höchstens als biochemischen Unfall gab. Und da der ganze Daseinszweck dieser primitiven Ur-Fauna in der Fortpflanzung bestand, kam es bei den kurzlebigeren Arten durchaus dazu, dass das Weibchen nach der Begattung das Männchen, das seinen ganzen Daseinszweck nun fast erfüllt hatte, zum Wohle der gerade eben gezeugten Nachkommen gleich verspeiste. Diese Verhalten kann man heute noch bei der Gottesanbeterin beobachten.
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