Göttliche Supervision und Stillung im Gebet Göttliche Supervision und Stillung im Gebet Wenn ich (Daniel) so meine seelischen Inhalte vor Gott ausgebreitet und bei ihm losgelassen habe, beginne ich innerlich zu hören: Gott, was hast du auf dem Herzen für mich? Wie beurteilst du diesen Streit? Ermutige mich doch durch ein Wort von dir! Weise mich zurecht, wo ich daneben liege! Was mir in solchen Zeiten der Stille und Stillung zufällt, hat unterschiedliche Qualität. 4 Manches erkenne ich als eigene Gedanken und Gefühlsinhalte. Anderes wieder hat eine Klarheit und Feinheit, die ich als göttliche Impulse deute. Die betende Zweisamkeit mit Gott baut innerlich auf. Sie stillt unsere tiefsten Bedürfnisse in einem Maße, wie es unser Partner nie geben kann. Die Lektüre in der Bibel ist mir dabei eine große Unterstützung. (Gott spricht viele Sprachen, seine Muttersprache ist die der Bibel.) Gerade dem Lesen der Psalmen, des Gebetbuches Jesu, kommt eine große Bedeutung zu, weil darin alle Emotionen vor Gott zur Aussprache kommen, wenn Eheleute »Krieg und Frieden« ihrer Beziehung durchleben.
Negative Gefühle abfließen lassen Negative Gefühle abfließen lassen Betende Ehepaare lernen, negative Gefühle und Gedanken bei Gott abfließen zu lassen. Sie erbitten im Gebet Geduld, Barmherzigkeit, Humor, Liebe und Verständnis. Sie empfangen von Gott neue Gefühle, entscheiden sich dafür und versuchen, darin zu laufen. Wo in einer Ehe gebetet wird, findet eine Entschlackung zwischenmenschlicher Verletzungs- und Abnutzungsgefühle statt. Das ist die Sauerstoffzufuhr göttlicher Liebe. Betende Ehepartner sind Frauen und Männer, die die Verantwortung für ihre Gedanken und Gefühle übernommen haben und so Psychohygiene vor Gott betreiben. Sie haben aufgehört, den anderen für das eigene Ergehen verantwortlich zu machen. Das Gebet, in dem jeder Partner für sich vor Gott ungute Dinge bereinigen kann, ist die Alternative zu unseren unfruchtbaren ehelichen Interaktionszirkeln, wo wir Schuld verschieben: »Weil du …, habe ich halt …« »Wenn du nicht …, hätte ich auch nicht …«
Als Ehepaar gemeinsam beten Als Ehepaar gemeinsam beten Es liegt eine große Chance darin, wenn wir gemeinsam beten. Wir sind darin allerdings erst Anfänger. Das hat manche Gründe: Wir mussten uns zu Beginn unserer Ehe von einer christlichen Prägung lösen, wo man im gemeinsamen Gebet indirekt kommunizierte: Die Stimme an Gott richtend und dabei auf den anderen zielend, sagte man Sachen, die man sonst, in einem offenen Gespräch, verschwieg. Wir misstrauten daher dem gemeinsamen Gebet. Wir wollten direkte Kommunikation, eine faire Streitkultur. Das war damals gut so. Vermischt damit war bei mir (Daniel) eine große Zurückhaltung – wir können es auch Behinderung nennen –, Intimität in meinen Gefühlen zuzulassen. (Und echtes gemeinsames Gebet schafft ja gerade eine große Nähe.) Heute merken wir, wie es uns verbindet und gut tut, wenn wir Gott gemeinsam danken oder eine Not vor ihn bringen können. Oder es macht uns wieder frei, wenn wir im Gebet unsere festgefahrenen Positionen abgeben und ihn um Rat bitten können. Ich (Käthi) erlebe das gemeinsame Gebet kraftvoller, als wenn ich alleine bete. Es ist ein Zeuge dabei. Und wir sprechen laut. Mir scheint, dass mehr Kraft und Zielgerichtetheit in unserem Beten ist. Wir machen im Gebet das gemeinsam Erkannte fest. Im gemeinsamen Gebet leben wir unsere Ehe als Beziehungsdreieck exemplarisch, der Trialog wird ganz konkret.
Konstruktiver Umgang mit Führungsfrust Konstruktiver Umgang mit Führungsfrust Und wie wirkt sich Beten auf Führungsverantwortliche aus? Wer gelernt hat, seinen »Ehefrust« mit Gott zu bearbeiten – und zwar unabhängig von seinem Partner –, der wird auch fähig sein, seinen »Führungsfrust« mit Gott zu bewältigen. Wir werden später sehen, wie das Beten zu einer guten »Work-Life-Balance« beiträgt. Zudem sind Leitende, die gelernt haben, sich in der Stille vor Gott stillen zu lassen, weniger anfällig dafür, ihr durstiges Selbst durch Position, Macht, Leistung und Anerkennung durch Menschen zu stillen. Wer betet, ist nicht mehr der Nabel der Welt, sondern steht vor dem, der das Universum in Händen hält. Demut ist eine Voraussetzung für gutes Führen. Es ist irritierend, peinlich und für das Unternehmen gefährlich, wenn Führungsverantwortliche dauernd um ihr eigenes Ich kreisen und ihre Entscheidungen aus der Befangenheit ihrer »Egorotation« heraus fällen. 4 Siehe auch: Daniel Zindel, Gestillt – Nachtgespräche mit David , Neufeld, Schwarzenfeld 2 2014.
Charakter Charakter Damit bezeichnen wir unsere Art oder Unart. Jeder von uns hat seinen Charakter, ist eine Persönlichkeit. Wir sind originale Geschöpfe Gottes. Wir haben unsere genetischen Vorgaben. Wir sind in gesunden oder kranken Familien groß geworden. Wir haben an Modellen gelernt, was ein Mann oder eine Frau ist, wie ein Paar zusammenlebt, wie Kinder erzogen werden. Wir haben unsere Vorbilder – gute, schlechte, meist irgendwo dazwischen. Was wir geworden sind, ist die Folge unserer Erziehung, das Resultat unserer Selbsterziehung, die Auswirkung unserer Lernfelder, die Frucht von Gottes einmaliger Geschichte mit jedem von uns. Unser Charakter ist noch nicht voll ausgebildet. Wir sind weiter formbar. Wenn Gott in der biblischen Symbolgeschichte den Menschen aus Erde macht, wird damit nicht nur gesagt, dass wir Erde (lateinisch humus ) sind und wieder zu Erde werden. Der Mensch bleibt immer formbar wie Lehm. Plastizität, Formbarkeit gehört zu unserer Grundstruktur. – Und wer weiß, vielleicht werden wir älter und dabei sogar ein bisschen weiser (lateinisch homo sapiens )!
Ko-Evolution Ko-Evolution Eines der größten Abenteuer unserer Charakterveränderung beginnt mit der nachhaltigen Bindung an einen Ehepartner. Bei der Partnerwahl haben unbewusste Kräfte eine Rolle gespielt: Gemeinsamkeiten haben uns fasziniert, unsere Gegensätzlichkeit zog uns an. In gewissen Bereichen passen wir zusammen wie Topf und Deckel. Es entwickelte sich ein Zusammenspiel und gemeinsame Muster entstanden. Wir können uns zu unserem Schaden in einer unguten »Kollusion« verzahnen (damit ist in diesem Zusammenhang das unbewusste Zusammenspiel eines Paares in unausgesprochenem Einvernehmen gemeint, sozusagen ein »geheimes Einverständnis«), 5 zum Beispiel als Opfertyp, der sich mit einem gewalttätigen Grobian verbindet. Wir können uns im Guten optimal ergänzen und aneinander entwickeln. Was hat meine Frau nicht alles aus mir hervorgelockt? Ich (Daniel) entwickelte an ihr Charaktereigenschaften wie Häuslichkeit, Freude am Kochen, Konfliktfähigkeit und Ehrlichkeit. In wievielen Gebieten ist sie meine Entwicklungshelferin gewesen! Ich (Käthi) habe Ausdauer und Mut entwickelt, weil mein Mann mich im Sommer wie im Winter auf alle Berge schleppte. Unser Charakter erfährt durch die Ehe eine »Ko-Evolution«. 6 Wir verändern uns an dem, durch das und mit dem Gegenüber. Jeder Wachstumsschritt, jede Veränderung eines Partners erfordert eine Anpassung des anderen. Es gibt kein größeres Flexibilitätstraining als eine dynamisch gelebte Ehebeziehung. Das überfordert uns oft, weil Charakterveränderungen Zeit brauchen, mit Leiden verbunden sind und wir es lieber gemütlich und bequem hätten.
Der Punkt der Anziehung wird zum Punkt des Konflikts Der Punkt der Anziehung wird zum Punkt des Konflikts Unsere Not entsteht oft dort, wo eine Charaktereigenschaft unseres Partners, die uns zunächst fasziniert hat, uns zu stören beginnt, bis sich daran sogar eigenes Leiden entzündet. Ausgerechnet der Punkt der Anziehung wird jetzt zum Konfliktpunkt. Der tiefgründige, stille Denker entpuppt sich als »stummer Bock«. Die filigrane, zerbrechliche Sensible wird zur unberührbaren Mimose. Also beginnt sie zu bohren: »Hast du mir denn nichts zu sagen?« Darauf hin wird er noch bockiger. Er sagt kopfschüttelnd: »Du musst doch nicht immer so überempfindlich reagieren!« Was wiederum ihre Robustheit nicht gerade stärkt. Was uns am Charakter des anderen stört, beginnen wir zu bearbeiten. Unsere Ehe verwandelt sich zuerst in eine ichbefangene Töpferei: Am Charakter des Gegenübers wird mit sanftem Fingerdruck subtil modelliert. »Schatz, meinst du nicht auch, du solltest es nicht immer so persönlich nehmen?« Natürlich verhärtet uns die gegenseitige Nörgelei, wir bilden Abwehrpanzer. Die Töpferei wird nun in ein Bildhaueratelier verwandelt und Mann oder Frau greifen zu Meißel und Vorschlaghammer. (»Wenn das noch einmal vorkommt, gehe ich«). – Unter Druck und Manipulation ändern wir unseren Charakter nie, wir passen uns nur vordergründig an. Der Humus für Charakterveränderungen besteht aus Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Geduld und Liebe. In einer Töpferei gedeiht eheliche Liebe schlecht, und Hammer und Meißel führen meistens zu ihrem Tod.
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